Nach aktuellen Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) sind in diesem Jahr in Deutschland bereits fast 10.000 Menschen durch Hitze gestorben. Bis zum 19. Juli verzeichnete das Institut 9.800 hitzebedingte Sterbefälle – mehr als in jedem einzelnen Gesamtjahr seit 2016. Zum Vergleich: Im bisherigen Rekordjahr 2018 starben rund 9.000 Menschen durch hohe Temperaturen.
Hitzewelle Ende Juni als Hauptursache
Der Großteil der Todesfälle – über 5.000 – geht laut RKI auf die zweite Junihälfte zurück, als eine Hitzewelle vielerorts Temperaturen um 40 Grad brachte. Auch in anderen europäischen Ländern forderte die Hitze viele Opfer: In Großbritannien starben zwischen dem 21. und 28. Juni schätzungsweise 2.124 Menschen im Zusammenhang mit der Hitzewelle, wie die britische Health Security Agency mitteilte.
In Deutschland gab es nach RKI-Angaben von Anfang April bis zum 12. Juli etwa 7.900 Hitzetote. Allein in der Woche vom 13. bis 19. Juli kamen 1.900 weitere hinzu. Die Auswertung basiert auf Daten von 52 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD). In dieser Woche lag die Wochenmitteltemperatur bei 20,9 Grad, in zwölf Bundesländern wurden Werte über 20 Grad gemessen.
Ältere Menschen besonders gefährdet
Große Hitze ist vor allem für ältere Menschen lebensbedrohlich. Von den 9.800 Todesopfern gehörten 5.420 zur Altersgruppe ab 85 Jahren. In der Gruppe der 75- bis 84-Jährigen starben 2.460 Menschen, bei den 65- bis 74-Jährigen waren es 1.260 und unter 65 Jahren 630 Menschen. Teilweise führt ein Hitzschlag direkt zum Tod, meistens sei jedoch eine Kombination aus Hitzeexposition und bestehenden Vorerkrankungen die Ursache, so das RKI.
Debatte über mehr Hitzeschutz
Die extremen Temperaturen Ende Juni haben eine Debatte über verbesserten Hitzeschutz entfacht. Besonders aus der Opposition im Bundestag kam die Forderung nach Investitionen, um Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Kitas zu kühlen. Pflegeschützer und Mediziner kritisieren, viele Einrichtungen seien unzureichend vorbereitet. Die Bundesregierung verweist auf die Zuständigkeit von Ländern und Kommunen.
Der Sozialverband Deutschland (SoVD) sieht dagegen den Bund stärker in der Pflicht. „Extremhitze ist längst kein Ausnahmeereignis mehr, sondern eine der größten sozialen und gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit“, sagte Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier. „Besonders ältere Menschen, Pflegebedürftige, Menschen mit Behinderungen, chronisch Kranke, Kinder sowie Beschäftigte in der Gesundheits- und Sozialversorgung sind auf wirksamen Schutz angewiesen.“ Deutschland brauche einen flächendeckenden und verbindlichen Hitzeschutz für alle Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge und der kritischen Infrastruktur.
Politiker ruft zu Solidarität auf
Der Bundestagsabgeordnete Serdar Yüksel (SPD), Mitglied des Gesundheitsausschusses, rief die Bürger angesichts der Hitzewelle zu Solidarität auf. „Besonders ältere Menschen, chronisch Kranke, Pflegebedürftige und Menschen, die allein leben, geraten bei hohen Temperaturen schnell in eine lebensbedrohliche Situation.“ Er appellierte, in den heißen Tagen bewusst auf diese Mitmenschen zu achten: „Klingeln Sie bei Ihrer älteren Nachbarin oder Ihrem Nachbarn. Fragen Sie nach, ob es ihnen gut geht.“ Zugleich betonte Yüksel die politische Verantwortung: Nötig seien flächendeckende Hitzeschutzpläne und gut ausgestattete Kommunen. Bund, Länder und Kommunen müssten die Investitionen gemeinsam finanzieren und Hitzeschutz verbindlich in der Krisenvorsorge verankern. „Der Bund darf die Verantwortung dafür nicht länger auf Länder, Kommunen oder einzelne Träger abschieben“, ergänzte Engelmeier.



