Abnehmspritzen wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro sorgen seit Monaten für Schlagzeilen. In Deutschland werden sie bisher kaum von den Krankenkassen bezahlt – außer wenn Diabetes vorliegt. Das könnte sich unter der neuen Chefin des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) ändern. Sonja Optendrenk hat sich klar positioniert: „Wir führen in Deutschland eine rückständige Diskussion über Adipositas“, sagte sie dem „Spiegel“.
Länder wie Großbritannien hätten bereits akzeptiert, dass chronisches Übergewicht eine echte Krankheit ist, die nicht allein mit Sport und besseren Essgewohnheiten zu heilen ist. „Es wäre überlegenswert, Abnehmmittel unter bestimmten Bedingungen als Kassenleistung anzuerkennen“, so die Vorsitzende des G-BA. Das Gremium entscheidet, welche Behandlungen die gesetzlichen Kassen für ihre rund 74 Millionen Versicherten bezahlen.
Die Ausgangslage: Lifestyle statt Krankheit
Rechtlich gelten die Abnehmpräparate in Deutschland bislang als sogenannte Lifestyle-Produkte, sofern sie nicht zur Therapie eines Typ-2-Diabetes eingesetzt werden. Das bedeutet: Wer das Medikament allein zur Gewichtsreduktion nehmen möchte, muss selbst zahlen. Viele Menschen mit Adipositas können sich das nicht leisten, obwohl ihre Krankheit medizinisch relevant ist.
Adipositas, also starkes Übergewicht, ist in der Medizin als chronische Erkrankung anerkannt. Sie ist Auslöser für Sekundärerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Gelenkprobleme und Herz-Kreislauf-Leiden. Trotzdem wird sie oft als vermeidbar angesehen.
Weltweit wird Adipositas als eine komplexe Wechselwirkung aus genetischen Veranlagungen, hormonellen Faktoren, Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel beschrieben. Eine alleinige Verurteilung der Betroffenen wird der Komplexität nicht gerecht. Genau hier setzt die Kritik von Optendrenk an: Die Debatte sei rückständig, weil sie das Problem auf den persönlichen Lebensstil reduziert.
29 Milliarden Euro Kosten im Jahr
Die finanziellen Folgen sind erheblich. Aktuelle Berechnungen beziffern die direkten medizinischen Kosten von Adipositas und ihren Folgeerkrankungen in Deutschland auf etwa 29 Milliarden Euro pro Jahr. Vermeidbare Komplikationen und langwierige Behandlungen machen einen großen Teil dieser Ausgaben aus.
Optendrenk sieht hier eine ähnliche Situation wie bei der Tabakentwöhnung. Diese wird von den Kassen unterstützt, weil sie sich langfristig auszahlt. Doch die Medikamente allein werden das Problem nicht lösen, betont sie. „Solange das Gewicht nach dem Absetzen sofort zurückkommt, ist eine Spritze allein kein Versorgungskonzept.“ Nötig seien begleitende Maßnahmen wie Ernährungsberatung, Verhaltenstherapie und Bewegung.
Denkbar wären daher Bedingungen wie ein bestimmter Body-Mass-Index oder die Teilnahme an einem Schulungsprogramm, bevor die Kasse die Kosten übernimmt. Ähnlich wird es in Großbritannien gehandhabt, wo der Einsatz der Mittel strengen Auflagen unterliegt.
Kritik an der Arzneimittelpolitik
Die G-BA-Chefin nutzte die Gelegenheit, um grundsätzliche Kritik an der Pharmapolitik in Deutschland zu äußern. „Wir haben Industriepolitik über Arzneimittelpreise betrieben, aber das funktioniert nicht mehr“, sagte sie. Die Krankenkassen könnten die hohen Preise nicht dauerhaft schultern, nur um den Pharmastandort Deutschland attraktiv zu halten.
Auch der Vorwurf von US-Präsident Donald Trump, Europa lasse sich von den USA subventionieren, ist für sie falsch. Deutschland sei kein Niedrigpreisland, betonte Optendrenk: Medikamente kosteten hier viel mehr als in den meisten anderen Ländern.
Linnemann: „Anderer Zugang zur Wirtschaft“
In die Diskussion mischte sich auch die Personalie der nächsten Bundesregierung. Carsten Linnemann (CDU) soll Bundesgesundheitsminister werden. Daran gibt es Zweifel, doch Optendrenk hält den CDU-Politiker für geeignet – vielleicht sogar für ein Gewinn: „Ein Minister Linnemann könnte sogar hilfreich sein: Er hat einen anderen Zugang zur Wirtschaft und redet vielleicht anders mit ihr.“
Ein neues Kapitel für den G-BA
Sonja Optendrenk ist seit Juli die erste Frau an der Spitze des Gemeinsamen Bundesausschusses. Die 54-Jährige bringt sich mit klaren Positionen ein. Ihr Vorstoß zu den Abnehmspritzen wird nun darauf hin geprüft, ob er in ein offizielles Verfahren mündet. Denkbar wäre, dass der G-BA eine Nutzenbewertung der Mittel einleitet. Diese könnte sowohl die medizinische Evidenz als auch die Kosten berücksichtigen.
Ein solches Verfahren würde mehrere Stufen durchlaufen und Expertenanhörungen einschließen. Die Dauer ist offen, doch der Anstoß ist gesetzt.
Patientenvertreter und Mediziner werden die Entwicklung aufmerksam verfolgen. Für viele der rund 74 Millionen gesetzlich Versicherten, die von Adipositas betroffen sind, geht es um die Frage, ob eine wirksame Therapie endlich zur Kassenleistung wird. Optendrenk hat das Thema jedenfalls auf die Agenda gesetzt – die Diskussion um Abnehmspritzen in Deutschland dürfte damit nicht mehr verstummen.



