In der Diskussion um eine erneute Olympia-Bewerbung Deutschlands hat IOC-Mitglied Michael Mronz eine stärkere Fokussierung auf die inhaltlichen Vorteile gefordert. „Mir wird in Deutschland noch zu sehr über das Wo und Wann diskutiert, nicht über die entscheidende Frage, warum das IOC die Spiele nach Deutschland vergeben sollte“, sagte der 59-Jährige im Interview mit WELT. Der Sportmanager, der seit 2023 dem Internationalen Olympischen Komitee angehört, sieht in den aktuellen Konzepten der drei verbliebenen Bewerber – Berlin, München und Köln/Rhein-Ruhr – großes Potenzial.
Positive Signale aus den Bürgerentscheiden
Nach dem Aus von Hamburg haben München und die Region Köln/Rhein-Ruhr mit jeweils 66 Prozent Zustimmung in Bürgerentscheiden grünes Licht gegeben, auch das Berliner Abgeordnetenhaus stimmte mit Zweidrittel-Mehrheit zu. Mronz wertet dies als Vertrauensbeweis in die reformierte Olympia-Idee unter der Agenda 2020 und 2020+5, die Nachhaltigkeit und Anpassung an die Stadt in den Mittelpunkt stelle. „In Paris 2024 konnte man das erfolgreiche Ergebnis dieses Prozesses sehen“, betonte er.
Transparenz und Wettbewerb als Erfolgsfaktoren
Der Wettbewerb zwischen den vier Kandidaten habe maßgeblich zur Mobilisierung beigetragen, so Mronz. „Wer beim 100-Meter-Lauf allein an der Startlinie steht, wird nie eine persönliche Bestleistung erzielen.“ Zudem habe man durch Bürgerentscheide von Anfang an die Menschen einbezogen und aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. Die finalen Konzepte werden am 4. Juni beim DOSB eingereicht, der am 26. September über den deutschen Kandidaten entscheidet.
Chancen und Herausforderungen für die Bewerber
Mronz sieht alle drei Konzepte als „Elevator Pitch“ geeignet: Berlin mit dem Tempelhofer Feld mitten in der Innenstadt, München mit dem Erbe von 1972 und Köln/Rhein-Ruhr mit der Möglichkeit, große Hallen ohne Neubauten zu nutzen. Er warnte jedoch davor, sich von einem vermeintlichen Hauptstadt-Bonus blenden zu lassen. „Das IOC entscheidet nach dem überzeugendsten Konzept, nicht nach der Strahlkraft der Stadt“, sagte er mit Verweis auf Brisbane 2032.
Kosten und Nutzen einer Olympia-Ausrichtung
Auf die Kritik an den hohen Kosten entgegnete Mronz, dass Paris 2024 mit einem Gewinn von 70 Millionen Euro abgeschlossen habe. Von den 4,7 Milliarden Euro Gesamtkosten habe das IOC 1,9 Milliarden beigesteuert, hinzu kamen nationale Sponsoringerlöse von 1,2 Milliarden. Die wirtschaftlichen Impulse in Frankreich beliefen sich auf rund neun Milliarden Euro, und 181.000 Arbeitsplätze seien geschaffen worden. „84 Prozent der Weltbevölkerung haben die Bilder aus Paris erreicht“, hob er den Werbeeffekt hervor.
Zukünftige Vergabeprozesse und internationale Konkurrenz
Mronz sprach sich für einen Zwischenschritt im Vergabeprozess aus, um Kandidaten frühzeitig zu bewerten. Die Entscheidung über die nächsten Spiele werde wohl nicht 2027 fallen, sondern später, um sich intensiver mit Bewerbern aus Indien, Afrika und dem Mittleren Osten zu befassen. Deutschland müsse sich mit eigenen Ideen profilieren, etwa durch Digitalisierungsoffensiven. „Wenn wir uns vornehmen, das digitalste Land Europas zu werden, könnten wir den Schienenverkehr um 20 Prozent steigern“, schlug er vor.
Keine Bedenken wegen Nazi-Spielen 1936
Auf die Frage, ob die Nazi-Spiele 1936 gegen eine Bewerbung für 2036 sprechen, entgegnete Mronz: „Das IOC hat keinen Hinweis gegeben, dass es für 2036 keinen Sinn ergibt.“ Die hohe Zustimmung in den Bürgerentscheiden und die Unterstützung der Bundesregierung seien eine überzeugende Antwort. Auch der politische Rechtsruck in Deutschland sei kein Hindernis, da der Sport Brücken baue und alle Parteien der Mitte hinter der Bewerbung stünden.
IOC und politische Neutralität
Zum umstrittenen Friedenspreis von FIFA-Boss Infantino an US-Präsident Trump sagte Mronz: „Das IOC kann keinen Frieden schaffen, aber zeigen, wie Frieden aussehen kann: wenn 206 Nationen unter einem Dach fair gegeneinander antreten.“ Zur Wiederzulassung russischer Sportler betonte er, das IOC müsse Brücken bauen, auch wenn die Haltung zum Ukraine-Krieg klar sei.
Zukunft der Winterspiele und Sportarten
Mronz befürwortet ein rotierendes System für Winterspiele in schneesicheren Orten, um Neubauten zu vermeiden. Bei Sommerspielen sei die Rotation weniger nötig. Zu möglichen Programmänderungen sagte er, dass Kriterien wie Zielgruppen, weltweite Verbreitung und Kosten entscheiden würden. Cricket sei ein Beispiel für eine neue Sportart, die 2028 in Los Angeles dabei sei. Der Nordischen Kombination drohe nicht zwangsläufig das Aus, wenn sie die Auflagen erfülle.



