90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg: Historiker warnt vor Renaissance des Franco-Kultes
90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg: Franco-Kult lebt wieder auf

Zum 90. Jahrestag des Beginns des Spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936 warnt der Historiker Till Kössler vor einer Renaissance des Franco-Kultes. In einem Interview mit ntv.de betont er, dass der Diktator Francisco Franco bis heute eine Blaupause für rechtsautoritäre Herrschaft sei und angesichts aktueller Krisen wieder als positiver Bezugspunkt für junge Spanier diene.

Franco als Vorbild für autoritäre Regime

Kössler, Professor für Historische Bildungsforschung an der Universität zu Köln und Autor einer Franco-Biografie, sieht eine bedenkliche Entwicklung: „Franco hat an Aktualität gewonnen, weil wir in den vergangenen 10 oder 15 Jahren eine Renaissance autoritärer Herrschaft erlebt haben – ich denke da an Wladimir Putin oder Xi Jinping.“ Gleichzeitig werde die Demokratie stärker infrage gestellt. An Franco könne man die Attraktivität, aber auch die Widersprüche und Schwächen dieser Herrschaftsmodelle erkennen.

Die Kindheit und Jugend Francos

Der Historiker schildert ausführlich Francos Kindheit und Jugend. Schon früh sei der Wunsch nach einem autoritären Staat in ihm angelegt gewesen. Die spanische Niederlage im Krieg gegen die USA 1898 mit dem Verlust der Kolonien sei ein einschneidendes Ereignis gewesen. Für das militärische Milieu, in dem Franco aufwuchs, sei das ein Schock gewesen. Franco forderte später einen nationalen Aufbruch, um das Land zu neuer Größe zu führen – seiner Meinung nach nur mit autoritären Mitteln und durch die Zurückdrängung von Liberalismus und Demokratie.

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Ab 1912 diente Franco als Offizier in der Kolonie Spanisch-Marokko. Diese Erfahrung des Kolonial- oder Guerillakriegs prägte sein politisches Denken maßgeblich. „Hier bildet sich auch ein bestimmter gewalttätiger Politikstil heraus, die Idee, dass grausame Gewalt legitim ist, um ein Ziel zu erreichen“, so Kössler. Die spanische Fremdenlegion bezeichnet er als „Kristallisationspunkt einer rechtsextremen Militärkultur“. In Marokko radikalisierten sich die Anlagen, die bereits vorher vorhanden waren.

Francos Aufstieg zur Führungsfigur

Franco gehörte nicht zum Kern der Putschisten gegen die Zweite Republik, wurde aber dennoch zur Führungsfigur. Kössler erklärt: „Er gehörte nicht zu denen, die den Plan operativ vorangebracht haben, aber er war über alles informiert. Als hochrangiger Offizier war er seit den 1920er Jahren einer breiten spanischen Öffentlichkeit bekannt, deshalb führte letztlich kein Weg an ihm vorbei. Zudem war er für alle Gruppen repräsentabel: für die Faschisten, die Monarchisten, die Katholiken.“ Das Bündnis der Putschisten war heterogen, geeint durch die radikale Frontstellung gegen die Republik und ein hohes Gewaltpotenzial.

Die Gewaltausbrüche im Bürgerkrieg wurden von oben angestachelt. Franco und sein Umfeld pflegten eine extrem gewalttätige Rhetorik. „Er und seine Generäle haben die Gewalt eher angestachelt, als sie zu bremsen“, sagt Kössler. Allerdings gab es auch eine Radikalisierung an der Basis, bei der republikanische Politiker vor Ort ermordet oder vertrieben wurden.

Strategie im Bürgerkrieg und internationale Hilfe

Über Francos strategisches Geschick im Bürgerkrieg gibt es unterschiedliche Auffassungen. Kössler sieht die Wahrheit in der Mitte: „Franco hat irgendwann begriffen, dass ein langer Krieg die beste Vorgehensweise ist – und sie war letztlich ja auch erfolgreich. Allerdings konnte die republikanische Seite ihm durchaus etwas entgegensetzen.“ Die Putschisten erhielten Militärhilfe aus Italien und Deutschland, die kriegsentscheidend war. Kössler betont: „Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die Putschisten ohne sie gescheitert wären.“ Gleichzeitig versuchte Franco, sich eine Art Souveränität zu bewahren und nicht zur Marionette von Adolf Hitler oder Benito Mussolini zu werden.

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Francos Verhältnis zu Hitler beschreibt Kössler als pragmatisch. Bei dem Treffen 1940 ging es Franco darum, von einem erwarteten deutschen Sieg zu profitieren. Die nationalsozialistischen Verbrechen betrachtete Franco als normale Kriegsmittel. Den Holocaust thematisierte er nicht, obwohl er antisemitische Ansichten hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte er sich als Retter jüdischer Menschen darzustellen, was Kössler als wenig glaubhaft bezeichnet, da Spanien keine jüdischen Verfolgten aufnahm, ihnen aber teilweise die Durchreise ermöglichte – eine pragmatische Entscheidung, um die USA und Großbritannien nicht zu verärgern.

Francos Machterhalt nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt sich Franco an der Macht, weil er innenpolitisch fest im Sattel saß. Der Bürgerkrieg hatte eine Reihe von Gewinnern hervorgebracht, für die Franco der Garant ihrer sozialen Stellung war. Zudem hatten westliche Staaten früh ein Interesse an Handelsbeziehungen und Militärstützpunkten. „Die außenpolitische Isolierung war weit weniger vollständig, als man meinen mag“, so Kössler.

Erinnerungspolitik und Renaissance des Franco-Kultes

90 Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs ist das Thema in Spanien noch immer präsent. „Um die Einschätzung und die Aufarbeitung von Bürgerkrieg und Franco-Diktatur gibt es nach wie vor einen erinnerungspolitischen Streit“, sagt Kössler. Es gebe kein nationales Museum oder eine Gedenkstätte auf gesellschaftlichem Konsens. Die Enkelgeneration der Betroffenen stelle sich unbefangener der Vergangenheit, habe Massengräber aufgedeckt. Gleichzeitig gebe es eine Renaissance des Franco-Kultes unter jungen Spaniern. „Für einen Teil der spanischen Jugendlichen stellt Franco einen positiven Bezugspunkt dar. Auch angesichts der gegenwärtigen Krisen gibt es eine bedenkliche Renaissance des Franco-Kultes.“ Diese sei sowohl konservativ als auch rechtsextrem geprägt, insbesondere im Umfeld der Vox-Partei.

Parallelen zur Gegenwart

Kössler sieht Parallelen zwischen den 1930er Jahren und der heutigen Zeit. Die Polarisierung zwischen progressiven Kräften und der Maga-Bewegung von Donald Trump ähnele den kulturellen Streitpunkten der Zweiten Republik in Spanien. „Um die Emanzipation der Frauen oder die Stellung zur katholischen Kirche wurden damals harte und erbitterte Debatten ausgefochten. Das erinnert mich an die Konflikte der Gegenwart. In dieser Hinsicht sind die Brüche der 1930er Jahre wieder etwas näher gerückt.“