IG-Metall-Chefin Christiane Benner hat im Interview mit dem Handelsblatt Zölle auf chinesische Hybridautos gefordert und zugleich die Verteidigung der abschlagsfreien Rente nach 45 Jahren angekündigt. „Die Rente nach 45 Jahren verteidigen wir mit Zähnen und Klauen“, sagte Benner mit Blick auf die Rentenkommission, die diese Regelung streichen will.
Wachsender Druck durch chinesische Hybridimporte
Benner kritisierte, dass die EU zwar Zölle auf reine Elektroautos aus China verhängt habe, nicht aber auf Hybride. „Das erzeugt massiven Druck auf die Verkaufszahlen von in Deutschland hergestellten Hybridautos“, so die Gewerkschaftschefin. Der Anteil chinesischer Plug-in-Hybride sei von drei Prozent im Jahr 2024 auf aktuell 18 Prozent gestiegen. Die Preisunterschiede zu deutschen Modellen betrügen teilweise bis zu 30 Prozent – eine Folge der Subventionspolitik Chinas, nicht des Marktes.
Die IG-Metall-Vorsitzende forderte Bundeskanzler Olaf Scholz auf, die Vorstände der Autokonzerne an ihre Verantwortung für den Standort Deutschland zu erinnern. Zudem brauche es stärkere Local-Content-Regeln im europäischen Industrial Accelerator Act: „Quoten, die sicherstellen, dass Aufträge aus der Autoindustrie auch wirklich bei deutschen und europäischen Zulieferern landen.“ Auch chinesische Hersteller, die Werke in Europa aufbauten, müssten in Europa einkaufen und nicht aus China importieren.
Warnung vor Freihandelsabkommen
Benner lehnte Freihandelsabkommen wie mit Mexiko oder den Mercosur-Staaten als Widerspruch zu Local-Content-Forderungen ab. „Man kann nicht einerseits Local Content fordern und andererseits sagen: Teile aus Mexiko sind auch okay.“ Stattdessen brauche es eine temporäre, unbürokratische Konzentration auf den deutschen und europäischen Markt. Die Bundesregierung müsse sich dafür in Brüssel einsetzen.
Die Gewerkschaftschefin zeigte sich enttäuscht über die Haltung der Bundesregierung: „Viele glauben hier immer noch an den freien Markt und dass sich das alles von allein regelt. Das ist leider Quatsch.“ Andere Staaten spielten längst ein anderes Spiel, während Deutschland noch die alte Spielanleitung in die Luft halte.
Rüstungskonjunktur kann Jobverlust nicht auffangen
Trotz wachsender Aufträge in der Rüstungsindustrie – etwa bei TKMS mit U-Boot-Aufträgen aus Kanada – könne dieser Sektor den massiven Stellenabbau in der Metall- und Elektroindustrie nicht kompensieren. „Maximal zehn Prozent der wegbrechenden Industriejobs können durch Rüstung kompensiert werden“, schätzte Benner. Die Produktion sei oft Manufaktur, keine Massenproduktion. Zudem müsse das Ziel eine Zukunft durch Diplomatie und Frieden sein.
Seit der Coronapandemie gingen in der Metall- und Elektroindustrie rund 320.000 Arbeitsplätze verloren, die Auslastung liege bei nur 79 Prozent. Benner kritisierte die Arbeitgeber scharf: „Die Arbeitgeber missbrauchen die Krise als Vorwand, um Tabula rasa zu machen. Um Errungenschaften zu schleifen, die von uns hart erkämpft und bezahlt wurden.“
Tarifrunde im Herbst: Differenzierung gefordert
Anfang der Woche hatten sich die Sozialpartner erstmals mit dem Kanzler getroffen. Benner zeigte sich erschüttert, dass die Rentenkommission die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren und das Blockmodell bei der Altersteilzeit streichen wolle. „Altersteilzeit ist eines der wenigen sozialverträglichen Personalinstrumente.“ Die Abschläge zahlten nicht die Versicherten, sondern die Unternehmen.
Für die anstehende Tarifrunde im Herbst für 3,8 Millionen Beschäftigte kündigte Benner eine verantwortungsvolle, differenzierte Lösung an. „Wir haben auch Branchen mit erheblichem Wachstum – erneuerbare Energien, Rüstung, Flugzeugindustrie.“ Eine Nullrunde in den Krisenbranchen schloss sie aber aus: „Viele Menschen haben bereits Zugeständnisse gemacht, und die Lebenshaltungskosten sind weiter gestiegen.“
Auf die Frage nach dem Vorbild der US-Autogewerkschaft UAW, die bei VW in Tennessee mehr als 20 Prozent Lohnzuschlag durchgesetzt hatte, betonte Benner den Wert des deutschen Tarifvertragsgesetzes und der betrieblichen Mitbestimmung. „In den USA gibt es das nicht.“
Mitgliederzahlen: Neue Hoffnung durch Kampagnen
Die Mitgliederzahl der IG Metall sei zuletzt auf knapp über zwei Millionen gesunken – bedingt durch Demografie und Stellenabbau. Dennoch verzeichnete die Gewerkschaft zuletzt Erfolge: „Im Automobilbereich hatten wir an einzelnen Tagen dreistellige Neuaufnahmen.“ Benner kündigte 180.000 Gespräche in den Betrieben an. „Die Stimmung ist kämpferisch – die Leute wollen sich ihre Rechte nicht wegnehmen lassen.“



