Spazieren im Grünen: 120 Minuten pro Woche für ein gesünderes Gehirn
Spazieren im Grünen: 120 Minuten pro Woche fürs Gehirn

Wie Bewegung im Grünen das Gehirn verändert

Wer regelmäßig im Grünen spazieren geht, denkt kreativer, reguliert Emotionen besser und baut nachweislich Stress ab. Das belegen Hirnscans, die zeigen, was im Kopf passiert – und warum der Park mehr leistet als das Laufband. Die Neurowissenschaftlerin Simone Kühn, Direktorin des Forschungsbereichs Umweltneurowissenschaften am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, erklärt die Zusammenhänge.

Bereits eine kurze Runde durch den Park kann helfen, wenn die Inspiration fehlt oder das leere Textdokument nur Stress verursacht. Psychologische Studien belegen, dass regelmäßige Spaziergänge mit reduziertem Stress und besserer Emotionsregulation einhergehen. Zudem steigt die Kreativität: Eine kanadische Überblicksarbeit, die 23 Studien auswertete, fand heraus, dass Spaziergänger eher auf neue Ideen kommen.

Warum Spazierengehen besser ist als Indoor-Bewegung

Körperliche Bewegung wirkt grundsätzlich positiv auf das Gehirn: Sie erhöht die Konzentration neuronaler Wachstumsfaktoren, die die Neubildung und Verschaltung von Nervenzellen fördern. Davon profitiert der Hippocampus, ein Areal, das für Lernfähigkeit und Gedächtnis zentral ist. Doch wäre Bewegung allein entscheidend, würde auch ein Gang durch die Wohnung oder ein Walking Pad unter dem Schreibtisch ausreichen.

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Simone Kühn erforscht, ob noch andere Faktoren eine Rolle spielen. „Schon das Draußensein hat einen positiven Effekt auf das Gehirn“, sagt sie. Für eine 2021 veröffentlichte Studie fertigte ihr Team über sechs Monate hinweg wiederholt Gehirnscans von Probanden an. Ergebnisse: Wer viel Zeit im Freien verbracht hatte, wies mehr Volumen im präfrontalen Cortex auf – einer Region, die für die Selbstregulation und Emotionskontrolle wichtig ist.

Natur gegen Stadt: Die Amygdala reagiert

Besonders gesund ist die Bewegung in der Natur. In einer 2022 veröffentlichten Studie lud Kühn die Hälfte der Teilnehmer zu einem einstündigen Spaziergang im Berliner Grunewald ein, die andere Hälfte lief auf der belebten Schloßstraße. Vor und nach den Spaziergängen untersuchten die Forscher die Gehirne im Scanner, während sie neutrale und ängstliche Gesichter zeigten.

Ergebnis: Wer im Wald spazieren war, zeigte danach eine verringerte Aktivität in der Amygdala – einer Region, die bei Stress und emotionaler Erregung aktiv ist. Bei der Stadtspaziergang-Gruppe blieb die Amygdala-Aktivität unverändert. „Gehen Sie spazieren – egal ob im Wald oder im Park. Hauptsache im Grünen und nicht nur zwischen grauen Straßen und Häusern“, rät Kühn.

Waldbaden als Therapie: 120 Minuten pro Woche reichen

Die beruhigende und stimmungsaufhellende Wirkung der Natur wird auch durch das sogenannte Waldbaden genutzt, bei dem der Wald mit allen Sinnen bewusst wahrgenommen wird. Eine singapurische Überblicksarbeit von 2023 zeigt, dass dies Symptome von Depressionen und Angststörungen verringern kann. In Japan ist Waldbaden Teil der Gesundheitsvorsorge, in England testen Ärzte, ob ein Rezept für Aufenthalte im Grünen die mentale Gesundheit fördert.

„Der Wald hilft dem Menschen dabei, Stress abzubauen“, fasst Kühn zusammen. Wissenschaftlich wird dies oft mit der Biophilie-Theorie erklärt: Da der Mensch ursprünglich aus der Natur stammt, habe diese Umgebung einen förderlichen Effekt auf das Gehirn. Kühn ergänzt: „Es ist eine plausible Annahme, denn wir finden sehr viele Hinweise darauf, dass die Natur uns immer noch guttut.“ Ihr Team erforscht derzeit, ob sogar Babys natürliche Umgebungen bevorzugen.

Schon geringe Dosen Natur wirken positiv. Für spürbare Effekte auf das Wohlbefinden reichen laut Kühn etwa 120 Minuten Spaziergang pro Woche. „Wer am Wochenende einen Ausflug ins Grüne macht, hat diese zwei Stunden schnell zusammen.“ Ob man allein oder in der Gruppe geht, ist noch nicht abschließend erforscht. Ihre Daten legen jedoch nahe, dass man besonders profitiert, wenn man wenig abgelenkt ist und die Natur – vom Vogelgezwitscher bis zum Lichtspiel zwischen den Bäumen – bewusst wahrnimmt.

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