Sehnsucht nach Problemlosigkeit: Warum Impressionismus bis heute fasziniert
Warum Impressionismus bis heute fasziniert

Einfach schön, diese Farben – und das seit über 150 Jahren. Eine Frau mit Sonnenschirm, Heuhaufen im Abendlicht oder die weltberühmten Seerosen im Teich: Kaum eine Kunstrichtung ist so bekannt wie der Impressionismus. Mehrere Ausstellungen widmen sich derzeit der Epoche, und die Kunstwelt begeht in diesem Jahr den 100. Todestag des Malers Claude Monet (1840–1926). Warum schauen Menschen auch heute noch gerne impressionistische Werke an? Die Antwort liegt in der Sehnsucht nach Naturverbundenheit, Klarheit und Problemlosigkeit – aber auch im Wiedererkennungseffekt.

Farbwelten und Seherfahrung

Die Direktorin der Alten Nationalgalerie in Berlin, Anette Hüsch, erkennt mehrere Gründe für die anhaltende Faszination: „Man sieht erst einmal wunderbare Farbwelten, die einfach viele Menschen als angenehm empfinden.“ Mit der Entfernung zum Bild ändere sich die Seherfahrung. Aus größerer Distanz erkenne man ein Motiv, doch trete man näher heran, offenbare sich eine Farbsymphonie. Dieser Umgang mit dem Motiv, mit dem Sehen an sich, mit Lichtstimmung und Atmosphäre – „das ist ja etwas, was uns jeden Tag in unserem eigenen individuellen Dasein begegnet“.

Viele Menschen hätten bereits Bilder im Kopf, wenn sie an den Impressionismus denken, etwa Monets Mohnfelder. Die Impressionisten seien ins Freie gegangen – man denke auch an Monets Seerosen, seine Ansichten von Kathedralen und Brücken oder die berühmten Heuhaufen, die er in vielen Varianten gemalt habe. Nach Einschätzung des Instituts für Museumsforschung, dem jährlich Besuchszahlen deutscher Museen gemeldet werden, sind impressionistische Ausstellungen oft gut besucht. Direktorin Patricia Rahemipour erklärt: „Wenn eine Sonderausstellung zum Impressionismus läuft, sind die Zahlen relativ hoch.“ Ihrer Meinung nach liegt das auch daran, dass viele Menschen schon einmal etwas vom Impressionismus gehört haben.

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Kulturelles Gedächtnis und Wohlfühlfaktor

Viele Bilder seien in das kulturelle Gedächtnis eingegangen. Den Stil kenne man häufig bereits und fremdele deshalb nicht mit ihm. Auch in Fernsehdokumentationen oder immersiven Ausstellungen, in denen man mithilfe von Projektionen in eine Bilderwelt abtaucht, sei der Impressionismus ein Thema. „Es hat einen hohen Wiedererkennungseffekt und dann fühlt man sich auch gleich besser und sicherer in einer Ausstellung“, so Rahemipour. Man möchte sich nicht unwissend fühlen – und weil viele schon etwas vom Impressionismus gehört haben, haben sie einen Anknüpfungspunkt. Rahemipour selbst ist Archäologin und stellt fest, dass auch archäologische Ausstellungen aus diesem Grund oft gut funktionieren.

„Man darf ja auch nicht vergessen, dass ich als Besucherin nicht nur den Anspruch habe, etwas zu lernen“, ergänzt sie. „Sondern ich möchte mich ja auch gut fühlen.“ Meistens fühle man sich in einer Umgebung unwohl, wenn man nicht wisse, wie man sich benehmen solle, viel falsch machen könne und es viele Leute gebe, die einem erklärten, was eigentlich zu sehen sei.

Wo man Impressionismus in Deutschland sehen kann

In Deutschland kann man Werke im Original betrachten. Die Alte Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel zeigt derzeit die Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“. Der Kunsthändler Paul Cassirer (1871–1926) stellte in seinem Berliner Kunstsalon schon früh die Impressionisten aus, die damals noch gar nicht so beliebt waren. Mit Werken etwa von Monet, Édouard Manet (1832–1883) und Auguste Renoir (1841–1919) vermittelt die Ausstellung auch etwas darüber, wie der Kunsthandel funktioniert. Denn ob sich bestimmte Künstler durchsetzen und ob sich eine Kunstrichtung etabliert, liegt auch wesentlich daran, ob die Künstler gefördert und ihre Werke gesammelt werden.

Das Museum Barberini in Potsdam widmet sich derzeit dem Künstler Paul Signac (1863–1935) und dem Neoimpressionismus. Zuvor war dort eine Ausstellung über Max Liebermann (1847–1935) und den Impressionismus in Deutschland zu sehen. Das Frankfurter Städel zeigte zuletzt „Monets Küste – Die Entdeckung von Étretat“. Und auch der Kunstmarkt zeigt Interesse: Ein wiederentdeckter Monet erzielte kürzlich eine stattliche Millionensumme bei einer Auktion, wie die Kunstwelt berichtet.

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Konstante Präsenz, mediale Aufmerksamkeit

Den Eindruck, dass es besonders viele Ausstellungen zum Impressionismus gibt, kann Rahemipour nicht bestätigen. Die Zahl sei relativ konstant. Oft bekämen die Ausstellungen aber viel Aufmerksamkeit, etwa in den Medien. Manche kennen die Werke auch aus dem Urlaub. In Paris zum Beispiel kann man den Impressionisten im Musée d'Orsay, im Musée Marmottan oder im Musée de l'Orangerie nachspüren.

Dass Künstler im 19. Jahrhundert zunehmend auf diese Art malen konnten, lag auch an der Entwicklung tragbarer Staffeleien und neuer Farben. Oft wirken die Bilder leicht. Für Hüsch signalisiert das scheinbar so rasch und leicht Hingemalte einmal mehr, dass die Bilder von Menschenhand geschaffen wurden.

Moderne Filter und Originalerlebnis

„Unsere Sehgewohnheiten sind inzwischen durch so viele Filter gegangen“, sagt Hüsch. Heutzutage könne man alles am Rechner herstellen. Zudem gebe es Apps, die Fotos in vermeintlich impressionistische Werke verwandeln. Die Besonderheit eines Museumsbesuchs sei, vor einem Original zu stehen, betont die Direktorin. Licht und Schatten sowie die pastose Malweise seien unmittelbar wahrnehmbar. Man erkenne die Höhen und Tiefen des Farbauftrags und könne das Werk von verschiedenen Seiten betrachten. Damit mache man die Erfahrung, die auch die Künstler damals gemacht hätten, als sie vor ihren Gemälden gestanden hätten.