In Indien weiten sich die Proteste der Kakerlaken-Partei (Cockroach Janata Party, CJP) gegen die Regierung von Premierminister Narendra Modi aus. Vordergründig geht es um einen Skandal im Bildungssystem, doch dahinter steht der tiefe Frust über geringe Aufstiegschancen der jungen Generation.
Modis nächtliche Videobotschaft
Während sich in Neu-Delhi Tausende versammeln, um gegen die Bildungspolitik und schlechte Jobchancen zu demonstrieren, wirkt Modi einsam. In der Nacht auf Freitag richtet sich der 75-jährige Politiker per Videobotschaft an die revoltierende Jugend. Statt einer aufwendig produzierten TV-Ansprache filmt er sich mit der Selfie-Kamera eines Smartphones – leicht von unten, die Nase erscheint größer, die Augen müder. Die Berater für die perfekte Inszenierung fehlen. In der zwei Minuten und 56 Sekunden langen Aufnahme versucht Modi, die Wut einzufangen: „Nichts ist wichtiger als das Wohlergehen und die Zukunft unserer Jugend. Diejenigen, die versuchen, die Zukunft unserer Jugend zu schädigen, werden nicht verschont bleiben.“
Landesweite Proteste am Freitag
Doch bereits am Morgen ist klar, dass Modis Selfie-Statement wenig ändert. Die Regierungsgegner rufen zu landesweiten Protesten auf. „Nichts anderes als der Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan ist für uns akzeptabel“, sagt Abhijeet Dipke, Gründer der CJP. „Unser Protest wird nicht abgesagt.“ Die CJP, ursprünglich als Satire gegründet, spielt mit ihrem Namen auf eine abfällige Äußerung eines Verfassungsrichters an, der arbeitslose Jugendliche als Kakerlaken bezeichnet hatte. Dipke will die „Stimme der ausgebrannten Jugend“ sein und trifft einen Nerv: Allein auf Instagram erreicht die Partei innerhalb weniger Tage über 20 Millionen Follower.
Zusammenstöße mit der Polizei
Die CJP ist zu einer der größten innenpolitischen Herausforderungen für Modi seit seinem Amtsantritt vor zwölf Jahren geworden. Am Montag organisierte sie trotz Verbots einen Protestmarsch Richtung Parlament. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, die Tränengas und Schlagstöcke einsetzte. Vordergründig geht es um eine gescheiterte Zulassungsprüfung für Medizinstudiengänge. Mehr als zwei Millionen junge Menschen hatten teilgenommen, doch die Ergebnisse wurden wegen geleakter Prüfungsfragen für ungültig erklärt. Die Wiederholungsprüfung löste Empörung aus.
Modi verspricht hartes Durchgreifen
Modi verspricht, gegen korrupte Behördenmitarbeiter vorzugehen. Das Durchsickern der Fragen sei „keine Kleinigkeit“ und „äußerst schmerzhaft“. Er fügt hinzu, dass die Täter bereits gefasst seien und seine Regierung „Schnellgerichte und strenge Strafen“ durchsetzen werde. Doch die tieferliegenden Probleme bleiben unberührt. Parikshit Ghosh, Ökonomieprofessor an der Delhi School of Economics, kommentiert: „Die geleakten Prüfungsunterlagen sind nur ein Symptom. Die CJP-Bewegung protestiert gegen Korruption innerhalb dieses Systems. Das grundlegende Problem ist das System selbst.“
Jugendarbeitslosigkeit auf Rekordniveau
Besonders gut ausgebildete junge Inderinnen und Inder bekommen zu spüren, dass Wirtschaftswachstum nicht automatisch mit sozialem Aufstieg einhergeht. Laut dem „State of Working India 2026“-Report der Azim-Premji-Universität in Bangalore waren zuletzt elf Millionen der 63 Millionen Hochschulabsolventen zwischen 20 und 29 Jahren arbeitslos – fast jeder Fünfte. 2011, vor Modis Amtsantritt, war nur jeder achte Absolvent ohne Job.
Politische Gefahr für Modi
Der wachsende Frust könnte Modi und seiner BJP politisch gefährlich werden. „Die Kakerlaken-Bewegung findet Unterstützung bei Wählern der städtischen Mittelschicht, einer der größten Wählergruppen der BJP, und könnte einen politischen Umschwung einläuten“, heißt es in einer Analyse des GIGA Institute for Asian Studies. „Für die Oppositionsparteien bietet sich die Chance, eine geeinte Front zu bilden.“ Die nächsten landesweiten Parlamentswahlen stehen erst 2029 an, doch bereits 2027 sind Regionalwahlen geplant, unter anderem in Uttar Pradesh. Verhandlungen zwischen Aktivisten und Regierung brachten am Freitag keinen Durchbruch – lediglich die Einigung auf neue Gespräche am Samstag.



