Lukas Rietzschel recherchiert für neuen Roman «Sanditz» in der Ukraine
Der Görlitzer Autor Lukas Rietzschel hat für seinen dritten Roman «Sanditz» intensive Recherchen betrieben, die ihn sogar in die Ukraine führten. Bei einer Lesung in Dresden schilderte der 1994 in Räckelwitz geborene Schriftsteller seine Eindrücke von der Reise. Er sei über Polen mit dem Nachtzug in das Kriegsland eingereist. «Und auf einmal ist man im Kriegsland», sagte Rietzschel und beschrieb eine «Schneise der Verwüstung» an der Grenze, wo eine lange Schlange von Frauen und Kindern auf ihre Ausreise wartete. Diese Erlebnisse hätten ihn tief bewegt: «Das hat mich wahnsinnig aufgewühlt bis heute.» Gleichzeitig habe er als EU-Bürger mühelos ein- und ausreisen können – ein Privileg, das ihm sehr bewusst geworden sei.
Ein Roman als ostdeutsche Familienchronik
«Sanditz» erzählt die Geschichte der Familie Wenzel von den späten 1970er-Jahren bis zur Corona-Pandemie und dem Beginn des Ukraine-Krieges. Der Roman ist eine Art ostdeutsche Familien- und Gesellschaftschronik. Eine der Hauptfiguren, der Ex-Polizist Tom, reist als Freiwilliger in die Ukraine, um die dortigen Streitkräfte zu unterstützen. Rietzschel verknüpft auf diese Weise persönliche Schicksale mit den großen politischen Umbrüchen der letzten Jahrzehnte.
Fiktive Kleinstadt als Mikrokosmos
Der Titel «Sanditz» bezeichnet eine fiktive Kleinstadt in der Lausitz, nahe eines Braunkohlereviers, an der «Bruchkante des Tagebaus». Rietzschel ließ sich für diesen Ort von mehreren realen Städten inspirieren: «In dieser Stadt steckt ein wenig von Kamenz drin, aber auch von Görlitz, Zittau und Weißwasser mit seiner Glasindustrie», erklärte der Autor. Er habe sich einfach einen Ort erschaffen, wie er ihn für seine Geschichte brauchte. Der Roman ist geprägt von einer Vielzahl an Figuren und Zeitsprüngen. Um den Überblick zu behalten, nutzte Rietzschel eine Wand voller Reißzwecken, roter Schnüre und Klebezettel – ähnlich wie bei der Arbeit der Kriminalpolizei. «Die Rauhfasertapete war voll», sagte er augenzwinkernd.
Rietzschel als wichtige Stimme des Ostens
Lukas Rietzschel, der in Kamenz aufwuchs und Politikwissenschaft, Germanistik sowie Kulturmanagement studierte, gilt als eine bedeutende literarische Stimme aus Ostdeutschland. Sein Debütroman «Mit der Faust in die Welt schlagen» (2018) über eine Familie von Wendeverlierern und Rechtsradikalen erregte großes Aufsehen und wurde verfilmt. 2022 erhielt er den Sächsischen Literaturpreis. Die Jury würdigte ihn als «eine unüberhörbare, wichtige Stimme aus dem Osten», die die langfristigen Folgen des tiefgreifenden Wandels in ländlichen Regionen und darüber hinaus bewusst mache. Mit «Sanditz» setzt Rietzschel sein literarisches Projekt fort, die komplexe Realität Ostdeutschlands und seine Verflechtungen mit globalen Ereignissen zu erkunden.



