Ex-General Bartscher: Trauma und Kritik an Bundeswehr
Ex-General: Trauma und Kritik an Bundeswehr

Michael Bartscher, ehemaliger Brigadegeneral der Luftwaffe, hat im Interview mit dem Tagesspiegel zum Veteranentag über seine schweren Verwundungen in Afghanistan, die Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung und seine Kritik an der Bundeswehr gesprochen. Der 63-Jährige befehligte 2014 in Kabul 4000 Soldaten, als er bei einem Attentat eines afghanischen Innentäters angeschossen wurde.

Der Moment des Attentats

Bartscher erinnert sich genau an den 5. August 2014: „Wir waren an der afghanischen Militärakademie in Kabul, etwa 30 Personen. Plötzlich Schüsse, dann ein Schlag auf den rechten Oberschenkel. Ein dänischer Soldat tötete den Angreifer, der vier Magazine mit je 30 Schüssen abgefeuert hatte.“ Die Kugel steckte nahe einer Arterie fest, eine Operation in den USA wurde abgelehnt. Ein deutscher Gefäßchirurg in Mazar-i-Sharif operierte ihn dreimal erfolgreich.

Die Entscheidung, zurückzukehren – ein Fehler

Vier Wochen nach dem Anschlag kehrte Bartscher nach Afghanistan zurück. „Ich fühlte mich zu Hause fit und wollte meine Aufgabe zu Ende bringen. Heute bereue ich diese Entscheidung.“ Anfangs lehnte er Therapien ab: „Ich dachte, jetzt gehst du zum Seelenklempner und kotzt dich aus.“ Erst später wurde eine schwere posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Er dankt dem Psychotraumazentrum der Bundeswehr für die Unterstützung.

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Kritik an der Bundeswehr

Bartscher kritisiert die Bundeswehr scharf: „Wenn man nicht funktioniert, wird man aussortiert.“ Sein erster Antrag auf Wehrdienstbeschädigung wurde abgelehnt, weil er nach der Verwundung zurückgekehrt war. Erst nach zwei Jahren wurde ein Grad der Schädigung von 50 Prozent anerkannt. Kurz darauf erfolgte die Entlassung wegen Dienstunfähigkeit. Auch einen schweren Unfall in Afghanistan, bei dem sein Gleichgewichtsorgan geschädigt wurde, und einen späteren Motorradunfall mit möglichem Blackout sieht er im Zusammenhang mit dem Einsatz. Die Bundeswehr bestreitet dies.

Folgen für die Familie

Die psychische Belastung belastete auch seine Familie. „Plötzlich ist der Vater wie ausgewechselt, wird aggressiv oder still. Kinder haben oft niemanden, mit dem sie sprechen können.“ Der Bund Deutscher Einsatz-Veteranen, in dem Bartscher aktiv ist, organisiert Familienwochenenden und Pferdetherapien.

Forderung nach einer Gesellschaftspflicht

Bartscher spricht sich für eine allgemeine Gesellschaftspflicht aus, nicht nur für eine Wehrpflicht. „Jeder Bürger sollte etwas für sein Land tun, auch im sozialen Bereich.“ Er warnt: „Wir sind längst im Krieg mit Russland. Die Bundeswehr rechnet mit 1000 Verwundeten pro Tag im Bündnisfall, aber Deutschland ist darauf nicht vorbereitet – weder medizinisch noch psychotherapeutisch.“

Mangelnde Vorbereitung und Wertschätzung

„Die Themen Tod und Verwundung werden verdrängt“, so Bartscher. Die Werbekampagnen der Bundeswehr zeigten nur extrinsische Anreize wie Geld oder kostenlose Unterkunft. „Man muss den Menschen sagen, wofür sie dienen: die Verteidigung unserer Werte und der Demokratie.“ Auch die Rückkehr der Soldaten werde nicht ausreichend gewürdigt. Das letzte Kontingent aus Afghanistan sei von keinem Politiker empfangen worden.

Der Veteranentag als Schritt

Die Einführung des Veteranentags 2024 begrüßt Bartscher als „überfällig“. Er engagiert sich in Hilden und Berlin bei Podiumsdiskussionen. Sein Rat an Interessierte: „Setzt euch mit Freiheit und demokratischen Werten auseinander und überlegt, wie ihr sie schützen könnt.“

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