Die Zahl der Kinder, die im Landkreis Unterallgäu besonderen Schutz benötigen, ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Das Jugendamt verzeichnete 2023 insgesamt 1.234 Fälle von Kindeswohlgefährdung oder -beeinträchtigung – ein Anstieg von 15 Prozent im Vergleich zu 2022. Diese Entwicklung setzt das Jugendamt unter Druck, das bereits jetzt an seine Kapazitätsgrenzen stößt.
Anstieg um 15 Prozent: Jugendamt meldet Rekordzahlen
Laut einer Mitteilung des Landratsamts Unterallgäu wurden im Jahr 2023 insgesamt 1.234 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen oder in anderer Weise durch das Jugendamt unterstützt. Im Vorjahr waren es noch 1.073 Fälle. Besonders besorgniserregend ist der Anstieg bei den Inobhutnahmen: Diese stiegen um 20 Prozent auf 342 Fälle. „Wir beobachten eine Zunahme von Fällen, in denen Kinder akut gefährdet sind und sofort aus ihren Familien genommen werden müssen“, sagt die Leiterin des Jugendamts, Sabine Müller.
Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig. Fachleute sehen einen Zusammenhang mit den Nachwirkungen der Corona-Pandemie, die bei vielen Familien zu psychischen Belastungen geführt hat. Auch wirtschaftliche Probleme, wie gestiegene Lebenshaltungskosten, spielen eine Rolle. „Eltern sind zunehmend überfordert, und die sozialen Netze, die früher halfen, sind dünner geworden“, erklärt Müller. Das Jugendamt meldet zudem mehr Fälle von Vernachlässigung, psychischer Misshandlung und elterlichen Konflikten, die eskalierten.
Jugendamt fordert mehr Personal und Präventionsangebote
Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, fordert das Jugendamt mehr Personal und zusätzliche finanzielle Mittel. „Wir brauchen dringend mehr Sozialarbeiter, um die Familien intensiv betreuen zu können. Nur so können wir präventiv arbeiten und Eskalationen vermeiden“, betont Müller. Der Landkreis hat bereits reagiert und zwei zusätzliche Stellen geschaffen, doch das Jugendamt hält dies für nicht ausreichend. „Wir bräuchten mindestens fünf weitere Vollzeitstellen, um die Fallzahlen angemessen zu bewältigen“, so Müller.
Neben mehr Personal setzt das Jugendamt auf Präventionsangebote. So sollen Elternkurse und Familienberatung ausgebaut werden, um Überforderung frühzeitig zu erkennen. „Wir müssen früher ansetzen, bevor Kinder in Gefahr geraten“, sagt Müller. Das Jugendamt arbeitet dazu eng mit Schulen, Kindergärten und Beratungsstellen zusammen. Ein neues Projekt zur Früherkennung von Kindeswohlgefährdung startet im kommenden Jahr in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt.
Fallzahlen in der Jugendhilfe steigen landesweit
Der Trend im Unterallgäu spiegelt eine landesweite Entwicklung wider. Nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Statistik ist die Zahl der Kindeswohlgefährdungen in Bayern im Jahr 2023 um acht Prozent gestiegen. Auch die Ausgaben für die Jugendhilfe sind deutlich angestiegen. Im Landkreis Unterallgäu beliefen sich die Kosten für Hilfen zur Erziehung und Inobhutnahmen im vergangenen Jahr auf rund 12,5 Millionen Euro – eine Steigerung von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die gestiegenen Fallzahlen stellen auch die Politik vor Herausforderungen. Der Jugendhilfeausschuss des Landkreises hat das Jugendamt beauftragt, ein Konzept zur Bewältigung der steigenden Fallzahlen zu erarbeiten. Dieses soll bis Mitte des Jahres vorliegen und konkrete Maßnahmen zur Personalaufstockung und Prävention enthalten. „Wir müssen jetzt handeln, um die Kinder im Landkreis bestmöglich zu schützen“, sagt Landrat Alex Eder.
Die zunehmende Belastung der Familien zeigt sich auch in der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Mindelheim. Dort ist die Zahl der Beratungsanfragen im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent gestiegen. „Viele Eltern suchen Hilfe, weil sie mit der Erziehung überfordert sind oder Konflikte in der Familie haben“, berichtet eine Mitarbeiterin der Beratungsstelle. Sie betont, dass eine frühzeitige Beratung oft eine Inobhutnahme verhindern könne.
Jugendamt setzt auf Früherkennung und Zusammenarbeit
Um Kinder besser zu schützen, setzt das Jugendamt auf ein Netzwerk aus verschiedenen Akteuren. Regelmäßige Fallkonferenzen mit Schulen, Ärzten und Therapeuten sollen sicherstellen, dass Risiken früh erkannt werden. Zudem wurden die Verfahren zur Gefährdungseinschätzung nach § 8a SGB VIII optimiert. „Wir arbeiten nach klaren Leitlinien und beziehen die Eltern von Anfang an mit ein, sofern es dem Kinderschutz nicht widerspricht“, erklärt Müller.
Ein Beispiel für gelungene Prävention ist das Projekt „Frühe Hilfen“, das seit 2021 im Landkreis läuft. Dabei werden Familien mit Kindern bis drei Jahren von Familienhebammen und Sozialarbeitern begleitet. Im vergangenen Jahr wurden 180 Familien erreicht. „Das Projekt zeigt, dass wir mit früher Unterstützung viele Krisen abwenden können“, sagt Müller. Allerdings könnten nicht alle Familien erreicht werden, die Hilfe benötigen. „Die Nachfrage ist größer als unsere Kapazitäten“, räumt sie ein.
Die steigenden Fallzahlen haben auch Auswirkungen auf die Kinder selbst. Viele von ihnen zeigen Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsverzögerungen. Das Jugendamt arbeitet deshalb eng mit therapeutischen Einrichtungen zusammen, um betroffenen Kindern schnell zu helfen. Eine Warteliste für Therapieplätze besteht jedoch weiterhin.
Ausblick: Mehr Investitionen in den Kinderschutz geplant
Der Landkreis Unterallgäu will in den kommenden Jahren verstärkt in den Kinderschutz investieren. Neben der Aufstockung des Personals sind auch neue Angebote geplant, etwa eine weitere Beratungsstelle im nördlichen Landkreis. Zudem soll die Zusammenarbeit mit freien Trägern der Jugendhilfe intensiviert werden. „Wir müssen alle Kräfte bündeln, um den Kindern im Landkreis eine sichere Zukunft zu ermöglichen“, sagt Landrat Eder.
Die Politik ist sich der Dringlichkeit bewusst. Der Jugendhilfeausschuss hat einstimmig beschlossen, die Mittel für den Kinderschutz im Haushalt 2025 um 15 Prozent zu erhöhen. Damit sollen zusätzliche Stellen und Präventionsprogramme finanziert werden. „Der Schutz unserer Kinder hat oberste Priorität“, betont Eder. Das Jugendamt hofft, dass die Maßnahmen bald wirken und die Fallzahlen langfristig sinken.
Bis dahin bleibt die Situation angespannt. Die Mitarbeiter des Jugendamts arbeiten am Limit, wie Sabine Müller betont: „Wir geben unser Bestes, aber wir brauchen Unterstützung, um jedes Kind, das Hilfe braucht, auch wirklich erreichen zu können.“ Die kommenden Monate werden zeigen, ob die angekündigten Maßnahmen ausreichen, um den Kinderschutz im Landkreis Unterallgäu nachhaltig zu stärken.



