Viele Wege führen in die Obdachlosigkeit: Kotti zeigt komplexe Ursachen
Viele Wege führen in die Obdachlosigkeit

Am Kottbusser Tor in Berlin zeigt sich die vielfältige Realität der Obdachlosigkeit. Wer aus der U-Bahn steigt, sieht oft Menschen mit vollen Einkaufswagen oder auf Schlafsäcken. Einige sitzen vor dem Bahnhof, andere suchen Schutz in Unterführungen, wieder andere konsumieren Drogen. Während die Temperaturen steigen und Bars sowie Spätis sich füllen, leben andere Tag und Nacht auf der Straße – Lebensrealitäten liegen nur Meter auseinander.

Keine einfachen Erklärungen für Obdachlosigkeit

Unweit vom Kottbusser Tor bereiten Mitarbeitende der Johanniter an diesem Abend Tee und belegte Brote vor. Projektleiterin Stefanie Dunkel-Janßen betont, wie wichtig der Nachthafen sei. In Gesprächen höre ihr Team immer wieder von Gewalterfahrungen. „Die Straße ist schon hart.“ Der Nachthafen biete einen Ort, an dem Gäste für einige Stunden zur Ruhe kommen können, auch wenn sie dort nicht übernachten. Viele kämen auf einen Tee, für ein Gespräch oder einfach, um nicht draußen sein zu müssen.

Wer kommt hierher?

Die Lebensgeschichten der Menschen seien sehr unterschiedlich, sagt Dunkel-Janßen. „Das sind Individuen.“ Immer wieder begegne sie Menschen, bei denen Außenstehende sich fragen: „Warum ist dem das passiert? Der hatte doch eigentlich alles.“ Für die Projektleiterin zeigt sich darin ein verbreiteter Irrtum: Obdachlosigkeit lasse sich nicht auf eine einzige Ursache reduzieren. „Es gibt viele Umstände, die dazu führen, dass manche Menschen so leben, wie sie leben oder leben müssen.“

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Wer ist von Obdachlosigkeit besonders bedroht?

Laut Senatsverwaltung leben rund 6.000 obdachlose Menschen in Berlin, doch Hilfsorganisationen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. „Tendenz massiv steigend“, sagt Tanja Schmidt vom Verein Straßenfeger. Rund 70 Prozent der obdachlosen Menschen, die bei ihr vorstellig würden, hätten starke psychiatrische Erkrankungen oder Suchtmittelabhängigkeiten. Gleichzeitig steige die Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen. Diese fielen häufig durch das Hilfesystem, weil bestehende Angebote nicht auf ihre Bedürfnisse ausgelegt seien. „Und diese Gruppe wird immer größer.“

Doch nicht jeder Weg in die Obdachlosigkeit führe über eine Erkrankung. „Viele Menschen werden auch einfach wohnungslos durch Trennung“, so Schmidt. Hinzu komme der angespannte Wohnungsmarkt. Selbst Menschen mit Arbeit fänden oft keine Bleibe, etwa Pflegekräfte oder Beschäftigte in sozialen Berufen. „Eine Einzimmerwohnung kostet schon 900 Euro“, sagt sie. Wer mit rund 1.400 Euro netto auskommen müsse, könne sich das nicht leisten. Ist die Wohnung erst verloren, werde der Weg zurück schwieriger: Betroffene müssten sich als „ohne festen Wohnsitz“ melden und hätten schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt, weil ihnen Meldeadresse oder Unterlagen wie eine Mietschuldfreiheitsbescheinigung fehlten.

Zwei Angebote an einem Ort

Wie komplex die Situation ist, erleben Mitarbeitende am Kottbusser Tor täglich. Tagsüber betreibt Fixpunkt eine Kontaktstelle mit Drogenkonsumraum und Beratung, nachts übernehmen die Johanniter mit dem Nachthafen. Beide Angebote am selben Ort sind eine Besonderheit, da Sucht- und Wohnungslosenhilfe in Berlin unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen unterliegen. Für Dunkel-Janßen bleibt der Blick auf den einzelnen Menschen wichtig. Wer mit obdachlosen Menschen ins Gespräch komme, sehe ihre Lebensgeschichten oft anders. „Jeder, den das nicht trifft, der kann einfach nur glücklich schätzen.“

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