Mehrere Tausend Migranten halten sich nach dem Massenansturm weiterhin in der spanischen Exklave Ceuta auf. Der Regionalpräsident Juan Jesús Vivas schätzt, dass sich noch zwischen 3.000 und 5.000 Migranten in der autonomen Stadt im Norden Afrikas befinden. Ceuta sei noch nicht zur Normalität zurückgekehrt, sagte Vivas der spanischen Zeitung „El País“.
Die territoriale Integrität der Gemeinde sei verletzt worden, beklagte der Regierungschef. „Diese Angst, diese Furcht und dieses Gefühl der Ohnmacht und Beklemmung, das die Bürger von Ceuta erlebten, prägen unser kollektives Bewusstsein bis heute“, sagte Vivas dem Sender Telecinco. Die Lage sei nicht mehr so dramatisch wie noch am Donnerstag und Freitag, doch es müssten Maßnahmen ergriffen werden, damit sich so etwas nicht wiederhole.
Ceuta, die spanische Exklave in Nordafrika
Ceuta ist eine der beiden spanischen Exklaven an der nordafrikanischen Küste. Die Stadt liegt direkt an der Straße von Gibraltar, nur wenige Kilometer vom europäischen Festland entfernt. Aufgrund dieser Lage ist Ceuta ein zentraler Schauplatz der europäischen Migrationspolitik. Zusammen mit der zweiten Exklave Melilla bildet Ceuta die einzige Landgrenze zwischen der Europäischen Union und Afrika. Die Grenzanlagen bestehen aus hohen Zäunen und moderner Überwachungstechnik. Trotzdem gelingt es Migranten immer wieder, die Barrieren zu überwinden – oft mit erheblicher Verletzungsgefahr.
Massenansturm: Zehntausende überwinden die Grenze
In der vergangenen Woche hatten zwischen 50.000 und 60.000 Menschen von Marokko aus die Grenze zu Ceuta überwunden. Mindestens 94 Menschen kamen dabei nach offiziellen Angaben ums Leben. Viele ertranken beim Versuch, die Exklave schwimmend zu erreichen. Die lokalen Behörden reagierten zunächst hilflos auf den Ansturm, die Zentralregierung in Madrid entsandte Polizei und Soldaten zur Unterstützung.
Die Stadt Ceuta zählt regulär rund 85.000 Einwohner. Die plötzliche Ankunft Zehntausender Migranten innerhalb weniger Tage stellte die Verwaltung vor enorme logistische Herausforderungen. Viele der Ankommenden wurden zunächst provisorisch untergebracht oder kehrten in den folgenden Tagen wieder nach Marokko zurück. Ein Großteil der Migranten hat die Exklave nach Angaben der Behörden inzwischen wieder verlassen, doch Tausende harren weiterhin aus.
Geheimdienst warnte angeblich vor dem Ansturm
Nach einem Bericht des Radiosenders „Cadena SER“ hätten die Behörden durchaus Zeit zum Reagieren gehabt. Demnach warnte der spanische Geheimdienst CNI das Innenministerium wiederholt vor einer massenhaften Migrationsbewegung aus Marokko. Der Sender berichtet unter Berufung auf Geheimdienstkreise, dass das Ministerium die Warnungen ignoriert und es versäumt habe, ausreichend Personal an den Grenzübergängen zu stationieren.
Das spanische Innenministerium weist die Vorwürfe zurück. Es habe vom Geheimdienst „keinerlei Warnung oder Alarm“ erhalten, heißt es offiziell. Innenminister Fernando Grande-Marlaska erklärte: „Es gibt keinen Bericht (des CNI), der darauf hindeutet, dass eine Situation wie die vom 30. hätte entstehen können.“ Allerdings räumt das Ministerium ein, dass es seit Mitte Juli einen Anstieg der Migrantenströme verzeichnet habe.
Die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko sind traditionell komplex, Migrationsfragen spielen dabei eine zentrale Rolle. In Marokko halten sich viele Migranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara auf, die auf eine Gelegenheit zur Einreise in die EU warten. Die spanische Regierung fordert von Marokko eine strengere Kontrolle seiner Grenzen, während Marokko auf Unterstützung aus Brüssel bei der Bewältigung der Migration setzt. Eine offizielle Erklärung für das plötzliche Überwinden der Grenze gibt es bislang nicht.
Lage bleibt angespannt
Die spanische Regierung steht nach dem Massenansturm unter Druck, die Kontrolle an den Außengrenzen zu gewährleisten. Die Europäische Union hat ihre Unterstützung zugesagt. Der Regionalpräsident von Ceuta forderte weitere Maßnahmen, um eine Wiederholung der Krise zu verhindern. Die Lage in Ceuta bleibt angespannt, auch wenn die unmittelbare Dramatik der ersten Tage abgeklungen ist.
Die Ereignisse in Ceuta haben erneut die fragile Lage an den Außengrenzen der Europäischen Union vor Augen geführt. Eine langfristige Lösung der Migrationsfrage zwischen Europa und Afrika ist nicht in Sicht.



