Berlin – Die Bundesregierung will beim Wohngeld sparen. Die im Februar vom Bundestag beschlossene Novelle trifft vor allem Familien mit Kindern. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes beziehen rund 1,9 Millionen Haushalte in Deutschland Wohngeld. In diesen Haushalten leben etwa 1,4 Millionen Minderjährige. Viele von ihnen müssen nun mit geringeren Leistungen rechnen. Sozialverbände sprechen von einem Angriff auf die soziale Teilhabe.
Im Zentrum der Kürzung steht die sogenannte Heizkostenkomponente. Sie wurde bei der Wohngeldreform 2023 eingeführt, um Bezieherinnen und Bezieher während der Energiekrise zu entlasten. Bisher gab es diese Komponente als Pauschale – unabhängig davon, wie hoch die tatsächlichen Heizkosten ausfallen. Das ändert sich jetzt: Künftig sollen nur noch die realen Ausgaben für Heizwärme anerkannt werden. Die Umstellung ist eine von mehreren Änderungen, die der Gesetzgeber mit dem Ziel beschlossen hat, den Bundeshaushalt zu entlasten.
Warum vor allem Kinder betroffen sind
Wohnungen mit mehreren Kindern benötigen mehr Platz – und damit mehr Heizenergie. Eine gängige Vierzimmerwohnung für eine Familie mit zwei Kindern ist nicht nur in der Miete teurer, sie hat auch höhere Heizkosten als eine Zweizimmerwohnung. Nach Ansicht von Experten benachteiligt die neue Regelung genau diese Haushalte: Statt einer pauschalen Komponente wird die individuelle Situation betrachtet. Wenn eine Familie im Winter weniger heizt, um Kosten zu sparen, sinkt der anerkannte Aufwand – und damit auch das Wohngeld. Die tatsächlichen sozialen Bedürfnisse würden so zulasten der Kinder ausgeblendet.
Außerdem senkt das Gesetz die Einkommensgrenzen. Haushalte, die bislang knapp über der Grenze lagen, fallen komplett aus der Förderung. Das sind häufig Familien, in denen ein Elternteil berufstätig ist und das andere sich um die Kinder kümmert. Besonders Alleinerziehende sind betroffen: Sie sind oft auf Wohngeld angewiesen, weil sie keinen Unterhalt erhalten oder die Betreuungszeiten ihre Erwerbstätigkeit einschränken. Die Zahl der alleinerziehenden Wohngeldhaushalte ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen – eine Folge der Reform von 2023, die eigentlich eine soziale Verbesserung bringen sollte.
Heizkostenkomponente: Ein leistungsfeindliches Modell?
Die Kritik an der neuen Berechnung geht noch weiter. In der Praxis wird die Heizkostenkomponente künftig auf Basis der individuellen Energieausweise und der Verbrauchsdaten berechnet. Wer in einer energetisch unsanierten Wohnung lebt, bekommt unter Umständen nur die Kosten anerkannt, die für ein gut gedämmtes Haus üblich wären. Genau diese Wohnungen sind für Familien mit geringem Einkommen aber oft die einzige bezahlbare Option. Viele dieser Familien investieren bewusst weniger in Heizung, um die Nebenkostenabrechnung nicht zu sprengen. Das führt dazu, dass ihre anerkannten Kosten niedriger ausfallen und sie letztlich weniger Wohngeld erhalten – obwohl ihre Wohnqualität und ihre Gesundheit darunter leiden.
Die Bundesregierung weist diese Bedenken zurück. Ein Sprecher des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen verteidigte die Änderung mit dem Argument, die Heizkostenkomponente sei eine befristete Entlastung gewesen. Man habe reagiert, als die Energiepreise außergewöhnlich stark stiegen. Jetzt kehre man zu einer sachgerechten Berechnung zurück, die die Bedürftigkeit nicht besser und nicht schlechter abbilde als vor der Reform.
„Kinder sind keine Sparkasse des Bundes"
Diese Sichtweise teilen viele Sozialorganisationen nicht. Der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger, sagte gegenüber der Augsburger Allgemeinen: „Kinder sind keine Sparkasse des Bundes. Es darf nicht sein, dass ausgerechnet Familien mit Kindern die Einsparungen im Haushalt abfedern müssen." Krüger forderte die Bundesregierung auf, die Kürzungen zurückzunehmen und stattdessen bei überflüssigen Subventionen zu sparen.
Auch der Paritätische Gesamtverband hatte bereits im Vorfeld vor den Folgen gewarnt. Die geplanten Änderungen trügen dazu bei, dass die Zahl der von Armut bedrohten Kinder weiter steige. In Deutschland wächst bereits jedes fünfte Kind in einer Familie auf, die auf Transferleistungen angewiesen ist. Wird das Wohngeld weiter gedeckelt, dürfte sich diese Quote nicht verbessern.
Das erwartet betroffene Familien
Konkret müssen Haushalte, die Wohngeld beziehen, mit Nachzahlungen rechnen? Die Umstellung der Heizkostenkomponente greift zum 1. Januar 2025. Die zuständigen Behörden werden Bestandsbescheide überprüfen und neu berechnen. Betroffen sind nach Schätzungen von Fachleuten mehrere hunderttausend Haushalte. Auch in Bayern und Baden-Württemberg dürften die Kürzungen spürbar werden, da die Miet- und Energiekostenniveaus dort über dem Bundesdurchschnitt liegen.
Ob es zu einer Klagewelle gegen die neuen Bescheide kommt, ist noch offen. Jedenfalls ist damit zu rechnen, dass die neue Regelung für Unmut sorgt. Wer Wohngeldanträge plant, ist gut beraten, seine Karten offen zu legen und die Umstellung im Auge zu behalten.
Die Diskussion über die Wohngeldkürzungen zeigt: Eine solide Haushaltsführung und soziale Gerechtigkeit schließen sich nicht aus. Wenn die Politik bei Familien spart, zahlt die Gesellschaft später einen hohen Preis – etwa bei der Bildung und der Gesundheit der Kinder.



