Nach dem tödlichen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) wird in Deutschland erneut über die Haltung muslimischer Gelehrter zu Homosexualität debattiert. Die muslimische Influencerin Nur El-Huda erhebt schwere Vorwürfe: Viele konservative Islam-Gelehrte in Deutschland lehnten Homosexuelle ab – und extremistische Gruppen nutzten das Internet, um jungen Muslimen eine radikale Sichtweise zu vermitteln. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) wollte sich auf Anfrage von BILD zu dem Problem nicht äußern.
Tödlicher Anschlag auf den Berliner CSD
Der Schock nach dem Terroranschlag vor einer Woche sitzt tief: Während Zehntausende Menschen im Berliner Tiergarten friedlich für die Rechte von Schwulen, Lesben und queeren Menschen demonstrierten, raste ein IS-Anhänger in die Menge und tötete eine Frau. Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt. Die Tat hat die Diskussion darüber entfacht, wie groß die Gefahr durch schwulenfeindliche Islam-Gelehrte in Deutschland tatsächlich ist.
Die Influencerin Nur El-Huda (26) erreicht mit ihren Beiträgen Zehntausende junge Menschen in der islamischen Community in Deutschland. Sie selbst ist gläubige Muslimin, legte vor kurzem ihren Hidschab – die islamische Kopfbedeckung – ab und erhielt danach Morddrohungen. Über ihre Geschichte berichteten unter anderem die „Süddeutsche Zeitung“ und „3sat“.
„Viele Muslime wachsen mit ablehnender Haltung auf“
El-Huda beobachtet eine besorgniserregende Tendenz: Gerade junge Muslime kämen heute schnell mit besonders strengen Auslegungen des Islam in Kontakt. „Viele Muslime wachsen mit einer ablehnenden Haltung gegenüber Homosexualität auf“, sagt sie im Gespräch mit BILD. Viele islamische Gelehrte in Deutschland nähmen dabei eine klare Trennung vor: Homosexualität als solche werde nicht als Sünde betrachtet – homosexuelle Handlungen hingegen schon, erklärt El-Huda.
Konservative Gelehrte berufen sich bei dieser Position auf religiöse Überlieferungen und die islamische Rechtslehre Scharia. In traditionalistischen Auslegungen sieht die Scharia für homosexuelle Handlungen die Todesstrafe vor. „Diese Strafe kann in Deutschland selbstverständlich nicht angewendet werden, der Glaube an ihre grundsätzliche Gültigkeit bleibt innerhalb dieses Systems jedoch bestehen“, sagt El-Huda. Genau diese Haltung sei ein Nährboden für Diskriminierung und Gewalt.
Extremistische Gruppen nutzen das Internet
Besonders problematisch ist nach Ansicht der 26-Jährigen, dass Gruppen wie „Hizb ut-Tahrir“, die Muslimbruderschaft oder „Muslim Interaktiv“ zunehmend versuchen, junge Menschen über soziale Medien anzusprechen. „Sie treten häufig sprachlich moderat auf und vermitteln den Eindruck, Teil einer demokratischen Gesellschaft zu sein“, sagt El-Huda. „Viele von ihnen verfolgen jedoch das Ziel, die Anwendung der Scharia zu etablieren.“ Diese Gruppen nutzten die Unsicherheit junger Muslime aus und verbreiteten ein Weltbild, das mit den Grundwerten des Grundgesetzes unvereinbar sei.
Auch in vielen Moscheen in Deutschland ist die Bandbreite der Predigten groß. Während viele Imame moderate Ansichten vertreten, nimmt besonders im Internet der Hass auf Homosexualität zu. Das zeigen nicht zuletzt die Auftritte radikaler Prediger, die in sozialen Netzwerken um Aufmerksamkeit buhlen und dabei oft ungestraft bleiben. Die DITIB-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld steht dabei exemplarisch für den Spagat vieler Verbände zwischen Integration und konservativen Traditionen.
Zentralrat der Muslime schweigt
Nach dem Anschlag in Berlin verurteilte der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) Terror und Gewalt – doch auf die konkrete Frage von BILD, wie verbreitet Schwulenfeindlichkeit unter Muslimen sei und welche Gefahr von sozialen Medien ausgehe, antwortete der Verband nicht. Die Anfrage wurde schlicht ignoriert. Kritiker sehen darin ein Symptom für die mangelnde Aufarbeitung des Problems innerhalb muslimischer Institutionen.
Islam-Experte Eren Güvercin von der Alhambra-Gesellschaft geht noch weiter: „Die Tabuisierung, das Versäumnis, das Problem beim Namen zu nennen, ist selbst ein Teil des Problems. Wer schweigt, um die Community zu schützen, schützt am Ende nicht die Community, sondern die Ideologie, die sie von innen vergiftet.“ Diese Aussage macht deutlich, wie wichtig ein offener Dialog innerhalb der muslimischen Gemeinschaft ist.
Forderung nach klarer Kante gegen Homophobie
Für El-Huda ist der Anschlag von Berlin ein Weckruf. Sie fordert, dass muslimische Verbände und Gelehrte eindeutig Position beziehen – nicht nur gegen Terror, sondern auch gegen die alltägliche Diskriminierung von LGBTQ-Personen. „Es reicht nicht, den Terror zu verurteilen, solange die geistige Brandstiftung weitergeht“, so die Influencerin. Die Debatte über Integration und Religionsfreiheit dürfe nicht länger an den Realitäten vorbeiführen, in denen viele junge Muslime aufwachsen.
Der Anschlag auf den CSD hat eine Wunde gerissen, aber auch den Blick darauf geschärft, wo die Gefahren liegen. Ob Deutschlands wichtigster Islam-Verband auf Dauer schweigen kann, wird sich zeigen. Die Gesellschaft erwartet Antworten – und die Betroffenen fordern Taten.



