Das marokkanische Innenministerium macht Falschinformationen in sozialen Netzwerken sowie ein offenbar missverstandenes Gerichtsurteil für den Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta verantwortlich. Die Behörde teilte am späten Sonntagabend mit, dass entsprechende Fehlinformationen in Umlauf gebracht worden seien. Das gelte insbesondere für Behauptungen über angebliche Grenzöffnungen. Auch ein Urteil eines spanischen Gerichts, das die sofortige Rückführung von auf See abgefangenen Migranten verbietet, sei offenbar falsch interpretiert und verbreitet worden.
Diese Einschätzung deckt sich mit der Sichtweise der spanischen Regierung. Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte bereits zuvor Gerüchte über angeblich offene Grenzen als möglichen Auslöser für den Zustrom genannt. Diese Gerüchte seien von der „Schleppermafia“ gestreut worden, um Migranten zu einer unkontrollierten Einreise in die EU zu bewegen. Reporter des SPIEGEL sprachen vor Ort mit mehreren Menschen, die die Grenze unerlaubt überschritten hatten. Auch sie bestätigten, dass Hinweise aus Videoclips und Beiträgen auf Plattformen wie TikTok eine entscheidende Rolle für ihre Entscheidung gespielt hätten. Die kurzen Clips hätten den Eindruck erweckt, die Grenze sei offen und eine Einreise ohne größere Hindernisse möglich.
Gerüchte als Treiber der Bewegung
Die spanische und die marokkanische Regierung sind sich demnach einig, dass die Massenmigration am Donnerstag weniger das Ergebnis einer organisierten Aktion als vielmehr einer Welle von Falschinformationen gewesen sei. Die Behörden in Madrid und Rabat verwiesen zudem darauf, dass viele der Migranten aus wirtschaftlicher Not heraus handelten. Die sozialen Medien hätten als Katalysator dafür gewirkt, dass Tausende ihren Entschluss zur Flucht spontan in die Tat umsetzten.
Die Dimension des Ansturms ist unterdessen unklar. Das marokkanische Innenministerium beziffert die Zahl der Beteiligten auf rund 40.000 Menschen. Spanien hatte in ersten Stellungnahmen hingegen von mehr als 50.000 gesprochen. Zudem verhinderte die marokkanische Polizei nach eigenen Angaben, dass 1.135 Personen eine zweite spanische Enklave, Melilla, erreichten. Auch dort wurden die Sicherheitskräfte in erhöhte Bereitschaft versetzt, um einen ähnlichen Vorfall zu verhindern.
Uneinheitliche Angaben zu Todesopfern
Besonders dramatisch stellt sich die Lage bei den Opferzahlen dar. Die marokkanischen Behörden sprachen von elf Toten, die meisten davon ertrunken. Berichte über weitere Todesfälle auf der anderen Seite der Grenze würden derzeit geprüft, hieß es. Die spanische Regierung bezifferte die Zahl der Toten am Sonntag dagegen auf 72. Der Vertreter der spanischen Regierung in Ceuta, Miguel Angel Perez, erklärte zudem, mehr als 1.000 Menschen hätten medizinisch behandelt werden müssen.
Den spanischen Angaben zufolge ertranken einige Migranten, andere wurden erdrückt, als sie versuchten, eine Wellenbrecheranlage und den Grenzzaun zu überwinden. Die Überlastung der Rettungskräfte und die chaotischen Zustände vor Ort hätten die Bilanz zusätzlich verschärft. Nach Angaben aus Madrid sind fast alle Personen, die am Donnerstag nach Ceuta gelangten, inzwischen wieder nach Marokko zurückgebracht worden. Die Behörden gehen davon aus, dass diese Rückführung ohne größere Zwischenfälle verlief.
EU-Innenminister beraten in Dringlichkeitssitzung
Die Krise in Ceuta hat in der Europäischen Union für hektische Aktivität gesorgt. Die Innenminister der EU wollen am Dienstag in einer Dringlichkeitssitzung über die Lage an der Grenze beraten. Im Fokus stehen dabei sowohl die unmittelbare humanitäre Situation als auch die Frage, wie die Außengrenzen der EU besser geschützt werden können. Die Ereignisse in Ceuta verdeutlichen nach Ansicht von Beobachtern, wie schnell die europäische Solidarität in einer Ausnahmesituation auf die Probe gestellt wird.
Als eine der treibenden Kräfte hinter der Spaltung in der Migrationspolitik gilt Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Sie pocht auf eine härtere Abschottungspolitik und fordert eine stärkere Unterstützung der Transitländer. Diese Position stößt innerhalb der EU auf Zustimmung, aber auch auf Widerstand. Kritiker werfen Meloni vor, die Migrationspolitik für innenpolitische Zwecke zu instrumentalisieren.
Marokko fordert Lastenteilung
Marokko bekräftigte in seiner Erklärung erneut, sich der Bekämpfung der illegalen Migration verpflichtet zu fühlen. Gleichzeitig forderte das Innenministerium eine gemeinsame Lastenteilung bei der Steuerung der Migration. Die Regierung in Rabat sieht in der wachsenden Zahl von Migranten an den Grenzen ein europäisches Problem, das nicht allein von den Herkunfts- und Transitländern gelöst werden könne.
Die Ereignisse in Ceuta gelten als einer der schwersten Massenanstürme auf eine spanische Außengrenze seit Jahren. Sie könnten die Debatte über eine Reform der EU-Migrationspolitik weiter anheizen und den Druck auf die Mitgliedsstaaten erhöhen, gemeinsame Lösungen zu finden. Gleichzeitig rückt die Rolle sozialer Medien bei der Mobilisierung von Migration stärker ins Bewusstsein – ein Phänomen, das Politiker und Ermittler vor neue Herausforderungen stellt.



