Eric Geressy ist nach Vilseck in der Oberpfalz gereist, um mit Kommandanten über die Zukunft einer der wichtigsten US-Militärbasen in Europa zu beraten. Es geht um nicht weniger als um die Zukunft der US-Streitkräfte in Deutschland.
Der strategische Berater
Geressy ist strategischer Berater von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, damit einer der bedeutendsten Männer in der Hierarchie des Ministeriums. Er wird Hegseth die Vorschläge auf den Tisch legen, welche Truppen abgezogen werden können oder nicht, ob überhaupt welche abgezogen werden sollen, auf welche Einheiten auf keinen Fall verzichtet werden kann.
Die Regierung von US-Präsident Donald Trump wendet sich von Europa ab, hat nur Kritik für den alten Kontinent übrig. So zumindest klingen die Erklärungen aus Washington. Die USA seien weiterhin ein verlässlicher Partner, sagt hingegen Geressy.
Der Soldat
Selbst viele Bayern kennen Vilseck nicht: eine Kleinstadt mit schmalen, auch farbigen Altstadthäusern, einem Hotel, zwei Restaurants, drei Kneipen, die hier Pubs heißen. Amerikaner gehören hier zum Stadtbild, ob in Zivil oder Uniform. Am Ortsrand gibt es riesige Supermärkte. Die US-Armee ist der größte Arbeitgeber, die Soldaten und ihre Familien sind die wichtigsten Kunden.
Nur wenige Fahrminuten entfernt liegen der Truppenübungsplatz Grafenwöhr und die „Rose Barracks“, die Kaserne der US-Soldaten. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind die US-Soldaten hier, mehrere Tausend Soldaten sind in Vilseck stationiert. Heute bekommen sie Besuch von Geressy.
Geschirr klappert, Stimmengewirr erfüllt die Soldatenkantine. Doch dann wird es mucksmäuschenstill. Geressy steht vor den Soldaten: kahl geschorener Schädel, klein, bullige Statur. Im Auftrag von Verteidigungsminister Hegseth und Präsident Trump sei er gekommen, um ihnen zu danken, sagt er. Und: „Ihr seid das Beste, was dieses Land hat – danke für das, was ihr und eure Familien für das Land tut. Ich wünschte, jeder im Land könnte es sehen und stolz darauf sein.“
In seiner kurzen Ansprache geht es darum, was es bedeutet, in den Krieg zu ziehen – und wie man zu einer guten Truppe wird. Sie sollten hart trainieren, aus Lektionen lernen, gute Teams bilden, den Zusammenhalt in ihren Einheiten stärken, sagt Geressy. Denn Einheiten ohne diesen Korpsgeist würden keinen Tag im harten Gefecht überleben.
„Ihr seid draußen im Feld, wenn es kalt, nass, trostlos und Nacht ist“, sagt er. „Aber erst wenn ihr einen Kameraden verliert, wisst ihr, welche Verantwortung ihr tragt.“ Der Krieg verzeihe keine Fehler.
In schwarzem Anzug, weißem Hemd und grauer Krawatte steht hier jemand, der weiß, wovon er spricht. Bereits als 17-Jähriger ging er zur Armee. Mit 55 Jahren gehört er heute der Generation an, die durch die Kriege in Afghanistan und im Irak geprägt wurde. Dreimal kämpfte er zwischen 2003 und 2011 im Irak. Der gebürtige New Yorker war am Einmarsch im März 2003 beteiligt und später am Krieg gegen die sunnitische Extremistengruppe „al-Qaida im Irak“.
In einem dieser Irakeinsätze lernte Hegseth Geressy 2005 kennen. Hegseth hatte als Mitglied der Nationalgarde das Gefangenenlager Guantánamo bewacht. Doch er wollte kämpfen, ein richtiger Soldat werden. Er wurde einer Infanterieeinheit zugeteilt, die Geressy kommandierte. Die Einheit war in einem Gebiet nördlich der irakischen Hauptstadt im Einsatz, wo sie Jagd auf irakische Al-Qaida-Extremisten machte.
Die Kompanie, zu der Geressys Einheit gehörte, geriet als „Kill Company“ in Verruf. Sie soll unbewaffnete Iraker getötet haben – ein Kriegsverbrechen. In einem Prozess gegen den Kompaniechef sagten Soldaten aus, auch Geressy habe entsprechende Befehle erteilt. Konfrontiert damit, sagt er nun: „Mir ist das nicht bekannt.“ Und: „Die Antwort ist Nein“ – er habe solche Befehle nicht erteilt.
Geressy und Hegseth wurden Freunde. Die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein: Hegseth studierte an der US-Eliteuni in Princeton in New Jersey und arbeitete kurz an der Wall Street. Geressy stammt indes aus einer alten Soldatenfamilie und schaffte nur mit „Ach und Krach“ seinen High-School-Abschluss.
Die Waffenbrüderschaft führt Geressy schließlich ins Weiße Haus. 2025 ernennt ihn Hegseth zu seinem strategischen Berater. Geressy sei sein schärfster Kritiker und sein bester Mentor gewesen, sagt der Verteidigungsminister heute über seinen ehemaligen Chef.
Während eines seiner Einsätze im Irak lernte auch die Handelsblatt-Korrespondentin Geressy kennen, als sie seine Einheit in einem Stadtteil in Süd-Bagdad begleitete. Das war im Jahr 2008, fünf Jahre nach dem Einmarsch der Amerikaner – nun ging es darum, Frieden mit ihren sunnitischen Gegnern zu schließen. Kurz davor hatte Geressy noch einmal eine wichtige Schlacht gegen die Extremisten geschlagen, in der diese hohe Verluste erlitten. Dort zeigte er sich, immer noch in voller Kriegsmontur, von einer anderen Seite, der diplomatischen: Er setzte sich mit seinen erbittertsten Gegnern zu Tisch, speiste und trank Tee.
Seitdem hat Geressy deutlich an Gewicht zugelegt. Es ist spürbar, dass der Krieg bei ihm tiefe Narben hinterlassen hat. Aber er wirkt immer noch wie ein Haudegen, und der Humor, das manchmal Spöttische, ist ihm geblieben.
Geressy verkörpert etwas, das Hegseth hochhält: das „Warrior Ethos“, das Krieger- beziehungsweise Soldatenethos des US-Militärs. Dies bedeute, sich auf den Zweck des Militärs zu konzentrieren – Kriege für das Land zu führen und zu gewinnen, sagt Geressy. Dafür zu trainieren, „die Kameradschaft aufzubauen, den Zusammenhalt der Einheit zu stärken, egal woher wir kommen, alles für deine Kameraden und Kameradinnen zu geben.“ Und: „Am Ende bedeutet es, sich auf das Kämpfen und Töten zu konzentrieren.“
Der Stratege
Für seine Kampfeinsätze im Irak wurde der Sergeant Major (Oberstabsfeldwebel) der Reserve Geressy hochdekoriert. Doch auch in der Verteidigung wirkt die Regierung Trump nicht selten erratisch – schwer einschätzbar. Ob Geressy sich in Anzug und Krawatte wohlfühle, will das Handelsblatt wissen. „Das ist jetzt meine Uniform“, sagt er und lacht.
Der Militärberater ist in Deutschland, um sich unter den höchsten Kommandanten umzuhören, was sie vom geplanten Truppenrückzug halten, wo sie die Prioritäten sehen. Dabei trifft er sich mit den Kommandeuren der United States Army Europe and Africa und des United States European Command, dessen Leiter zugleich Oberbefehlshaber aller Nato-Operationen ist. Zum Verantwortungsbereich der Kommandeure zählt auch die Stationierung der US-Truppen in Osteuropa und der Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Im Mai hatte Hegseth den Abzug von 5000 Soldaten aus der Garnison in Vilseck angeordnet – also von rund einem Siebtel der in Deutschland stationierten Soldaten. Zudem sagte er kurzfristig die Verlegung von Truppen nach Polen und Deutschland ab. Kurz darauf relativierte ein Pentagon-Sprecher das Ganze. Das Hin und Her sorgt unter den US-Verbündeten in Europa für Verunsicherung. In Polen ist man besorgt, die USA könnten sich nicht mehr an der Abschreckung Russlands beteiligen. Der Bundeswehrchef General Carsten Breuer fordert Klarheit über die künftige US-Militärpräsenz in Europa.
Geressy versucht, die Wogen zu glätten. Zwar wiederholt er das Credo, dass die Europäer mehr Verantwortung für ihre Verteidigung übernehmen müssen. Aber: „Die USA sind dem Nato-Bündnis weiterhin verpflichtet und dienen als strategischer Rückhalt für Europa.“ Sein Fazit lautet: Die Nato bleibe unverzichtbar.
Und wie geht es weiter? „Nichts ist entschieden“, betont er im Gespräch immer wieder. Derzeit würden alle Optionen und Szenarien sowie mögliche Folgen sorgfältig geprüft. Klar ist: Welche Entscheidung Hegseth und am Ende Trump fällen, wird auch von Geressy abhängen.
Der Mensch
Von dieser Entscheidung wird auch die Zukunft des 2. Kavallerieregiments abhängen, das in Vilseck stationiert ist. Das Regiment, das wegen seiner geländegängigen Stryker-Radpanzer auch „Stryker-Regiment“ genannt wird, ist so etwas wie die schnelle Eingreiftruppe der Armee. Direkt neben ihrer Kaserne liegt der Truppenübungsplatz Grafenwöhr, der größte Übungsplatz der US-Armee in Europa. Auch die Bundeswehr und Soldaten aus Nato-Ländern trainieren hier.
Für die ganze Region im Landkreis Amberg-Sulzbach sind die Soldaten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Viele Einheimische arbeiten auf der Basis, die Soldaten und ihre Familien sind die wichtigsten Konsumenten der Gegend. Mehrere Tausend Amerikaner wohnen in Vilseck und den umliegenden Orten.
Während seiner Zeit in Vilseck hat Geressy in der Umgebung im Dorf Hannesreuth mit ein paar Hundert Einwohnern bei einer Familie zur Miete gewohnt. Diese will er besuchen. Es ist schon kurz vor neun Uhr abends, und es wird dunkel. Seine Begleiter sind besorgt. Um diese Zeit könne man bei Deutschen doch nicht mehr klingeln, schon gar nicht auf dem Land, werfen sie ein. Doch Geressy hat einen Termin nach dem anderen und der Besuch ist ihm wichtig. Er hat nur jetzt Zeit.
Aus dem dreistöckigen, graublauen Haus dringt nur spärliches Licht. Im obersten Stockwerk hatte Geressy zwei Jahre lang gewohnt. Nach einer Weile öffnet der Sohn seines Vermieters, Peter Kraus, die Tür. Langsam kommt auch der Vater, Baptist Kraus. Es dauert ein wenig, bis er sich an den ehemaligen Mieter erinnert. Kraus ist 80 Jahre alt und gebrechlich. Früher sei er ein kräftiger Kerl gewesen, sagt Geressy über seinen Ex-Vermieter. Und dieser sagt über seinen Mieter: „Er war ein harter Kerl.“
Auf der Basis habe Geressy immer nur gebrüllt, erzählt Kraus. 43 Jahre arbeitete dieser als Mechaniker auf der Basis. Mit dem Geld, das er dort verdiente, baute er auch das Haus. Ein Kamerad aus den Tagen im Irak erinnert sich, dass sie einmal ein wildes Trinkgelage abhielten und über die Balkone kotzten. Dafür will Geressy sich entschuldigen. Der alte Mann winkt ab. „Ach, längst vergessen.“
Der Sohn und seine Frau Manuela bitten die Amerikaner ins Haus. Manuela Kraus stellt Bier, Mineralwasser und Chips auf den Tisch. „Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich etwas gekocht“, sagt sie. Mehrfach entschuldigt sie sich. Wie viele in der Region macht sich auch Familie Kraus Sorgen, dass die US-Soldaten abziehen könnten. „In den 90er-Jahren haben wir es verpasst, Industrie hierherzuholen. Wir setzten ganz auf die Amerikaner“, sagt Peter Kraus. „Jetzt ist es zu spät.“ Er habe nun gehört, dass die Truppen doch blieben, sagt er. Und: „Ich hoffe es. Aber bei Trump weiß man ja nie.“ Die Runde schweigt betreten.



