Der Kreml hat erneut jegliche Pläne für eine neue Mobilmachung in Russland bestritten. Vize-Sicherheitsratschef Dmitrij Medwedew erklärte bei einer Sitzung, dass sich im ersten Halbjahr rund 200.000 Freiwillige für den Angriffskrieg gegen die Ukraine gemeldet hätten. Diese Zahl, die sich nicht unabhängig überprüfen lässt, solle die These untermauern, dass eine Zwangsrekrutierung nicht nötig sei. Medwedew wies in einem bei Telegram veröffentlichten Video zugleich Behauptungen der ukrainischen Führung zurück, wonach Moskau eine neue Mobilmachung plane, um massive Verluste bei den Streitkräften auszugleichen.
Medwedew spricht von Lügen und Provokationen
„Ich möchte noch einmal ausdrücklich betonen: Es besteht keinerlei Notwendigkeit für eine Mobilmachung. Das ist eine Lüge des Feindes, der selbst unter einem Mangel an Personal leidet“, sagte der Ex-Kremlchef. Es handele sich um „Lügen, Provokationen und Gerüchte“, die der Feind gezielt verbreite, um die Lage in Russland vor der Parlamentswahl im September zu destabilisieren. Die personellen Erfordernisse der Streitkräfte seien im ersten Halbjahr „vollkommen“ erfüllt worden, betonte Medwedew.
Angst vor neuer Mobilmachung in Russland greifbar
Trotz der offiziellen Beteuerungen ist die Angst vor einer erneuten Zwangsrekrutierung in der russischen Bevölkerung groß. Viele Menschen glauben den Versprechungen des Kremls nicht. Bereits 2022 hatte die Regierung behauptet, es sei keine Mobilmachung geplant – als sie dann doch kam, flohen Hunderttausende Männer ins Ausland. Um Freiwillige anzulocken, lockt Russland mit hohen Prämien und Einkommen. Dennoch berichten viele Männer, die ihren Wehrdienst abgeleistet haben, von Druck, sich für den Kriegsdienst zu verpflichten.
Ukraine ebenfalls mit Personalproblemen
Auch unabhängige Beobachter in Kyjiw sehen massive Personalprobleme auf ukrainischer Seite. An der Front fehlen Soldaten, Desertionen sind verbreitet, und es gibt Widerstand gegen teils gewaltsame Rekrutierungsmethoden sowie Versuche, sich durch Bestechung vom Dienst freizukaufen. Über die Kriegslage sprach Präsident Wolodymyr Selenskyj auch bei einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump. Selenskyj bezeichnete das Gespräch als gut; sein Präsidialamtschef Kyrylo Budanow teilte mit, dass vereinbart worden sei, den Verhandlungsprozess auf allen Ebenen zu intensivieren, um einen gerechten Frieden zu erreichen. Details nannte er nicht. Die Verhandlungen zwischen Kyjiw und Moskau unter US-Vermittlung waren nach dem Beginn von Trumps Politik gegenüber Iran zum Erliegen gekommen.
Hintergrund der Eskalation
Der Krieg, der im Februar 2022 begann, hat auf beiden Seiten enorme Verluste gefordert. Während Russland auf eine Kombination aus Freiwilligen und Söldnern setzt, kämpft die Ukraine mit einer allgemeinen Mobilmachung. Die Behauptung des Kremls, auf eine erneute Mobilmachung verzichten zu können, wird von vielen Beobachtern skeptisch gesehen. Die Zahl von 200.000 Freiwilligen innerhalb eines halben Jahres erscheint angesichts der hohen Verluste und der demografischen Situation in Russland unrealistisch. Unabhängige Medien berichten zudem von regionalen Rekrutierungskampagnen, die oftmals Zwang beinhalten.
Während Medwedew die Gerüchte als Desinformation abtut, zeigt die Realität an der Front ein anderes Bild. Die russischen Streitkräfte haben nach Angaben westlicher Geheimdienste in den vergangenen Monaten massive Verluste erlitten. Eine neue Mobilmachung könnte daher notwendig werden, um die Offensiven aufrechtzuerhalten. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der Kreml an seiner Linie festhält oder doch zu einer weiteren Zwangsrekrutierung greift.



