Psychotherapeuten warnen: Gesetz macht Therapie zum Luxusgut
Psychotherapeuten warnen vor GKV-Gesetz

Für Martin Badzura, Psychologischer Psychotherapeut aus Offenbach, ist das neue Gesetz eine existenzielle Bedrohung. Er spricht von einer „totalen Planungsunsicherheit“ und schildert, wie die Politik seine Arbeit erschwert. „Ich möchte meinen Patient:innen Sicherheit und Halt vermitteln, während mir von der Politik das Gegenteil vermittelt wird“, sagt er in seiner Praxis.

Was das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz vorsieht

Das Gesetz zur Stabilisierung der Beiträge der gesetzlichen Krankenversicherung ist Ende Juli in Kraft getreten. Es soll die Krankenkassen im kommenden Jahr um Milliarden entlasten und Erhöhungen der Zusatzbeiträge verhindern. Doch die geplanten Sparmaßnahmen treffen die ambulante Psychotherapie besonders hart. „Psychotherapie soll zurückgeführt werden in eine Budgetierung“, erklärt Badzura. Konkret bedeutet das: Pro Quartal gibt es eine festgelegte, gedeckelte Summe für die psychotherapeutische Versorgung. Werden mehr Sitzungen geleistet, werden diese kaum oder gar nicht mehr vergütet.

Zusätzlich sollen die Zuschläge für Kurzzeittherapien gestrichen werden. Diese waren bisher ein wichtiger Baustein, um schnelle Hilfe zu ermöglichen. „Das finden wir skandalös“, sagt Badzura. Die Folgen wären erhebliche Auswirkungen auf die Wartezeiten und die Versorgung gesetzlich Versicherter.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Einnahmeverluste von 20 bis 30 Prozent befürchtet

Die Einschnitte würden die Praxen finanziell schwer treffen. Nach Schätzung von Badzura drohen den meisten Praxen Einnahmeverluste von 20 bis 30 Prozent. Er selbst hat einen halben Kassensitz. Aktuell kann ein Therapeut mit einem solchen Sitz bis zu 28 Patient:innen pro Woche behandeln. Im Gespräch ist, die Anzahl der voll vergüteten Sitzungen auf 18 zu reduzieren. Das hätte zur Folge, dass Therapeut:innen genau überlegen müssen, ob sie mehr als 18 gesetzlich Versicherten Therapieplätze anbieten – bei einer ohnehin schon „extrem langen Wartezeit von 140 Tagen für einen Therapieplatz“, so Badzura.

Diese Entwicklung bezeichnet der Psychotherapeut als „extrem besorgniserregend“. Denn die Nachfrage nach Therapieplätzen ist ungebrochen hoch, während das Angebot durch die Budgetierung künstlich verknappt würde.

Therapeutin fürchtet Flucht in Privatpraxen

Laura Pacios Prado arbeitet in einer Privatpraxis in Frankfurt. Sie spürt die Wut, aber auch Angst und Unsicherheit. „Gerade ist meine Praxis gut ausgelastet, aber ich weiß nicht, ob das in einem halben Jahr noch so ist, da nun alle Privatpatienten behandeln wollen“, sagt sie. Ihre Sorge: Kolleginnen und Kollegen mit Kassensitz könnten angesichts der Vergütungskürzungen vermehrt auf Privatpatienten ausweichen, um ihre Praxis zu finanzieren. Das würde die Platzsuche für gesetzlich Versicherte weiter erschweren.

„Ich habe einen Haufen gesetzliche Patienten, die sich bei mir melden, mehr gesetzliche Patienten als Privatpatienten“, berichtet Pacios Prado. Das zeige, wie schwierig es bereits heute sei, über einen Kassensitz einen Platz zu bekommen.

Psychotherapie als Luxusgut? Kritik an Zwei-Klassen-Medizin

Für Pacios Prado bedeutet das Gesetz eine Verschiebung der Kosten in den privaten Sektor. „Psychotherapie ist plötzlich Luxusgut. Nur noch einige haben Zugang dazu über die Kasse“, sagt sie. Privatpersonen müssten dann aus eigener Tasche für ihre psychische Gesundheit zahlen – zusätzlich zu ihren Versicherungsbeiträgen. Folge wären höhere Kosten durch psychisch bedingte Arbeitslosigkeit, Frühverrentungen und längere Arbeitsunfähigkeit.

Doch nicht nur finanziell, auch gesellschaftlich seien die Auswirkungen schwerwiegend. „Wir haben Einschränkung der Teilhabe etwa durch Depressionen. Die Leute ziehen sich zurück. Wir haben Bildungs- und Erwerbschancen, die einfach nicht ergriffen werden können, weil die Menschen psychisch erkranken“, erklärt die Psychologische Psychotherapeutin.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Das hessische Gesundheitsministerium verweist auf Schutzregeln

Das hessische Gesundheitsministerium teilt auf Anfrage mit, die Sorgen von Patientinnen und Patienten sowie Therapeutinnen und Therapeuten ernst zu nehmen. „Hessen hat sich in Berlin für die Psychotherapie eingesetzt“, heißt es aus Wiesbaden. Sie sei ein wichtiger Teil der medizinischen Versorgung und unverzichtbar – gerade vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen psychischer Erkrankungen und langer Wartezeiten.

Das Ministerium verweist auf Regelungen, die im parlamentarischen Verfahren ergänzt wurden: Bereits begonnene psychotherapeutische Behandlungen sollen bis zu ihrem Abschluss weiterhin ohne Abzüge vergütet werden. Damit sei sichergestellt, dass Patientinnen und Patienten in laufender Therapie diese verlässlich fortführen können. Die damalige Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte Anfang Juli gesagt, die Reform sei nötig, denn sonst drohe ein „Systemkollaps“.

„Wir müssen weiterhin laut sein“

Martin Badzura und Laura Pacios Prado zeigen sich enttäuscht von der Politik. „Wir müssen uns fragen, ob unsere Gesellschaft das will“, sagt Badzura. Er fragt, ob es künftig eine Zwei-Klassengesellschaft bei der Psychotherapie geben soll und Therapie langfristig nur noch ein Luxusgut für Vermögende wird. Für Pacios Prado gibt es nur eine Möglichkeit: „Wir müssen weiterhin laut sein“, sagt sie. „Es ist keine Option, still zu sein und das alles mitzumachen. Ich bin besorgt um unsere Gesellschaft und um das System, darum, wie unsere Gesellschaft funktioniert.“