Es herrscht lähmende Hitze, und Robert Baily schreitet in voller Montur über ein nachgestelltes Schlachtfeld in Pennsylvania. Der 72-Jährige trägt eine schwere Wolluniform – bei gefühlten über 40 Grad. „Jeder, der bei fast 40 Grad eine Wolluniform trägt, muss irgendwie verrückt sein. Ich hoffe, es ist eine gute Art des Verrücktseins“, sagt Baily. Aber ihm ist die Sache wichtig: Er will möglichst authentisch an die Schlacht von Gettysburg erinnern, die vor über 160 Jahren etwa 7000 Tote forderte – der blutigste Kampf im Amerikanischen Bürgerkrieg.
Fast alle Reenactors sind Republikaner
Die Menschen, mit denen Baily diese alljährliche Nachstellung begeht, sind politisch klar positioniert. „99 Prozent der Leute hier sind Republikaner. Wenn ich mehr als zwei demokratische Reenactor finde, ist das Glück“, sagt Baily lachend. Die Teilnehmer sind sich der tiefen Spaltung in den USA bewusst, die heute erneut das Land durchzieht. Dennoch verteidigen sie überwiegend den republikanischen Präsidenten Donald Trump, der mit seiner Rhetorik maßgeblich zur Polarisierung beiträgt.
Gefährliche Kanonenschüsse bei brütender Hitze
Bailys Bürgerkriegsteam bringt neuen Reenactors bei, wie man mit einer Kanone feuert. Auch wenn hier nicht mit scharfer Munition geschossen wird: Das Ganze kann gefährlich werden. „Wir packen ungefähr 200 bis 300 Gramm Schießpulver in eine der großen Kanonen. Das produziert genug Energie, um dich noch in knapp 50 Metern Entfernung umzuhauen und deinen Kopf zu verkohlen“, erklärt Baily. Die sengende Hitze von 35 Grad – gefühlte Temperatur über 40 Grad – fordert allen viel ab. Baily will trotzdem durchziehen, weil er fürchtet, dass sich die Geschichte wiederholen könnte. „Ich habe aktuell ein wenig Angst. Ich sehe viel Spaltung zwischen dem, was ich Links und Rechts nenne. Sie haben vergessen, was passiert ist“, warnt er.
Ein Leben für die Geschichte
Seit 63 Jahren ist Baily bei den Gettysburg-Reenactments dabei; kein einziges hat er verpasst. Beim ersten Mal war er neun Jahre alt, als Pfadfinder. Als Erwachsener unterrichtete er lange Geschichte und kennt alle Details dieser Schlacht. 1860 wurde Abraham Lincoln zum US-Präsidenten gewählt, kurz darauf spalteten sich die Südstaaten ab, weil sie um ihre politische Macht fürchteten. Ein Krieg entbrannte – vier Jahre, mehr als 200.000 Tote. Die Nordstaaten siegten und nahmen die Südstaaten wieder auf. Die Schlacht von Gettysburg war mitentscheidend.
Doch hat Amerika daraus gelernt? Heute geht wieder ein Riss durch die Gesellschaft, geprägt von Hetze, Verschwörungstheorien und befeuert vom Präsidenten selbst. Trump nannte seine Gegnerin Kamala Harris „eine extreme, radikale, linke Wahnsinnige“. Bis es gefährlich wurde: „Wir werden das Kapitol ziehen“, sagte er, und es kam zur Gewalt.
Trump-Unterstützer verharmlosen seine Rolle
Doch dass Trump selbst einen maßgeblichen Anteil an der Spaltung hat, sehen die meisten Reenactor nicht. Auf die Frage des SPIEGEL-Reporters, ob Trump Harris nicht ständig als Radikale bezeichnet habe, antwortet ein Teilnehmer: „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er sie eine Radikale genannt hat. Nur dass er sie dumm genannt hat. Und dem würde ich schon zustimmen.“ Ein anderer sagt: „Nun ja, das ist Politik.“ Ein dritter meint: „Er ist ein New Yorker und redet auch so. Manchmal würde ich mir wünschen, dass er sich etwas zurücknimmt. Aber ich unterstütze ihn und werde ihn nicht zu sehr verurteilen.“ Ein weiterer Reenactor fügt hinzu: „Ich glaube, unser Präsident macht einen großartigen Job. Ich mag vielleicht Teile seiner Politik nicht. Aber der Mann ist standhaft.“
Bailys körperlicher Einsatz und seine Widersprüche
In Gettysburg beginnt die nachgestellte Schlacht. Für Baily wird es noch heißer, weil er seine Rolle ernst nimmt. „Ohne die Jacke wäre es okay“, sagt er. „Dann zieh die Jacke doch aus“, entgegnet ein Kamerad. „Kann nicht. Ich bin der leitende Offizier“, antwortet Baily. Nach einer guten halben Stunde ist Baily erlöst. „Hilf mir bitte mit der Jacke. Die bekomme ich niemals selbst ausgezogen“, ächzt er. Er ist an seine körperliche Grenze gegangen, weil ihm dieses Spiel so ernst ist. „Oh mein Gott, das ist wie eine Klimaanlage!“, ruft er, als die Jacke endlich ab ist.
Aber Trumps Sprache zu verurteilen oder ihn gar mitverantwortlich zu machen für die erneute Spaltung – das vermeidet auch Baily. „Wenn man sich den Präsidenten anschaut, dann macht er viel davon, um Emotionen hervorzurufen. Er ist ein Geschäftsmann und macht das sehr gut. Ich sehe das als Taktik an. Ich glaube, beide Seiten müssen lernen, zivilisiert und respektvoll miteinander umzugehen. Viel davon ist in unserer Gesellschaft gerade verloren gegangen. Schaut euch auch die andere Seite an! Nur weil ich anderer Meinung bin als du, heißt das nicht, dass ich ein schlechter Mensch bin. Aber so scheint es heutzutage. Und das ist es, was uns Sorgen macht, was mich ärgert“, sagt Baily.
Baily und seine Mitstreiter zeigen den Zuschauern in Gettysburg hautnah, was geschieht, wenn ein Land auseinanderdriftet – ohne den Mann zu kritisieren, der als Präsident maßgeblich zur Spaltung beiträgt. Es sind wieder gefährliche Zeiten in Amerika.



