Sloterdijk: „Es läuft auf eine Bottleneck-Wirtschaft hinaus“
Sloterdijk: „Bottleneck-Wirtschaft“

Der Philosoph Peter Sloterdijk sieht die Weltwirtschaft in einer fundamentalen Umbruchphase. Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt der 78-Jährige, dass sich der Welthandel neu ordnet und der Liberalismus an sein Ende kommt. Zugleich warnt er davor, dass ausgerechnet die Techkonzerne zu Verlierern ihrer eigenen Disruption werden könnten.

Neue Ordnung des Welthandels

Sloterdijk, der den Sommer in einem Landhaus in Chantemerle-lès-Grignan im südfranzösischen Département Drôme verbringt, beschreibt die aktuelle Entwicklung als Übergang zu einer „Bottleneck-Wirtschaft“. Diese Phase sei geprägt von Engpässen und einer Neuausrichtung der globalen Lieferketten. Der Liberalismus, wie wir ihn kannten, habe ausgedient.

Die Techkonzerne, so Sloterdijk weiter, könnten zu den großen Verlierern dieser Entwicklung werden. Sie hätten die Disruption selbst vorangetrieben, aber nun drohe ihnen, von den Folgen überrollt zu werden. Die Konzerne hätten die alten Strukturen zerstört, ohne neue stabile Ordnungen zu schaffen.

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Ende des Liberalismus

Sloterdijk betont, dass die Ära des uneingeschränkten Freihandels vorbei sei. Die Nationalstaaten würden wieder stärker in die Wirtschaft eingreifen, und protektionistische Tendenzen nähmen zu. Diese Entwicklung sei nicht nur eine Reaktion auf die Corona-Pandemie, sondern Ausdruck einer tieferen Krise des liberalen Weltbilds.

Der Philosoph sieht in der neuen Ordnung aber auch Chancen. Die Krise könne dazu führen, dass Wirtschaft und Gesellschaft wieder stärker auf regionale Kreisläufe setzen. Das sei nicht zwangsläufig ein Rückschritt, sondern könne neue Formen der Zusammenarbeit hervorbringen.

Kritik an Techkonzernen

Besonders deutlich wird Sloterdijk bei der Bewertung der großen Digitalkonzerne. Diese hätten mit ihrer Marktmacht und ihrem Datenhunger die Grundlagen des Wettbewerbs untergraben. Nun müssten sie sich den neuen Realitäten stellen. „Die Disruption frisst ihre Kinder“, so der Philosoph.

Er verweist auf die wachsende Regulierung in Europa und den USA, die den Konzernen Grenzen setzen will. Doch auch die Unternehmen selbst müssten umdenken, wenn sie langfristig überleben wollten. Die Zeiten des ungehinderten Wachstums seien vorbei.

Gesellschaftliche Auswirkungen

Sloterdijk warnt vor den gesellschaftlichen Folgen der wirtschaftlichen Umbrüche. Die Schere zwischen Arm und Reich werde weiter auseinandergehen, wenn keine neuen Verteilungsmechanismen gefunden würden. Die Politik sei gefordert, Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.

Der Philosoph plädiert für eine Rückbesinnung auf Werte wie Solidarität und Gemeinsinn. Nur so könne die Gesellschaft den Wandel meistern, ohne auseinanderzubrechen. Die Zeit des reinen Individualismus sei vorbei.

Blick in die Zukunft

Auf die Frage, wie die Zukunft aussehen könnte, antwortet Sloterdijk: „Es wird nicht einfacher, aber es wird klarer.“ Die neue Ordnung werde nicht von heute auf morgen entstehen, sondern sich in einem langen Prozess herausbilden. Europa müsse dabei eine führende Rolle spielen.

Der Philosoph zeigt sich trotz aller Kritik optimistisch. Die Menschheit habe schon frühere Krisen überwunden und werde auch diese meistern. Entscheidend sei, die richtigen Lehren zu ziehen und mutig neue Wege zu gehen.

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