Glanz und Pomp in Sankt Petersburg wie jedes Jahr: Seit Monaten bereitet sich die Stadt auf das diesjährige Wirtschaftsforum vor. Hotels sind teuer und fast ausgebucht. Gut zwei Tonnen schwarzer Kaviar werden auf den Tischen der Wirtschaftsführer landen. „Wir waren schon Wochen im Voraus ausgebucht“, sagt ein Gastronom. „Locations für besondere Anlässe – es gibt gehobene Restaurants, Bars und Cocktailbars – sind für diese Termine schon seit Ewigkeiten reserviert.“
Neuer deutsch-russischer Wirtschaftsdialog
Neu ist in diesem Jahr erstmals wieder ein offizieller deutsch-russischer Wirtschaftsdialog. Unter der Fragestellung „Wie interagieren deutsche und russische Unternehmen im gegenwärtigen Umfeld?“ treffen sich Geschäftsleute aus beiden Ländern. „Russland freut sich auf die große Delegation deutscher Unternehmen beim Internationalen Wirtschaftsforum“, sagt Kirill Dmitrijew, Wladimir Putins Sonderbeauftragter für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland. „Deutsche Wirtschaftsführer weisen deutschen Politikern und Beamten den richtigen Weg.“ Politisch sind die Beziehungen seit Beginn des Ukraine-Krieges auf dem Tiefpunkt, doch manche deutsche Unternehmen wollen zurück nach Russland, so scheint es.
Wunsch nach Rückkehr
„Der Westen sollte Russland, seinen großen Markt und seine Rohstoffe nicht auf Dauer anderen überlassen“, sagt Matthias Schepp, der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Allein die Chinesen hätten im ersten Quartal dieses Jahres 1400 neue Unternehmen in Russland gegründet. Bis zum Beginn des Krieges war Deutschland der größte europäische Handelspartner Russlands – mit einem Volumen von 59,7 Milliarden Euro im Jahr 2021. Wegen der westlichen Sanktionen ist das deutsch-russische Handelsvolumen im vergangenen Jahr auf unter zehn Milliarden Euro gesunken. Viele Firmen haben Russland verlassen, doch laut der Handelskammer sind etwa 1600 deutsche Unternehmen weiterhin in Russland aktiv. Dazu gehören etwa der Großhandels-Konzern Metro, die Handelskette Globus oder der Baumaschinenhersteller Liebherr. Auch der Schokoladenproduzent Ritter Sport ist weiter im Land tätig, spendet seine Gewinne aus dem Russland-Geschäft nach eigenen Angaben aber an humanitäre Organisationen.
Geschäftsklima überraschend positiv
Die Handelskammer hat 750 ihrer Mitglieder jüngst zum Geschäftsklima befragt. 75 Prozent der 265 Teilnehmer, die antworteten, gaben an, mit der Entwicklung ihres Russlandgeschäfts zufrieden zu sein – trotz Millioneneinbußen durch die Sanktionen. Zwei Drittel sind überzeugt, dass die Strafmaßnahmen des Westens die russische Wirtschaft stark oder sogar sehr stark beeinträchtigen. Gut ein Drittel der Unternehmen meint allerdings auch, dass die Sanktionen Deutschland mehr schaden als Russland. Und 39 Prozent gaben an, sie seien von den Sanktionen wenig oder gar nicht betroffen. Am Wirtschaftsforum nehmen laut Programm etwa der in Russland mit der Gruppe EkoNiva tätige Milchproduzent Stefan Dürr und der langjährige Geschäftsführer der Globus Holding, Thomas Bruch, teil.
Putin im Fokus
Gastgeber des Wirtschaftsforums ist Kremlchef Wladimir Putin. Seine Rede in Sankt Petersburg wird mit Spannung erwartet. Denn derzeit leidet die russische Wirtschaft. Die hohe Inflation spüren die Menschen in Russland. Auf der anderen Seite verhindern hohe Zinsen Investitionen der Wirtschaft. Das wird Thema in Sankt Petersburg sein. Wirtschaftsexperten fordern „eine enge Zusammenarbeit zwischen Zentralbank und Regierung, um sowohl die Inflationsziele zu erreichen, als auch die Wirtschaft auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu bringen.“
Zukunft der russischen Wirtschaft
Wie wird es mit Russlands Wirtschaft weitergehen? Auch darüber wird man diskutieren. Ein Ende des Krieges würde Auswirkungen auf die russische Wirtschaft haben, meinen Experten im Zentrum für makroökonomische Analyse und Kurzfristprognosen. Die Folgen wären „eine teilweise Demobilisierung, reduzierte Prämienzahlungen an Militärangehörige, ein Rückgang der staatlichen Rüstungsbeschaffung, eine Verringerung der Schichtarbeit und der Beschäftigung in der Industrie sowie reduzierte Gehälter für Arbeitnehmer“. Doch ein Kriegsende ist nicht in Sicht. Bei einem neuen russischen Angriff auf die Ukraine wurden laut den ukrainischen Behörden mindestens zehn Menschen getötet. Auch in Russland treffen Drohnen Wohnhäuser, auch hier sterben Menschen. Fast täglich greift die Ukraine die ölverarbeitende Industrie an. Flugbenzin wird auch in Russland knapp.
Deutsche Teilnehmer und Kontroversen
Bis Samstag wird das Petersburger Wirtschaftsforum dauern. Für Aufsehen in Deutschland sorgt die Teilnahme einer AfD-Delegation, zu der der Vizechef der AfD-Bundestagsfraktion, Markus Frohnmaier, der Bundestagsabgeordnete Steffen Kotré, der sächsische Landesvorsitzende Jörg Urban und der Europaabgeordnete Petr Bystron gehören. Gäste aus Deutschland haben sich auch zu einer Veranstaltung zum Thema „Kultur als Brückenbauer in Krisenzeiten“ angesagt, etwa der Dirigent Justus Frantz, der Berliner Verleger Holger Friedrich und der Filmemacher Hubert Seipel.
Gas und Öl aus Russland? Unternehmen klar für Wiederaufnahme
Es wird erneut die Frage aufkommen: Sollte Deutschland wieder Gas und Öl aus Russland beziehen? Die Antwort der von der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer befragten Unternehmen ist eindeutig. 65 Prozent meinen: „Ja, je eher, desto besser.“ Und 31 Prozent sagen: „Ja, aber erst, nachdem die Waffen in der Ukraine schweigen.“



