Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, hat am vergangenen Sonntag erneut eine Wahlkampfveranstaltung mit Simson-Mopeds abgehalten. Trotz scharfer Kritik der Nachfahren der jüdischen Erfinderfamilie Simson fuhr er auf einer „Schwalbe“ vor und führte eine Ausfahrt mit rund 1500 Anhängern an. Die Aktion fand auf dem Marktplatz in Weißenfels statt, einer Stadt im Süden des Bundeslandes.
Simson: Symbol ostdeutscher Identität mit belasteter Geschichte
Die Marke Simson geht auf die jüdischen Brüder Simson zurück, die in Suhl (Thüringen) ein Unternehmen gründeten, das später in der DDR die Kultmopeds „Schwalbe“ und „S50/51“ produzierte. Die Familie wurde 1936 von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben und floh in die USA. Heute gelten die Mopeds bei vielen Jugendlichen als Symbol ostdeutschen Lebensgefühls und Mobilität. Doch die politische Instrumentalisierung durch die AfD sorgt für Empörung bei den Nachfahren.
Kritik der Familie: „Beleidigung unseres Namens“
Dennis Baum, der Sprecher der heute in den USA lebenden Familie, betonte erneut, dass die Verwendung des Namens Simson durch die AfD inakzeptabel sei. „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als eine Beleidigung unseres Namens“, sagte Baum. Die Partei versuche, mit dem Namen der von den Nazis vertriebenen Unternehmerfamilie Werbung zu betreiben. Siegmund übergeht diese Kritik beharrlich. Auch in Tangermünde und Bitterfeld hatte er zuvor ähnliche Ausfahrten organisiert.
Verfassungsschutz stuft AfD als rechtsextrem ein
Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Dennoch liegt die Partei in Umfragen deutlich vor der derzeit regierenden CDU. Die Landtagswahl findet am 6. September statt. Die Veranstaltung in Weißenfels verlief ohne größere Zwischenfälle, obwohl Gegner den Marktplatz im Vorfeld mit Kreide beschmiert hatten. Während der Reden gab es keine Gegendemonstrationen. Im Anschluss an die Ansprachen startete eine zweistündige Fahrt durch den Saale- und Burgenlandkreis.
Höcke nutzt Simson ebenfalls für Eigenwerbung
Nicht nur Ulrich Siegmund, sondern auch der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke setzt auf die Kultmopeds. Dennis Baum berichtete, dass die Familie schockiert sei, ihren Namen auf T-Shirts und Postern in Verbindung mit der AfD zu sehen. „Alle aus der Familie sind explodiert“, sagte Baum in einem früheren Interview. Die Nachfahren fordern ein Ende dieser Vereinnahmung, die sie als Missbrauch ihrer Familiengeschichte ansehen.
Die Simson-Mopeds sind tief in der ostdeutschen Kultur verankert, doch ihre jüdischen Wurzeln werden von der AfD ignoriert. Die Partei nutzt die Nostalgie der Fahrzeuge, um im Wahlkampf zu punkten, während die Erben der Gründer mit Entsetzen zusehen.



