Demenz in der Öffentlichkeit: So helfen Sie Betroffenen richtig
Demenz: Hilfe im öffentlichen Raum – was tun?

Die Zahl der Menschen mit Demenz steigt – und damit auch die Zahl jener Betroffenen, die in der Öffentlichkeit unterwegs sind, dort aber mitunter nicht mehr klarkommen. „Demenzkranke werden immer sichtbarer im öffentlichen Raum“, sagt Demenzberater Markus Proske. Vielfach wüssten Menschen nicht damit umzugehen. Zudem sei in vielen Situationen unklar, wen man verständigen sollte. „Wir bräuchten einen Demenz-Notruf.“

Schwer zu erkennen: Anzeichen von Orientierungslosigkeit

Dass ein Mensch gerade nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, ist oft schwer zu erkennen. Zum einen ist Erkrankten besonders in der frühen Phase der Demenz daran gelegen, möglichst normal zu wirken, wie Proske erklärt. Darum suchen sie selten Hilfe, selbst wenn sie große Verunsicherung erleben. In fortgeschrittenerem Stadium wiederum empfinden sie dem Neurologen Wenzel Glanz zufolge die eigene geistige Leistungsfähigkeit als normal und sehen oft keinen Hilfebedarf.

Klassische Anzeichen im Alltag seien, dass eine ältere Person orientierungslos wirkt, ziellos auf und ab oder im Kreis läuft, sich unpassend benimmt oder falsch gekleidet ist, erklärt Glanz, Leitender Arzt der Gedächtnissprechstunde am Universitätsklinikum Magdeburg. Das kann der Wintermantel im Sommer, aber auch der über der Bluse getragene BH sein. „Es wird immer häufiger vorkommen, dass man solche Begegnungen hat.“

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Beispiel: Sturz in der Fußgängerzone – was tun?

Eine mögliche Situation: Eine ältere Frau stürzt in der Fußgängerzone. Passanten helfen ihr auf. Die Frau scheint unverletzt, wirkt aber planlos. Ein Handy, um Angehörige herzurufen, hat sie nicht dabei. Auch wo sie wohnt, kann sie nicht sagen. Und nun? Ratlos wählt jemand schließlich die 112 – und der Rettungssanitäter attestiert als Erstes ein gebrochenes Handgelenk.

„Menschen mit Demenz empfinden Schmerzen genauso intensiv wie andere Menschen, sie wissen aber nicht, was sie mit dem Gefühl anfangen sollen und können nicht mitteilen, woher es kommt“, sagt Proske. Ähnlich sei die Situation bei Kälte oder Hitze: Der Mensch leide wie jeder andere auch, wisse aber keinen Rat, was er dagegen tun kann – etwa, eine Jacke anzuziehen, wenn er friert.

Verkehrsregeln bleiben, Orientierung schwindet

Verkehrsregeln wie das Warten bei Rot an der Ampel seien meist im Langzeitgedächtnis gespeichert und gingen erst spät verloren, sagt Proske. Probleme bereite eher die Orientierung oder die Erinnerung an Dinge, die nicht mehr da sind – das kann der vor Jahren verstorbene Sohn oder auch das längst abgerissene Kaufhaus sein. Proske nennt als Beispiel die Seniorin, die mit einem Schnittmuster für einen Rock als vermeintlichem Stadtplan nach dem Weg zu einem Café fragt, das es längst nicht mehr gibt.

Die Hürde, einzugreifen – und die richtige Reaktion

Viele tun nichts. Keine Zeit, heißt es, oder der Mensch wird weitergeschickt – in der Hoffnung, dass sich der nächste schon kümmern werde, wie Proske sagt. Ein Grund sieht der Demenzberater in Unsicherheit und Unwissen. Proske appelliert, hinzusehen und einzuschreiten.

Für Menschen, die helfen möchten, ist es wichtig, nicht das offensichtliche Defizit zu thematisieren, langsam und in kurzen Sätzen zu sprechen, immer die Würde des Gegenübers zu wahren, sagt Glanz. Habe der Betroffene kein Handy bei sich, über das man jemanden aus seinem Umfeld informieren könnte, gebe es vielleicht eine Notfallkarte, einen Notrufknopf am Handgelenk oder ein Adressarmband. Sei auch das nicht der Fall, sei bei einer hilflosen Person die Polizei über 110 der richtige Ansprechpartner.

„Wichtig ist: Typische Demenz-Symptome wie Verwirrtheit können andere schwerwiegende Ursachen wie einen Schlaganfall, eine Unterzuckerung bei Diabetes oder einen epileptischen Anfall als Ursache haben“, erklärt Glanz. Im Zweifelsfall sei der 112-Notruf daher der bessere.

Gesellschaftlicher Wandel nötig: Die sorgende Gemeinschaft

Fest steht: Die Gesellschaft muss ihre Einstellung verändern. „Wir brauchen verstärkt eine Caring Community, eine sorgende Gesellschaft“, sagt Susanna Saxl-Reisen, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Denn die Entwicklung ist eindeutig: Die Zahl der Demenzkranken wird drastisch steigen.

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Nach kürzlich vorgestellten Daten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) könnte die Zahl der Menschen mit Demenz bis zum Jahr 2060 von 1,3 auf 2,1 Millionen Menschen steigen. Wegen des Rückgangs der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter werden künftig deutlich mehr Demenzfälle von weniger Personen zu versorgen sein. Zudem nehmen die bereits bestehenden Unterschiede zwischen städtischen Regionen mit relativ junger Bevölkerung und ländlichen Regionen mit relativ alter Bevölkerung zu, wie die WIdO-Experten prognostizieren. „Hohe Demenz-Prävalenzen werden insbesondere für ländliche Regionen im Osten Deutschlands prognostiziert.“ Der Anteil der Menschen mit Demenz könnte in München demnach im Jahr 2060 bei 1,7 Prozent liegen – im Landkreis Elbe-Elster in Brandenburg hingegen bei zu 6,2 Prozent.

Allein mit Demenz: So schafft man ein Netzwerk

Im Zusammenspiel all dieser Entwicklungen ist zu erwarten, dass immer mehr Menschen auf sich allein gestellt in eine Demenz rutschen. Prinzipiell könne man mit einer Demenz lange eigenständig zu Hause leben, betont Glanz. Wichtig sei, sich ein gutes Versorgungsnetzwerk zu schaffen, sich bei Beratungsstellen zu informieren, schon mal einen Pflegedienst oder eine Demenz-WG auszusuchen.

„Wie gut und wie lange man allein klarkommt, hängt sehr davon ab, wie gut man vorher sein soziales Netz gespannt hat“, betont auch Saxl-Reisen. Eine Möglichkeit sei zudem, einem Vertrauten eine Handlungsvollmacht zu erteilen. Der könne dann Anträge stellen, sich um Zahlungen etwa der Miete kümmern, einen Pflegedienst beauftragen. Wegen der weitreichenden Entscheidungsbefugnis müsse das eine vertrauenswürdige Person sein – besser sei oft ein rechtlicher Betreuer, dessen Entscheidungen regelmäßigen Kontrollen durch das Betreuungsgericht unterlägen. „Es gibt zahlreiche Menschen, die ehrenamtlich rechtliche Betreuer sind“, sagt Saxl-Reisen. „Aber es bräuchte noch viel mehr, die dazu bereit sind.“

An wen wenden? Ansprechpartner vor Ort

Hauptansprechpartner ist meist der sozialpsychiatrische Dienst als Teil des Gesundheitsamts, den es allerdings überwiegend in größeren Städten gibt, wie Saxl-Reisen erklärt. „In der Regel gibt es aber in jeder Kommune einen speziellen Ansprechpartner für Seniorenbelange.“ Über Betreuungsgerichte werden dann rechtliche Betreuer bestimmt, die sich unter anderem um nötige Pflegedienst-Besuche kümmern.

Für die Einweisung in ein Pflegeheim sei üblicherweise eine richterliche Entscheidung nötig – und das könne bei den vielfach überlasteten Behörden dauern, sagt Proske. „Gerade in Städten wird das ein immer größeres Problem werden.“ Hinzu komme, dass es die nötigen Plätze kaum mehr geben werde. „Rund 20 Prozent der Pflegekräfte gehen in den nächsten Jahren in Rente – zugleich gibt es aber immer mehr zu betreuende Demenzkranke.“