In einem Labor im thüringischen Elgersburg (Ilm-Kreis) bestimmt ein tiefes Summen die Geräuschkulisse. Dutzende Honigbienen sitzen in Glaskästen auf den Labortischen. Fünf Teilnehmer eines speziellen Lehrgangs verfolgen ein gemeinsames Ziel: die Drohnen zur Spermaabgabe zu bringen. Mit einer mikroskopisch kleinen Pipette und einem filigranen Handgriff entnehmen sie das Sperma, um damit Bienenköniginnen zu besamen. Etwa 670 Menschen aus aller Welt hat der Geschäftsführer des Schulungsunternehmens, Ali Ataeian, bereits in der instrumentellen Besamung unterrichtet. „Die Spermagewinnung ist eine mühsame Arbeit“, betont der Diplomingenieur, der ein eigenes Besamungsgerät entwickelt hat.
Mühsame Spermagewinnung und Frustrationspotenzial
Die Drohnen stammen aus Ataeians eigenen Völkern, die im Garten hinter dem Labor in zahlreichen Stöcken einer sanftmütigen Bienenart leben. Ohne Schutzkleidung entnimmt er eine Königin, während die Lehrlinge stachellose Drohnen per Hand einsammeln. Im Labor drücken die Teilnehmer gegen die Brust der Drohnen und rollen den Unterleib, bis das auffällig große Geschlechtsorgan hervortritt und ein weißer Tropfen erscheint. Die Pipette muss präzise angesetzt werden, um das Sperma aufzunehmen. Nicht immer gelingt das: Ein Teilnehmer verliert durch eine ungeschickte Bewegung die gesamte Tagesausbeute. „Das Frustrationslevel muss hoch sein, vor allem am Anfang, es braucht Übung“, sagt Maria Corpataux, eine der drei Züchter aus der Schweiz, die extra für den Kurs angereist sind. Ihr Mülleimer zeigt die getöteten Drohnen – wie in der Natur sterben sie nach dem Samenerguss.
Begehrte Königin: Betäubung und Millimetereinspritzung
Den Höhepunkt des Kurses demonstriert Ataeian selbst: Er betäubt die zuvor ausgewählte Bienenkönigin mit CO2 in einem von ihm entwickelten, digital justierbaren Gerät. Unter dem Mikroskop zieht er mit einer winzigen Schlinge die Öffnung am Hinterleib der Königin auf und injiziert millimetergenau eine abgemessene Menge Sperma. Nach dem Lösen aus der Fixierung und dem Anbringen einer Markierung bewegt sich die Königin wenige Minuten später wieder. „Die künstliche Besamung ist seit Jahrzehnten etabliert und eine sehr gute Methode, um bestimmte Zuchterfolge zu erzielen“, erklärt Elke Genersch, Direktorin des Länderinstituts für Bienenkunde Hohen Neuendorf. Die Einrichtung wird von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Berlin getragen.
Selektionsziele: Toleranz gegen Varroa und Krankheiten
Die Zucht zielt vor allem auf widerstandsfähigere Bienen ab. „Bei uns am Institut wurde in den letzten Jahrzehnten eine Varroa-tolerante Selektionslinie herangezüchtet, bei der der Milbendruck nicht so groß wird“, sagt Genersch. „Ein weiteres Ziel ist die Zucht auf eine verbesserte Immunantwort, damit die Bienen toleranter gegen verschiedene Krankheitserreger werden.“ Die besondere Herausforderung: Anders als Nutztiere sind Bienen freifliegende Insekten. Ihre natürliche Paarung findet an sogenannten Drohnensammelplätzen in der Luft statt, deren Lage die Tiere instinktiv kennen. Die Königin kehrt nach der Paarung ins Volk zurück und speichert das Sperma in einer Tasche, die für drei bis vier Jahre ausreicht.
Belegstellen versus instrumentelle Besamung
Alternativ zur künstlichen Besamung nutzen Imker Belegstellen – abgelegene Paarungsplätze, an denen nur ausgewählte Drohnen fliegen. Der Transport der Königinnen dorthin bedeutet aber logistischen Aufwand. „Belegstellen bieten eine gewisse Sicherheit, welches genetische Material die Königin erhält. Aber wenn Sie hundertprozentig sicher sein wollen, müssen Sie künstlich besamen“, so Genersch. Die Nachkommen der Drohnen verteilen das Zuchtziel dann auf breiter Basis. Ataeian hebt den Nutzen vitaler Völker hervor: „Das erste und wichtigste Produkt der Biene ist die Bestäubung.“ Deshalb müssten die Tiere gestärkt werden, um weniger Chemie im Bienenstock einsetzen zu müssen.



