Jens Spahn ist als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurückgetreten – nach nur 14 Monaten im Amt. Der 46-jährige CDU-Politiker begründete seinen Schritt mit den Worten: „Eines ist mir in den letzten Tagen immer klarer geworden: Meine Familie ist mir das Wichtigste.“ Der Rücktritt erfolgte am heutigen Montag, nachdem der Druck auf Spahn auch in den eigenen Reihen massiv gestiegen war.
Private Entscheidung mit politischen Folgen
Auslöser der Krise war ursprünglich eine private Entscheidung: Spahn und sein Ehemann Daniel Funke hatten sich entschlossen, Eltern zu werden, und dafür die Hilfe einer Leihmutter in den USA in Anspruch genommen. Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, und die Unionsparteien lehnen eine Legalisierung strikt ab. Spahn selbst hatte sich in der Vergangenheit gegen die Leihmutterschaft ausgesprochen. Kritiker werfen ihm daher vor, privat Möglichkeiten zu nutzen, die er anderen in Deutschland politisch verwehrt habe.
Vom Aufsteiger zum Gefallenen
Spahn befand sich auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere, als der Skandal ihn einholte. Nach schwierigem Start hatte er seine Position an der Fraktionsspitze gefestigt und galt neben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) als mächtigster Mann der Union. In der Reformphase der schwarz-roten Koalition profilierte er sich als geräuschloser Strippenzieher – ein Erfolg, den ihm nach seinem ersten, holprigen Amtsjahr nicht jeder zugetraut hatte.
Seine Wahl zum Fraktionschef im Mai 2025 war mit 91,3 Prozent vielversprechend verlaufen. Doch bereits zwei Monate später, am 10. Juli 2025, platzte die Wahl der Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht – ein Desaster, das Spahn angelastet wurde, weil er den Widerstand in der eigenen Fraktion nicht rechtzeitig erkannt hatte. Er bezeichnete diesen Tag als einen der beiden „heftigsten“ seiner politischen Karriere, neben einer Situation während der Corona-Krise.
Krisen und Erfolge
Spahn ließ sich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen. Auch die Affäre um Maskenkäufe aus seiner Zeit als Gesundheitsminister (2017–2021) überstand er. „Es braucht ziemlich viel, um mich umzuhauen“, sagte er damals. Die größte Herausforderung war der Rentenstreit im Herbst, als die Junge Union gegen das Rentengesetz von Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) rebellierte. Spahn organisierte die notwendigen Stimmen, indem er jeden einzelnen Abgeordneten bearbeitete – laut Medienberichten nicht zimperlich, sogar mit Androhung von Listenplatzentzug.
Bei seiner Wiederwahl im Mai dieses Jahres erreichte Spahn nur noch 86,5 Prozent – rund fünf Prozentpunkte weniger als beim ersten Mal. Dennoch schien er unerschütterlich. Spahn sitzt seit 2002 im Bundestag, wurde mit 21 Jahren als jüngster Abgeordneter der Union gewählt und gehört dem Parlament nun fast ein Vierteljahrhundert an. Nach dem Wahlsieg der Union im Februar 2025 war er als Wirtschaftsminister im Gespräch, doch Merz machte ihn zum Fraktionschef – ein noch mächtigeres Amt.
Der Sturz
Spahn unterschätzte offenbar die politische Wirkung seiner privaten Entscheidung. Nach Bekanntwerden der Leihmutterschaft entwickelte sich in der Union ein Sturm der Empörung, und niemand sprang ihm bei. In einem Interview mit „Bild“-Vize Paul Ronzheimer am Freitagnachmittag zeigte er sich noch zuversichtlich, die Welle bis zur nächsten regulären Fraktionssitzung zu überstehen. Doch der Druck war bereits enorm. Bundeskanzler Merz verlor noch vor der CDU-Präsidiumssitzung am Montag die Geduld und drängte Spahn zum Rücktritt.
Ob Spahns politische Karriere damit beendet ist, bleibt offen. Ein Comeback in gehobener Position gilt angesichts des Glaubwürdigkeitsverlusts als kaum vorstellbar.



