Olympia-Koordinator Niroomand: Keine grundsätzliche NOlympia-Stimmung in Berlin
Niroomand: Keine grundsätzliche NOlympia-Stimmung

Olympia-Koordinator Niroomand im Interview: Keine grundsätzliche NOlympia-Stimmung in Berlin

Expo oder Olympia? Im Interview erklärt Kaweh Niroomand, was für ihn vorrangig ist, wie er Friedrichshain-Kreuzberg für Sommerspiele gewinnen will und was Linke und Grüne vergessen haben. Von Lorenz Maroldt

Hamburger Referendum und Berlins Chancen

Hat Sie das Ergebnis des Hamburger Referendums zu Olympia überrascht?
Für mich kam das Ergebnis nicht völlig überraschend, schon in den letzten Umfragen war die Zustimmung der Hamburger Bevölkerung eher verhalten. Hinzu kommt die Erfahrung von 2015, als sich Hamburg ebenfalls gegen eine Olympiabewerbung ausgesprochen hat. Insofern gibt es dort eine gewisse Tradition der Skepsis.

Schadet der Erfolg der Olympiagegner in Hamburg auch Berlins Bewerbung, oder ist das eher ein Vorteil, weil es einen Konkurrenten weniger gibt?
Ich würde das weder als Nachteil noch als Vorteil für Berlin bewerten. Jede Stadt hat ihre eigene Ausgangslage, ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Erwartungen an eine Olympiabewerbung. Deshalb wäre es falsch, aus dem Hamburger Votum direkte Rückschlüsse auf andere Bewerbungen zu ziehen. Wir gehen mit Zuversicht in den Auswahlprozess – unabhängig von der Zahl der Mitbewerber. Zudem steht das Hamburger Ergebnis im Widerspruch zu den bundesweiten Umfragen der vergangenen Monate, in denen sich eine breite Mehrheit der Menschen für eine Bewerbung Deutschlands um Olympische und Paralympische Spiele ausspricht.

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Stimmung in Berlin und Umfragewerte

Bei der zweiten Befragung von Dimap für den Deutschen Olympischen Sportbund ist die Zustimmung in Berlin von 60 auf 56 Prozent gefallen. Warum bekommen Sie die Stimmung nicht gedreht?
Natürlich nehmen wir jede Entwicklung in den Umfragen ernst, dennoch möchte ich festhalten, dass 56 Prozent weiterhin eine klare Mehrheit darstellen. Besonders bemerkenswert finde ich die hohe Zustimmung bei den 16- bis 29-Jährigen. In dieser Altersgruppe unterstützen rund zwei Drittel die Bewerbung. Das ist ein wichtiges Signal, denn gerade für junge Menschen wollen wir mit einer Olympiabewerbung wichtige Impulse setzen und Perspektiven schaffen. Von einer grundsätzlichen NOlympia-Stimmung in Berlin kann daher keine Rede sein. Entscheidend ist für mich, die Menschen weiterhin einzubeziehen und transparent zu vermitteln, welchen langfristigen Nutzen eine Bewerbung für unsere Stadt haben kann.

Welche Argumente der Olympiagegner ärgern Sie am meisten?
Ärgern ist vielleicht das falsche Wort. Zu einem öffentlichen Diskurs gehören unterschiedliche Positionen, und kritische Fragen sind absolut legitim. Was ich allerdings für problematisch halte, ist eine grundlegende, ideologisch motivierte Blockadehaltung. Zudem werden leider immer wieder Argumente angeführt, die auf Erfahrungen von vor 20 oder 30 Jahren beruhen. Die Anforderungen an Olympische und Paralympische Spiele haben sich in dieser Zeit grundlegend verändert. Heute stehen Nachhaltigkeit, die Nutzung bestehender Infrastruktur und ein langfristiger Nutzen für die Gastgeberregion viel stärker im Mittelpunkt. Deshalb wünsche ich mir, dass wir die Idee auf Grundlage des Berliner Konzepts und seiner tatsächlichen Inhalte diskutieren. Auf diese Weise können wir uns sachlich über Chancen und Risiken für unsere Stadt und die hier lebenden Menschen austauschen.

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Überzeugungsarbeit für Berlin als Austragungsort

Die grundsätzliche Zustimmung für eine deutsche Bewerbung ist deutlich größer als die für die Bewerbung für Berlin. Wie wollen Sie die Leute überzeugen, dass Berlin der beste Austragungsort ist?
Zunächst einmal ist das für mich nicht überraschend. Sobald es um die eigene Stadt geht, werden die Fragen verständlicherweise kritischer gestellt. Berlin steht wie viele internationale Metropolen vor großen Herausforderungen – beim Wohnungsbau, bei der Verkehrsinfrastruktur, bei der Modernisierung öffentlicher Einrichtungen oder auch bei der Sportstättenentwicklung. Niemand sollte behaupten, dass eine Olympiabewerbung all diese Probleme lösen kann. Das wäre nicht seriös. Ich bin jedoch überzeugt, dass unsere Bewerbung ein wichtiger Impulsgeber sein kann. Damit schaffen wir für die genannten Herausforderungen einen klaren zeitlichen Rahmen, bündeln politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kräfte und können Investitionen beschleunigen, die unsere Stadt dringend benötigt. Genau darin liegt für mich der eigentliche Wert einer Bewerbung.

Friedrichshain-Kreuzberg und die Skepsis

Auffällig ist, dass in elf der zwölf Berliner Bezirke eine Mehrheit die Bewerbung befürwortet, ein Bezirk aber weit abfällt: In Friedrichshain-Kreuzberg lehnen 65 Prozent der Befragten die Spiele ab. Wie erklären Sie sich das?
Zunächst mal freue ich mich darüber, dass in elf der zwölf Berliner Bezirke eine Mehrheit unsere Idee unterstützt. Friedrichshain-Kreuzberg ist ein Bezirk, in dem gesellschaftliche und stadtpolitische Fragen besonders intensiv diskutiert werden. Deshalb überrascht es mich nicht, dass dort auch die Auseinandersetzung mit einer Olympiabewerbung kritischer geführt wird. Für mich ist das jedoch kein Grund zur Sorge, sondern ein Auftrag zum Dialog. Gerade dort, wo die Skepsis größer ist, müssen wir noch genauer erklären, worum es bei unserer Bewerbung geht. Die Akzeptanz der Menschen entsteht nicht durch Werbekampagnen, sondern durch Transparenz, Beteiligung und eine nachvollziehbare Argumentation.

Parteipräferenzen und politische Unterstützung

Beim Blick auf die Parteipräferenz zeigt sich, dass sowohl die Anhänger der Grünen als auch die der Linken die Bewerbung mehrheitlich befürworten. Warum lassen sich die Parteiführungen davon nicht beeindrucken?
Ja, das ist durchaus bemerkenswert. In der jüngsten Umfrage haben sich 65 Prozent der Menschen, die den Grünen nahestehen, für eine Berliner Olympiabewerbung ausgesprochen. Mein Eindruck ist, dass man sich in Teilen der Politik bereits sehr früh auf eine ablehnende Haltung festgelegt hat – sogar zu einem Zeitpunkt, als unser Bewerbungskonzept noch gar nicht vorlag. Insofern würde ich mir wünschen, dass die Diskussion stärker auf Grundlage der tatsächlichen Inhalte und Rahmenbedingungen geführt wird. Im Übrigen lohnt hier auch ein Blick zurück. Die vorherige rot-rot-grüne Landesregierung hatte das Ziel, Olympische Spiele nach Berlin zu holen, ausdrücklich in ihrem damaligen Koalitionsvertrag verankert. Für mich ist vor allem entscheidend, dass wir die Debatte nicht entlang von Parteigrenzen führen. Die Frage sollte vielmehr lauten: Welchen langfristigen Nutzen kann eine Bewerbung für Berlin und die Menschen in dieser Stadt schaffen?

Konkrete Verbesserungen durch Olympische Spiele

Welche konkreten, nachhaltigen Verbesserungen würden Olympische Spiele für das Leben der Berlinerinnen und Berliner denn bringen?
Erstens die notwendige Modernisierung bestehender Sport- und Veranstaltungsstätten, davon profitieren der Sport, die Kultur und die Veranstaltungsbranche enorm. Zweitens bekäme der Breitensport extra Mittel, die wir sonst nicht hätten, um den Sanierungsstau aufzulösen. Aber insbesondere wollen wir die Stadt inklusiver machen. Olympia und Paralympics gehören zusammen und werden gemeinsam geplant, das kommt dem Sozialleben in dieser Stadt enorm zugute. Von den Sportstätten bis hin zu den Bahnhöfen, Bushaltestellen und anderen öffentlichen Begegnungsorten. Auch da ist Paris ein gutes Beispiel.

Expo-Diskussion und ihr Einfluss

Hat die Expo-Diskussion der Olympiabewerbung geschadet?
Diese Frage muss ich mit einem klaren Ja beantworten. Aus meiner Sicht wurden Expo und Olympia – nicht zuletzt medial – viel zu lange als konkurrierende Projekte behandelt. Diese Gegenüberstellung war weder sachlich notwendig noch hilfreich. Die Debatte hat in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit erhebliche Aufmerksamkeit gebunden. Stattdessen hätten wir uns darauf konzentrieren sollen, über die konkreten Chancen der jeweiligen Vorhaben zu sprechen.

Nach anfänglichem Zögern hat der Regierende Bürgermeister jetzt angekündigt, gemeinsam mit Brandenburg bis zum Oktober ein Expo-Bewerbungskonzept für die Metropolregion erarbeiten. Wie verträgt sich das mit Ihrem Wunsch, sich voll auf die Olympiabewerbung zu konzentrieren?
Für mich besteht darin kein Widerspruch. Problematisch war der Eindruck, beide Projekte müssten unter großem Zeitdruck gegeneinander in Stellung gebracht werden. Strampeln sich gemeinsam für Sommerspiele in Berlin ab: der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und sein Olympia-Beauftragter Kaweh Niroomand, hier beim Tag der offenen Tür im Roten Rathaus am Sonnabend. © dpa/Christophe Gateau Deshalb halte ich den Vorschlag von Kai Wegner und Dietmar Woidke für sehr vernünftig. Wenn die Expo einen nachhaltigen Mehrwert für die Metropolregion schaffen soll, dann braucht es dafür ein tragfähiges gemeinsames Konzept von Berlin und Brandenburg. Zudem nimmt dieser Ansatz den zuletzt unnötig aufgebauten Zeitdruck aus der Debatte. Das ermöglicht es, die Expo-Frage mit der notwendigen Sorgfalt zu prüfen und parallel die Olympiabewerbung konsequent weiterzuverfolgen.

Zukunftsprojekte und Zusammenhalt

Wie stellen Sie sich das vor?
Ich würde vorschlagen, die Themen nun sauber voneinander zu trennen. Mit einer gemeinsamen Arbeitsgruppe von Berlin und Brandenburg gibt es künftig das richtige Format, um die Anforderungen, Voraussetzungen und möglichen Effekte einer Expo für die Metropolregion mit der dafür erforderlichen Gründlichkeit zu prüfen. Berlin gewinnt nicht dadurch, dass Zukunftsprojekte gegeneinander ausgespielt werden. Kaweh Niroomand zur Diskussion um Olympia und Expo Gleichzeitig steht mit der Entscheidung des DOSB im September ein wichtiger Meilenstein für die Olympiabewerbung bevor. Vor diesem Hintergrund wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, wenn Politik, Wirtschaft, Sport und Stadtgesellschaft ihre Kräfte bis dahin auf dieses Ziel fokussieren. Berlin gewinnt nicht dadurch, dass Zukunftsprojekte gegeneinander ausgespielt werden.

Müssen Sie im Senat noch jemanden von der Olympiabewerbung überzeugen?
Der Senat hat die Olympiabewerbung ohne Gegenstimme beschlossen. Das ist für mich eine tragfähige Ausgangsbasis. Zugleich geht es aus meiner Sicht inzwischen weniger um die Frage der Zustimmung als um die des gemeinsamen Engagements. Olympische und Paralympische Spiele sind kein reines Sportprojekt, sondern berühren nahezu alle Bereiche des Senats – von Stadtentwicklung und Verkehr über Wirtschaft, Wissenschaft und Tourismus bis hin zu Inneres, Sicherheit, Bildung und Umwelt. Deshalb ist es wichtig, dass sich alle Ressorts mit ihren jeweiligen Kompetenzen und Perspektiven bei diesem großen Vorhaben einbringen.

Verlässlichkeit und politischer Wille

Wen oder was brauchen Sie noch, um eine Stimmung zu erzeugen, die den DOSB nicht an Berlin zweifeln lässt?
Die Entscheidungsträger des DOSB spiegeln uns immer wieder, dass unser Ansatz äußerst positiv wahrgenommen wird. Das betrifft insbesondere die konsequente Nutzung bestehender Infrastruktur, den nachhaltigen Charakter, die enge Einbindung unserer Partnerländer sowie den klaren Fokus auf einen langfristigen Mehrwert für Sport und Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund sehe ich unsere entscheidende Aufgabe jetzt weniger darin, kurzfristig Stimmung zu erzeugen, sondern vielmehr darin, Verlässlichkeit und Zusammenhalt zu demonstrieren. Deshalb ist die konsequente, geschlossene Unterstützung aus Politik, Wirtschaft, Sport und Zivilgesellschaft von besonderer Bedeutung. Der DOSB wird am Ende nicht nur die Qualität der Unterlagen bewerten, sondern auch die Frage, ob hinter der Bewerbung ein belastbarer politischer Wille zur Umsetzung steht. Daran sollten wir in den verbleibenden Monaten gemeinsam arbeiten.