Eine neue HIV-Tablette, die nur einmal pro Woche eingenommen werden muss, hat sich in einer internationalen Zulassungsstudie als ebenso wirksam erwiesen wie eine etablierte tägliche Therapie. Bei 93 Prozent der Patientinnen und Patienten blieb die Viruslast nach 48 Wochen unterdrückt – in beiden Behandlungsgruppen. Die Ergebnisse der doppelblinden Studie wurden im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.
Studiendesign und Ergebnisse
An der internationalen Studie nahmen mehr als 600 erwachsene HIV-Patienten aus zwölf Ländern teil, deren Infektion bereits gut unter Kontrolle war. Per Losverfahren erhielten sie entweder die wöchentlich einzunehmende Tablette mit der Kombination aus Islatravir und Lenacapavir oder eine tägliche Pille mit der Dreierkombination aus Bictegravir, Emtricitabin und Tenofoviralafenamid. Die Teilnehmer kannten ihre Gruppenzugehörigkeit nicht, denn zusätzlich nahmen alle ein Placebopräparat ein.
Nach 48 Wochen waren die Ergebnisse in beiden Gruppen nahezu identisch. Bei jeweils 93 Prozent der Teilnehmer blieb die Viruslast unter der Nachweisgrenze. Die Abbruchrate war mit fünf Personen in der wöchentlichen Gruppe und sechs in der täglichen Gruppe ebenso vergleichbar wie die Rate schwerer Nebenwirkungen, die jeweils bei etwa fünf Prozent lag. Die Kombination mehrerer Wirkstoffgruppen soll generell verhindern, dass das HI-Virus Resistenzen entwickelt – ein zentrales Ziel jeder HIV-Therapie.
Keine Resistenzentwicklung beobachtet
Besonders bemerkenswert ist, dass bei den Anwendern des neuen Präparats kein einziges virologisches Versagen auftrat. „Es gab keine Resistenzentwicklung“, erklärte Erstautor Jürgen Rockstroh von der Uniklinik Bonn im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Das ist ein sehr wichtiges Ziel.“ Rockstroh stellte die Daten zudem auf der Welt-Aids-Konferenz in Rio de Janeiro vor. Finanziert wurde die Untersuchung von den Pharmaunternehmen Gilead Sciences und Merck Sharp & Dohme (MSD), die die beiden Wirkstoffe herstellen.
Die Entwicklung markiert einen weiteren Schritt in der Vereinfachung der HIV-Therapie. Rockstroh erinnerte daran, dass bei der Einführung der antiviralen Kombinationstherapie im Jahr 1996 Medikamente noch dreimal täglich eingenommen werden mussten. Heute sind neben täglichen Tabletten auch Depotspritzen zugelassen, die entweder monatlich, alle zwei Monate oder alle sechs Monate intramuskulär oder subkutan injiziert werden. Für Menschen, die Spritzen jedoch nicht bevorzugen, bietet die neue wöchentliche Tablette eine willkommene Alternative.
Zulassung und Marktaussichten
Rockstroh erwartet, dass die Zulassung des Präparats zunächst in den USA beantragt wird – und erst später in Europa. Im Falle einer Zulassung könnte das Medikament in den USA möglicherweise in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres auf den Markt kommen. „Jenen Menschen, die nicht jeden Tag eine Tablette einnehmen wollten, kann das neue Präparat eine spürbare Erleichterung bringen“, so Rockstroh.
Experten stimmen optimistisch
Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft – Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit, bewertet die Entwicklung ebenfalls sehr positiv. Zwar seien Depotspritzen bereits zugelassen, „aber für alle, die lieber eine Tablette einnehmen, ist die neue Entwicklung großartig“. Betroffene müssten nicht täglich an die Einnahme denken und auch nicht ständig an ihre HIV-Infektion erinnert werden. Brockmeyer geht davon aus, dass das getestete Präparat zugelassen wird.
Der Wirkstoff Lenacapavir, der erstmals 2022 in Europa zugelassen wurde, gehört zur relativ neuen Klasse der sogenannten Kapsid-Inhibitoren. Islatravir zählt zu den Nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Translokations-Inhibitoren (NRTTI). Die Kombination dieser beiden Substanzklassen könnte die Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit HIV weiter verbreitern – und zugleich die Therapietreue verbessern, da eine wöchentliche Einnahme den Alltag deutlich entlastet.



