Kai Viehof: Der Millionenerbe, der seine Millionen nicht will
Kai Viehof, 44 Jahre alt, Enkel des Allkauf-Gründers, hat einen ungewöhnlichen Weg gewählt: Statt sein Erbe zu genießen, schlug er den Großteil aus und will den Rest verschenken. Sein Großvater baute in den 1960er-Jahren die Handelskette „Allkauf“ auf, die er 1998 für rund eine Milliarde Mark an die Metro AG verkaufte. Das Geld floss in die Familie, doch Viehof lehnte seinen Anteil ab.
Viehof ist Teil einer wachsenden Gruppe von Millionären, die ihr Geld nicht vermehren, sondern verteilen wollen. Dazu gehören auch Sebastian Klein, Autor von „Toxisch reich“, und Marlene Engelhorn aus der BASF-Gründerfamilie. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung werden mehr als die Hälfte der privaten Vermögen in Deutschland vererbt oder verschenkt. Der Global Wealth Report 2025 der Boston Consulting Group zeigt, dass nur die USA und China mehr Superreiche haben als Deutschland.
Warum Viehof sein Erbe ausschlug
Sein Vater schenkte ihm bereits in jungen Jahren einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Das eigentliche Erbe, einen bis zu dreistelligen Millionenbetrag, schlug der Sohn jedoch aus. „Das ist für mich keine Neiddebatte“, sagt Viehof. „Das ist für mich eine zentrale Debatte, der sich auch die stellen müssen, die im System gewonnen haben.“
Sieben Achtel des bereits erhaltenen zweistelligen Millionenbetrags will Viehof spenden oder in Unternehmen investieren, die eine gesellschaftliche Rendite versprechen. Ursprünglich lernte er Steuerberater, arbeitet aber kaum noch in diesem Beruf. Stattdessen ist er damit beschäftigt, Geld sinnvoll auszugeben – bis es fast weg ist.
Der Weg zur Entscheidung
Schon mit 17, als die Familie das Unternehmen verkaufte, beschloss Viehof, sein Erbe zu spenden, sagte es aber zunächst nicht. „Es war so ein Gefühl, Gerechtigkeitsempfinden“, erinnert er sich. Sein Vater schenkte ihm Aktien und andere Werte, deren Wert er damals nicht genau kannte. Heute würde er die Schenkung vielleicht ablehnen, ist aber im Zwiespalt: „Wenn ich darüber verfüge, kann ich das auch für andere Zwecke einsetzen.“
Mit Mitte 30 sollte Viehof einen weiteren dreistelligen Millionenbetrag erben, doch er schlug aus. Er sah in seiner Familie die Sorge, die Nachfahren könnten am Hungertuch nagen, und wollte keine Geschäftsbeziehung zu seinen Verwandten. Nach einem Gespräch mit seinem Vater floss der Betrag in eine gemeinnützige Stiftung, mit der Viehof nichts zu tun hat. Vertretungsberechtigt ist sein Vater.
Spenden für Demokratie
Von dem verbliebenen mittleren zweistelligen Millionenbetrag behält Viehof ein Achtel für sich und seine Familie als Puffer. Die restlichen sieben Achtel spendet er oder investiert sie in Unternehmen mit gesellschaftlichem Fokus. Sein Schwerpunkt liegt auf Demokratie: „Ohne Demokratie kann man alle weiteren Themen, auch den Klimawandel, vergessen“, sagt er.
Fünf Jahre lang unterstützt er Hate Aid mit einem sechsstelligen Betrag jährlich, eine Organisation gegen Hass im Internet. Auch Correctiv, das Medienunternehmen, das für seine AfD-Berichterstattung bekannt ist, erhält Spenden. Weitere Empfänger sind Brand New Bundestag und die Bürgerbewegung Finanzwende. Viehof setzt sich öffentlich für eine Vermögensteuer und eine Reform der Erbschaftsteuer ein, da die Konzentration von Reichtum die Demokratie gefährde.
Wirkung und Herausforderungen
Viehof sucht nicht systematisch nach Organisationen, sondern verlässt sich auf sein Netzwerk, etwa die Schöpflin-Stiftung. „Manchmal ist es auch absolutes Bauchgefühl: Die finde ich nett, denen gebe ich Geld“, sagt er. 2023 lernte er Helene Wolf von „Fair Share of Women Leaders“ kennen, die sich für mehr Frauen in Führungspositionen einsetzt. Viehof unterstützt den Verein fünf Jahre lang mit einer sechsstelligen Summe. „Sein Beitrag ist extrem wichtig für die langfristige, strategische Arbeit“, sagt Wolf.
Spenden will gelernt sein: Viehof hat erlebt, dass großzügige Zusagen zu teuren Strukturen führten, wenn öffentliche Mittel ausblieben. Er stückelt Beträge über mehrere Jahre, damit Organisationen langfristig planen können. Schon mehrfach hat er Projekte nicht weiter unterstützt. „Möglicherweise lässt man dann eine Organisation über die Klinge springen. Dahinter stehen Einzelschicksale von Personen, die ihren Job verlieren“, erklärt er.
Investitionen in Impact-Unternehmen
Neben Spenden investiert Viehof in Unternehmen, die sich dem gesellschaftlichen Wohl verschrieben haben. Dem Tampon-Start-up Vyld gab er ein Darlehen von 750.000 Euro, dem Porridge-Start-up Haferkater half er mit einer sechsstelligen Summe beim Wechsel ins Verantwortungseigentum. Wenn die Geschäfte gut laufen, bekommt er das Geld mit gedeckelter Verzinsung zurück. Dieses Risikokapital hat er gedanklich bereits abgeschrieben.
Felix Oldenburg, Chef des Stiftungs-Start-ups Bcause, sagt: „Sich sichtbar zu engagieren, ist für diese Erben eine Lose-lose-Situation.“ Sie werden sowohl von denen kritisiert, die mehr Spenden fordern, als auch von denen, die weniger fordern. Viehof gehört zu denen, die trotzdem darüber reden. Sein Verhältnis zum Vater hat sich verbessert; dieser denkt inzwischen ebenfalls über Verteilungsgerechtigkeit nach. „Ich bewundere ihn sehr dafür, dass er progressiv weiterdenkt“, sagt Viehof.
Von seinem Vermögen sind noch knapp drei Achtel übrig, inklusive zugesagter Unterstützung. Wenn alles weg ist, will Viehof sich stärker auf seinen Aktivismus konzentrieren. „Natürlich habe ich daran schon gedacht. Das wird mich zwar schmerzen, aber ich möchte die Rolle des Geldgebers auch irgendwann verlassen.“



