Ein traumatisierter Ex-General spricht Klartext
Michael Bartscher befehligte 4000 Soldaten in Kabul. Nach einem Attentat kehrte er sofort zurück – ein Fehler, wie er heute sagt. Ein Gespräch zum Veteranentag.
Der Moment der Verwundung
Herr Bartscher, Sie traten 1976 als Zeitsoldat in die Bundeswehr ein und stiegen zum Brigadegeneral der Luftwaffe auf. Bei einem Afghanistan-Einsatz in Kabul wurden Sie 2014 schwer verwundet. Können Sie sich an den Moment erinnern, als die Kugel Sie traf?
Natürlich. Wir befanden uns an der afghanischen Militärakademie in Kabul in einer Gruppe von etwa 30 Personen. Jemand hat zur Problematik der Wasserversorgung vorgetragen. Plötzlich hörten wir Schüsse und wussten nicht, woher sie kamen. Dann bekam ich einen Schlag auf den rechten Oberschenkel, jemand fiel auf mich drauf. Wir gingen in Deckung hinter einer Steinwand, während das US-Team über unsere Köpfe hinweg das Feuer erwiderte. Dann trat Stille ein. Ein dänischer Soldat war in das Gebäude eingedrungen, aus dem die Schüsse gekommen waren, und hatte den Mann erschossen, der sie abgefeuert hatte. Es war ein afghanischer Soldat, ein sogenannter Innentäter. Er hatte aus einem Schnellfeuergewehr Typ M16 vier Magazine mit jeweils 30 Schüssen geleert.
Die Aufgabe in Afghanistan
Was genau haben Sie in Afghanistan getan?
In meiner Verwendung bei ISAF war ich von Juli bis Dezember 2014 Militärberater des afghanischen Generalstabschefs und seiner beiden Stellvertreter. Bei der nachfolgenden Mission „Resolute Support“ war ich von Januar 2015 bis Juli 2015 Abteilungsleiter Personalgewinnung und Training für die afghanische Polizei und die afghanische Armee.
Die Verletzung und ihre Folgen
Wie schwer war Ihre Verletzung?
Das Projektil traf mich am Oberschenkel und steckte dicht an einer Arterie fest. Weil eine Entfernung ohne Verletzung der Arterie so schwierig war, wollte der Arzt aus den USA mich nicht operieren. Zum Glück gab es in Mazar-i-Sharif einen deutschen Gefäßchirurgen, der sich das zutraute. Insgesamt wurde ich dreimal operiert. Trotzdem habe ich mich nach der Rückkehr in Deutschland nicht wohlgefühlt. Ich dachte an die Menschen in Afghanistan, die mir anvertraut waren, an mein Team, und ich hatte das Gefühl, meine Aufgabe nicht zu Ende gebracht zu haben. Zu Hause fühlte ich mich fit und in der Lage, meine Aufgabe fortzusetzen. Deshalb ging ich vier Wochen nach dem Anschlag zurück nach Afghanistan. Diese Entscheidung bereue ich im Nachhinein.
Das Trauma und die Therapie
Weil das Attentat und die Verwundung in Afghanistan Sie traumatisiert hatten und die Folgewirkungen erst später eintraten?
Ja. Ich habe immer versucht, das zu rationalisieren, habe mir gesagt, eine Verwundung, die einen nur bedingt einschränkt, muss man ertragen. Aber ich merke immer wieder bei trauriger Musik oder Bildern von Krieg und Gewalt, dass ich sehr emotional werde. Konkret meide ich etwa Menschengruppen und laute Geräusche. Früher war das anders. Ich war der Harte, bin fünf Marathons gelaufen, Fallschirm gesprungen. Ich war sehr leistungsorientiert, ich war stark. Das bin ich heute nicht mehr. Ich bin nicht gebrochen, aber meine Persönlichkeit hat sich verändert.
Hatten Sie professionelle Hilfe zur Überwindung des Traumas?
Ja. Bei mir wurde nach einiger Zeit eine schwere posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert und anerkannt. Anfangs habe ich Therapien abgelehnt, gedacht, jetzt gehst du zum Seelenklempner und kotzt dich da aus. Aber es war gut, weil die Familie nicht alles auffangen kann. Ja, ich habe eine Psychotherapie bekommen. Ich bin dem Psychotraumazentrum der Bundeswehr sehr dankbar, das die Diagnose und die Notwendigkeit einer Therapie bestätigte. Heute treffe ich mich noch in größeren Abständen mit meinem Psychotherapeuten.
Die Belastung für die Familie
Wie geht die Bundeswehr mit traumatisierten Veteran:innen um?
Weil die psychische Belastung auch zur Probe für den Familienzusammenhalt wird? Bei Menschen mit psychischen Belastungsstörungen entwickeln sich Veränderungen der Persönlichkeit, mit denen die Partner und vor allem die Kinder nicht umgehen können. Plötzlich ist der Vater wie ausgewechselt, wird aggressiv, still oder nicht ansprechbar. Vor allem Kinder haben niemanden, mit dem sie darüber sprechen können, oder sie wollen es nicht, weil sie sich schämen. Oft brechen Beziehungen dann auseinander. Das sind Erfahrungen im Bund Deutscher Einsatz-Veteranen, der sich auf diese Menschen fokussiert, sie unterstützt und Familienwochenenden oder Pferdetherapien organisiert und finanziert, um den Familien etwas zurückzugeben.
Die Motivation zum Dienst
Warum gingen Sie eigentlich zur Bundeswehr?
Mit 18 Jahren wollte ich etwas anderes machen, und da einige Soldaten im Freundeskreis meiner Eltern waren, die man als Vorbilder bezeichnen kann, kam mir der Gedanke, mich freiwillig zu bewerben. Außerdem war ich von der Kombination von geistiger und körperlicher Forderung fasziniert.
Bereuen Sie Ihren Afghanistan-Einsatz rückblickend?
Ich war 45 Jahre Soldat, trug Verantwortung für über 4000 Soldatinnen und Soldaten, und habe mich fast nur auf meinen Dienst und die Menschen um mich herum konzentriert. Meine Frau kümmerte sich um die Kinder. Die Aufgaben waren getrennt. Ich bedaure sehr, dass ich mich in meiner Familie so wenig eingebracht habe. Und das kreide ich auch der Bundeswehr an, zumal sie das nicht anerkannte und nicht die notwendige Wertschätzung zum Ausdruck brachte. So wurde etwa ein erster Wehrdienstbeschädigungsantrag abgelehnt. Man argumentierte, dass nur gesunde Soldaten in den Einsatz entsendet werden, und da ich nach dem Attentat nach vier Wochen in das Einsatzgebiet zurückgekehrt sei, hätte ein Arzt meine gesundheitliche Eignung im Vorfeld bestätigt. Es dauerte wiederum zwei Jahre, bis diese Entscheidung nach einem langwierigen Widerspruchsverfahren aufgehoben und mir ein Grad der Schädigung von 50 Prozent zugeordnet wurde. Dagegen erfolgte meine Entlassung aus der Bundeswehr wegen Dienstunfähigkeit binnen weniger Monate. Wenn man nicht funktioniert, wird man aussortiert.
Weitere Verletzungen und ihre Folgen
Wegen der Schussverletzung?
Nicht nur. In Afghanistan kam es nach meiner Rückkehr zu einem schweren Unfall, bei dem ich mir mein Gleichgewichtsorgan schädigte. Ein schweres Militärfahrzeug fuhr mit rund 60 Kilometern pro Stunde auf unseren stehenden Wagen auf. Wir waren alle fest angeschnallt, aber der Kopf wird durch die Kräfte eines solchen Aufpralls hin- und zurückgeschleudert. Seitdem wird mir manchmal schwindelig und beim Aufstehen aus dem Bett wird mir schwarz vor Augen. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland stieg ich eines Tages auf mein Motorrad, an einem sonnigen, trockenen Sommertag. In einer sanften Linkskurve fuhr ich ungebremst geradeaus in eine Mauer.
Klingt nach einem Blackout?
Einer der Ärzte hat das als versuchten Selbstmord gewertet. Warum sollte jemand das sonst tun? Und im Koma habe ich mich so heftig bewegt und dabei über Afghanistan fantasiert, dass mich die Ärzte fixieren mussten. Die Bundeswehr hat jeden Zusammenhang zwischen den Unglücken bei den Afghanistan-Einsätzen und dem Motorradunfall bestritten und die heutigen Folgen auf den Motorradunfall geschoben. Das Problem eines Wehrdienstbeschädigungsverfahrens ist, dass der Geschädigte beweisen muss, dass der Schaden ursächlich auf den Einsatz zurückzuführen ist. In meinem Fall war das nicht möglich.
Sehen Sie denn einen Zusammenhang?
Ein Arzt sagte wegen meiner heftigen Träume über Afghanistan: Sie haben nicht Abschied nehmen können von Ihrem gefallenen Kameraden. Harold Greene war ein amerikanischer Zwei-Sterne-General, der mir nach der Ankunft in Afghanistan viel geholfen hat. Plötzlich ist dieser Mensch weg. Man ist selbst aber noch da. Daran habe ich zu knabbern gehabt. Es war sehr schwer. Auch deshalb wollte ich nach dem Attentat zurück.
Der Umgang mit dem Trauma
Drei schwere Verletzungen, ein Trauma – wie geht man damit um?
Ich konnte mich körperlich stabilisieren und habe ein Masterstudium aufgenommen. Ich habe promoviert über Afghanistan und die Rolle der deutschen Akteure dort. Heute habe ich neben meiner Tätigkeit für den Bund Deutscher Einsatzveteranen Lehraufträge an der Universität Bonn und bei zivilen Bildungsträgern.
Statistisch dürften die Chancen, traumatisierende Erfahrungen so gut zu überwinden, nicht groß sein, oder?
Wissenschaftler sagen, 20 Prozent der Soldaten kommen aus Einsätzen in Krisengebieten mit Schädigungen zurück, größtenteils mit psychischen Belastungsstörungen. Jeder kommt verändert zurück. Auch wenn man vier Monate immer nur im Camp arbeitet. Denn die Lebensumstände in der Fremde sind andere. Man ist eingesperrt in einem mutmaßlich geschützten Raum, muss sich aber täglich Unbekanntem aussetzen.
Haben Sie ein Beispiel?
Als ich 2010 im Winter erstmals länger in Afghanistan war, sah ich Kinder bei Minustemperaturen in Badeschlappen und T-Shirt durch den Schneematsch waten. Als ich zurückkehrte nach Deutschland, in den Weihnachtstrubel, und Menschen durch die Großstadt hetzen sah, um immer noch mehr einzukaufen, da stellte ich mir Fragen: Lebe ich in der richtigen Welt, ist Konsum sinnstiftend, wenn Elend wenige tausend Kilometer entfernt herrscht, und die Witwe mit einem Kind im Arm betteln muss, um ihre Familie durchzubringen?
Kritik an der Bundeswehr
Waren Sie auf Entfremdung und Gefahren vorbereitet?
Nein, das wird zu wenig gemacht. Das ist auch meine Kernkritik an den Werbekampagnen der Bundeswehr. Man wirbt nur mit extrinsischen Motivatoren, Geld beispielsweise, kostenloser Unterkunft und Kameradschaft. Dabei muss man den Menschen auch sagen, wofür sie dienen: der Verteidigung unserer Werte und der Demokratie. Und dass sie in eine Situation kommen können, in der sie verwundet oder sogar getötet werden.
Das wird verdrängt?
Ja, die Themen Tod und Verwundung werden bei den aktiven Soldaten verdrängt. Deshalb setzen sich die Soldaten damit nicht auseinander. Das weiß ich aus meinen Vorträgen bei Bundeswehrgruppen. Dabei ist das Risiko heute groß wegen der Wahrscheinlichkeit eines Bündnisfalles und der Notwendigkeit der Landesverteidigung. Realisiert sich das, könnten rund 1000 Menschen pro Tag verwundet werden. Diese Zahl kommuniziert die Bundeswehr und leitet sie aus Erfahrungen des Ukraine-Krieges ab. Darauf ist Deutschland nicht eingestellt: Weder reicht die ärztliche Versorgung noch die psychotherapeutische.
Die Wehrpflicht-Debatte
Trotzdem wird die allgemeine Wehrpflicht gefordert. Sind Sie dafür?
Ohne Wehrpflicht geht es nicht. Nur mit extrinsischen Motivatoren bekommen wir nicht genug Menschen und auch nicht die Richtigen. Wenn jemand nur auf das Geld schielt oder darauf, den Führerschein zu machen, wird er kaum verinnerlichen, was er unter Eid gelobt hat, nämlich unsere Werte zu verteidigen. Und die Spitzenleute haben auch in zivilen Bereichen beste Chancen. Warum sollten sie zum Bund gehen, wo ihnen Verwundung und Tod drohen? Ich bin für eine Wehrpflicht, oder besser für eine Gesellschaftspflicht. Jeder Bürger sollte etwas für sein Land tun. Es gibt viele Möglichkeiten, sich im Sozialen zu engagieren. Und zwar auch für 50- und 60-Jährige.
Also nicht so wie in Russland, wo Wehrpflicht bedeutet: Ab an die Front?
Nein, dort ziehen sie 19-Jährige von der Schulbank weg und schicken sie in den Krieg. Die haben keine Chance zu überleben. Bei uns werden nur Freiwillige nach langjähriger Ausbildung in der Armee in gefährliche Missionen geschickt. Wer zwölf Monate gedient hat, und den Umgang mit der Handwaffe erlernt hat, darf nicht in den Krieg geschickt werden. Das ist verantwortungslos. Aber zum Schutz der Infrastruktur gegen die hybriden Angriffe, kann er innerhalb Deutschlands nützlich sein. Und das brauchen wir, denn wir sind längst im Krieg mit Russland.
Wertschätzung für Soldaten
Gibt es genug Wertschätzung für die Soldaten bei ihrer Rückkehr nach Deutschland?
Nein, dafür gibt es kein Bewusstsein in Gesellschaft und Politik. Das letzte Kontingent mit 250 Soldaten, das aus Afghanistan in Deutschland gelandet ist, wurde nicht durch Politiker in Empfang genommen, die sie doch entsandt hatten. Aus der Enquetekommission im Bundestag über den Afghanistan-Einsatz, die letztes Jahr ihren Abschlussbericht vorlegte, wurden viele Lehren abgeleitet. Doch diese werden nicht in konkretes Handeln umgesetzt. Die Defizite bei der Vorbereitung der Einsätze und der Betreuung der Soldaten müssten aufbereitet werden. Doch das geschieht nicht. Wir lernen nicht aus den Fehlern.
Weil die Aufdeckung von Missständen eine erfolgreiche Rekrutierung gefährden?
Ja, Transparenz und Wahrhaftigkeit wären wichtig und auch die Benennung von Dingen, die nicht gut laufen. Stattdessen sucht man sich das heraus, was vermeintlich positiv ist, etwa den Bau von Schulen und Brücken in Afghanistan, um einen ungeliebten Einsatz positiv dastehen zu lassen. Was wirklich in den Einsatzgebieten vorgeht, erfährt die Gesellschaft nur eingeschränkt oder sehr viel später.
Der Veteranentag
Immerhin gibt es den Veteranentag. Die im Jahr 2024 durch die demokratische Mehrheit im Deutschen Bundestag entschiedene Einführung des Veteranentages, war eine überfällige Entscheidung, für die die Veteranenbewegung gekämpft hat. Der Tag ist wichtig, um die Gesellschaft und die sie schützenden Soldaten näher zusammenzuführen. Es soll ein lockerer, fröhlicher Tag sein, bei dem das Gesellige im Vordergrund steht. Persönlich engagiere ich mich beim Veteranentag in Hilden sowie am 21. Juni in Berlin in zwei Podiumsdiskussionen zu den Themen „Soldat im Spannungsfeld zwischen Dienst und Familie“ sowie „Wertschätzung des Soldatenberufes“. In der verbleibenden Zeit bin ich am Stand des BDV und tausche mich mit interessierten Bürgern aus.
Abschließende Botschaft
Was würden Sie Bundeswehr-Interessierten mit auf den Weg geben?
Setzt euch mit der Bedeutung von Freiheit und unseren demokratischen Werten auseinander und überlegt euch, wie und wo ihr euch einsetzen könnt, um diese zu schützen.



