Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) übt scharfe Kritik an den großen Supermarktketten in Deutschland: Beim Tierwohl kämen sie kaum voran. Reinhild Benning, Agrarexpertin der DUH, betont im Interview, dass der Handel seine selbst gesteckten Ziele bis 2030 nur mit deutlichen Anstrengungen erreichen könne. „Tierschutz ist ein Teamspiel“, sagt Benning und fordert konkrete Maßnahmen statt bloßer Ankündigungen.
Kaum Fortschritte bei Tierwohlstandards
Die Umwelthilfe hatte in den vergangenen Jahren mehrfach die Eigenmarken der Supermärkte untersucht. Das Ergebnis: Obwohl viele Ketten wie Aldi, Lidl, Rewe und Edeka angekündigt haben, bis 2030 auf höhere Haltungsstufen umzustellen, sei die Umsetzung bislang unzureichend. Benning kritisiert, dass die Unternehmen oft nur einzelne Produktlinien umstellen, während das Sortiment insgesamt weitgehend konventionell bleibt.
Besonders problematisch sei die Diskrepanz zwischen Werbung und Realität. „Die Supermärkte werben gern mit einzelnen Bio- oder Premiumlinien, aber der Großteil des Fleischs stammt weiterhin aus Haltungsstufe 1 und 2“, erklärt die Agrarexpertin. Das sei weder tiergerecht noch zukunftsfähig.
Was Supermärkte konkret tun könnten
Die DUH fordert unter anderem eine verbindliche Umstellung auf die Haltungsstufen 3 und 4 bis 2030. Dafür müssten die Supermärkte ihre Lieferverträge mit den Erzeugern anpassen und langfristige Abnahmegarantien bieten. „Nur wenn der Handel den Landwirten Planungssicherheit gibt, können diese in bessere Ställe investieren“, so Benning.
Ein weiterer Hebel sei die Preispolitik. Die Expertin räumt ein, dass tiergerechtere Produktion höhere Kosten verursacht. Doch die Supermärkte könnten diese durch effizientere Logistik und geringere Werbeausgaben für Billigfleisch ausgleichen. Zudem sei die Politik gefordert, etwa durch eine Mehrwertsteuer auf Fleisch, die die wahren Kosten widerspiegelt.
Kritik an der Politik
Benning richtet aber auch deutliche Worte an die Bundesregierung. Die geplante Tierhaltungskennzeichnung sei ein erster Schritt, gehe aber nicht weit genug. „Die Ampel-Koalition muss endlich verbindliche Standards setzen, statt auf Freiwilligkeit zu setzen“, fordert die DUH-Expertin. Sie verweist auf das Beispiel Niederlande, wo Supermärkte bereits 2021 angekündigt haben, bis 2025 nur noch Fleisch aus höheren Haltungsstufen zu verkaufen.
Die Umwelthilfe fordert zudem eine stärkere Kontrolle der Lieferketten. Importe aus Ländern mit niedrigeren Standards dürften nicht dazu führen, dass deutsche Erzeuger benachteiligt werden. Hier sei die EU gefordert, einheitliche Regeln zu schaffen.
Verbraucher in der Verantwortung
Auch die Verbraucher sieht Benning in der Pflicht. Zwar sei es gut, dass das Bewusstsein für Tierwohl steige, doch beim Einkauf entscheide oft der Preis. „Viele Menschen sagen, sie wollen mehr Tierwohl, aber sie sind nicht bereit, dafür mehr zu zahlen“, so die Expertin. Sie appelliert an die Konsumenten, gezielt zu Produkten mit höheren Haltungsstufen zu greifen und so den Markt zu verändern.
Die Supermärkte wiederum müssten ihre Kommunikation verbessern. Eine klare Kennzeichnung auf der Verpackung, etwa mit einer Ampel für Haltungsformen, könne den Verbrauchern die Entscheidung erleichtern. Die DUH hat dazu bereits konkrete Vorschläge vorgelegt, die von der Politik aufgegriffen werden sollten.
Bis 2030 ist es noch machbar
Trotz der Kritik zeigt sich Benning verhalten optimistisch. „Bis 2030 sind noch fünf Jahre Zeit. Wenn der Handel jetzt ernsthaft umsteuert, ist das Ziel erreichbar“, sagt sie. Dafür müssten aber alle Akteure – Politik, Handel, Landwirtschaft und Verbraucher – an einem Strang ziehen. Die Supermärkte hätten dabei eine Schlüsselrolle, weil sie den Markt dominieren.
Die Deutsche Umwelthilfe will den Druck auf die Unternehmen erhöhen. Geplant sind weitere Tests und öffentliche Rankings, die die Fortschritte der Ketten sichtbar machen. „Transparenz ist der beste Motor für Veränderung“, so Benning abschließend.



