Der Leichenpräparator und Erfinder der weltbekannten Ausstellung „Körperwelten“, Gunther von Hagens, ist tot. Er starb im Alter von 81 Jahren, wie die Nachrichtenagentur dpa aus seinem Umfeld erfuhr. Zuvor hatten mehrere Medien über den Todesfall berichtet. Nähere Angaben zu den Umständen seines Todes wurden zunächst nicht gemacht.
Vom Medizinstudium zur Plastination
Gunther von Hagens wurde 1945 als Gunther Liebchen in Alt-Skalden (heute Polen) geboren und wuchs in Greiz in der DDR auf. Nach dem Abitur studierte er Medizin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 1970 floh er aus der DDR in den Westen und setzte sein Studium in Lübeck fort. 1975 promovierte er an der Universität Heidelberg. Dort begann er auch mit ersten Experimenten zur Konservierung von Gewebe.
In den späten 1970er Jahren entwickelte von Hagens die Plastination, ein Verfahren, bei dem das Wasser und die Fette in Zellen durch Kunststoffe wie Silikon oder Epoxidharz ersetzt werden. Dies ermöglicht eine dauerhafte Haltbarkeit von Präparaten, die ihre natürliche Form behalten. 1993 gründete er das Institut für Plastination in Heidelberg, das später nach Guben in Brandenburg verlegt wurde.
Durchbruch mit „Körperwelten“
Die erste „Körperwelten“-Ausstellung eröffnete 1995 in Tokio und wurde zu einem weltweiten Erfolg. Seitdem tourte die Schau durch über 50 Länder und wurde von mehr als 50 Millionen Menschen besucht. Die Exponate zeigen echte menschliche Körper und Organe – häufig in sportlichen oder alltäglichen Posen – und sollen dem Laien die Anatomie näherbringen. Von Hagens selbst bezeichnete sein Werk als „demokratische Anatomie“.
Die Ausstellung führte jedoch auch zu heftigen ethischen und juristischen Auseinandersetzungen. Kritiker warfen von Hagens vor, die Würde der Verstorbenen zu missachten und mit Leichen Geschäfte zu machen. Befürworter hingegen lobten den Bildungswert. Von Hagens betonte stets, dass alle Präparate von freiwilligen Spendern stammten, die zu Lebzeiten ihre Einwilligung gegeben hätten.
Öffentliche Autopsie und weitere Kontroversen
Im Jahr 2002 sorgte von Hagens für Aufsehen, als er in London eine öffentliche Autopsie an einem menschlichen Körper durchführte und live im Fernsehen übertragen ließ. Die Sendung wurde in Großbritannien ausgestrahlt, führte jedoch zu Protesten von Medizinern und Ethikern. Weitere Rechtsstreitigkeiten betrafen die Herkunft der Leichen – insbesondere aus Kirgisistan und China – sowie die Frage, ob die Ausstellung als Wissenschaft oder kommerzielle Kunst einzuordnen sei.
Von Hagens selbst litt zuletzt an der Parkinson-Krankheit und zog sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Er lebte mit seiner zweiten Frau, der Ärztin Angelina Whalley, die auch die Kuratorin der „Körperwelten“-Ausstellungen ist, in Heidelberg. Whalley wird voraussichtlich die Leitung des Instituts und der Ausstellungen fortführen.
Vermächtnis eines Unbeugsamen
Gunther von Hagens hinterlässt ein ambivalentes Erbe. Während er von Mediziner und Anatomen für seine technischen Innovationen geschätzt wird, bleibt sein Umgang mit menschlichen Überresten umstritten. Die „Körperwelten“-Schau soll nach seinem Tod weiterbetrieben werden. Die Familie rief dazu auf, von Blumen und Gedenkfeiern abzusehen. In einer Mitteilung hieß es: „Er hat sein Leben der Aufklärung gewidmet; die beste Erinnerung ist es, sein Werk fortzuführen.“
Mit seinem Tod endet ein Kapitel der Wissenschaftsgeschichte, das Fragen nach Ethik, Kunst und Medizin aufwirft. Die Debatte um seinen Einsatz menschlicher Körper für Bildungszwecke wird jedoch wohl weitergehen.



