Niedrigwasser am Rhein: Von Fischen bis zur Chemieindustrie – vielfältige Folgen des sinkenden Pegels
Niedrigwasser am Rhein: Folgen für Umwelt und Wirtschaft

Der Rhein ist derzeit besonders belastet: Er führt sehr wenig Wasser und ist ungewöhnlich warm. Laut Bundesanstalt für Gewässerkunde sind Spätsommer und Herbst typische Niedrigwasserzeiten, doch dass bereits jetzt so wenig Wasser in Rhein und anderen Flüssen ist, stellt eine besondere Situation dar. Die Folgen betreffen Umwelt, Schifffahrt, Tourismus und Industrie gleichermaßen.

Auswirkungen auf Fische und Umwelt

Die für Wasserlebewesen kritische Schwelle von 25 Grad Wassertemperatur wurde im Rhein seit dem 20. Juli wieder unterschritten, könnte aber in den kommenden Tagen erneut erreicht werden, teilt das rheinland-pfälzische Umweltministerium mit. Am 26. Juni wurden bei Koblenz sogar 28 Grad gemessen. Hohe Wassertemperaturen führen wegen niedriger Sauerstoffverfügbarkeit und geringerer Abflüsse zu Stress für die Lebewesen. „Je geringer der Abfluss, desto weniger O2 und Raum steht den im Rhein lebenden Organismen zur Verfügung“, so das Ministerium. Wechselwarme Fische können nicht in kühlere Bereiche ausweichen; für den Barben-Bestand ist eine Überschreitung von 25 Grad kritisch.

Gefahr durch Blindgänger

Niedrige Wasserstände legen alte Munition frei, die der Kampfmittelräumdienst begutachten muss. „Jedoch führt nicht jede Meldung tatsächlich zum Fund von Kampfmitteln, da es sich auch lediglich um angeschwemmten Schrott handeln kann“, erklärt eine Sprecherin. Unabhängig davon untersuche der Dienst alle gemeldeten Funde. Sie warnt: „Generell warnen wir jeden Mitbürger und jede Mitbürgerin davor, Gegenstände, bei denen nicht ausgeschlossen werden kann, dass es sich um Kampfmittel handeln könnte, zu berühren oder zu bewegen.“ Stattdessen solle umgehend das Ordnungsamt oder die Polizei verständigt werden.

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Personenschifffahrt und Fähren

Das Niedrigwasser bremst auch die Personenschifffahrt. Für Kabinenschiffe könnte es bald eng werden; je nach Wetterlage komme irgendwann der Moment, ab dem Hotelschiffe nicht mehr fahren könnten, betonte das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein in Bingen. In Bonn fuhr sich vor wenigen Tagen ein Hotelschiff mit 75 Passagieren und 40 Crewmitgliedern fest. Bereits zuvor mussten die Passagiere der „MS Aurelia“ erfahren, dass die Reise umgeroutet wird – Stopps in Rüdesheim, Worms und Mainz entfielen. Die neun Fähren zwischen Ingelheim und Bad Honnef sind trotz Niedrigwasser regulär unterwegs, wie auf der Homepage zu lesen ist. Hingegen pausieren die „Peter Pan“ zwischen Leimersheim und Leopoldshafen und die „Baden-Pfalz“ zwischen Neuburg und Neuburgweier. Auch in Leverkusen fiel die Fähre wegen der Pegelstände aus.

Sportbootverleih und Freizeitschifffahrt

Auf dem Rhein sind nicht nur weniger Berufs- und Personenschiffe, sondern auch weniger Freizeitsportler zu sehen. „Es kommen gerade keine neuen Reservierungen rein“, sagt Andreas Bitnar von mietboot.com in Mainz. Viele Neukunden trauten sich bei dem niedrigen Wasserstand nicht, ein Boot zu mieten und schöben ihr Vorhaben auf – oft bis ins nächste Jahr. Auch private Bootseigner machten aus Vorsicht seltener die Leinen los. „Ein eigenes Boot zu haben, heißt nicht, sich im Revier auszukennen“, sagt Bitnar. Hier und da habe es schon gekracht. „Je niedriger das Wasser, desto mehr muss beachtet werden.“ Die Bootsverleiher haben zudem mit deutlich höheren Spritpreisen zu kämpfen.

Die Freizeitschifffahrt wird auch durch die Wasserpest behindert. Diese ursprünglich aus Nordamerika stammende Pflanze hat sich in diesem Jahr aufgrund niedriger Wasserstände und hoher Temperaturen explosionsartig in strömungsarmen Bereichen wie Häfen, Buchten oder Altrheinarmen vermehrt. Die Wasserpest wurzelt am Gewässergrund, ihre bis zu drei Meter langen Stängel können sich um Schrauben legen; auch Paddeln oder Rudern wird in zugewucherten Bereichen schwierig. Rudervereine am Rhein berichten von mehr Kenterungen bei Anfängern, Trainingseinheiten und Regatten wurden bereits abgesagt.

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Gütertransport: Beispiel BASF

Der weltgrößte Chemiekonzern mit Stammwerk in Ludwigshafen verfolgt die Entwicklung nach eigenen Angaben sehr eng. „Bisher konnte der Binnenschifftransport durch den Einsatz einer größeren Anzahl an Niedrigwasser-Schiffen weitestgehend aufrechterhalten werden“, teilt eine BASF-Sprecherin mit. Durch Verlagerung bestimmter Mengen auf Lkw und Schiene werde die Versorgung mit wichtigen Rohstoffen gestützt. „In Einzelfällen kann es beim Andauern der aktuellen Wetterlage zu Lieferengpässen kommen“, meint die Sprecherin. BASF stehe mit den Kunden in Kontakt. Der Konzern transportiert 40 Prozent seiner Güter am Stammwerk per Schiff; in der Vergangenheit hatte Niedrigwasser zu zeitweisem Produktionsstopp geführt.

Fahrrinnenvertiefung am Mittelrhein

Um Engstellen im Mittelrhein zu entschärfen, soll die Fahrrinne vertieft werden, damit Schiffe durchgängig mit einem bestimmten Tiefgang fahren können. Das Projekt betrifft den Abschnitt von Budenheim bei Mainz bis St. Goar. Zusätzliche 20 Zentimeter Wassertiefe sollen realisiert werden, was pro Schiff bis zu 200 Tonnen mehr Fracht ermöglicht. Es handelt sich um ein langfristiges Vorhaben: Im Bundesverkehrswegeplan 2030 steht es als vorrangiges Projekt, doch vor 2033 dürfte die Umsetzung nicht beginnen. Die Folgen für Strömungsverhältnisse und Ökosystem müssen mitbedacht werden; an der Bundesanstalt für Wasserbau in Karlsruhe wurde eine Rhein-Passage für Simulationen verkleinert nachgebaut.

Reaktion der Landespolitik

Der Bund sei gefordert, die für die Bundeswasserstraße Rhein notwendigen Maßnahmen voranzubringen, fordert Wirtschaftsminister Michael Ebling (SPD). „Das aktuelle Niedrigwasser auf dem Rhein macht erneut deutlich, wie verletzlich eine der wichtigsten Verkehrsachsen Deutschlands ist.“