Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat im Parlament den Antrag eingereicht, den bisherigen Chef des staatlichen Energiekonzerns Naftogaz, Serhij Korezkyj, zum neuen Ministerpräsidenten zu ernennen. Das teilte Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk bei Facebook mit. Die Oberste Rada werde den Vorschlag „in Kürze entsprechend dem festgelegten Verfahren prüfen“, schrieb er. Einen Termin für die Abstimmung nannte Stefantschuk nicht. In Kyjiw wird jedoch damit gerechnet, dass das Parlament bereits am Donnerstag entscheidet.
Korezkyj als Experte für Energieversorgung
Korezkyj leitete bislang Naftogaz, einen Schlüsselkonzern für die Energieversorgung des Landes. Selenskyj hatte ihn zuletzt öffentlich als besonders geeignet bezeichnet – auch mit Blick auf die Vorbereitungen für den kommenden Winter. In der kalten Jahreszeit drohen erneut Engpässe, weil Russland wiederholt die ukrainische Energieinfrastruktur angegriffen hat.
Rücktritt der bisherigen Regierungschefin
Der Personalvorschlag folgt auf eine Zäsur im Parlament: Am Dienstag stimmte die Oberste Rada dem Rücktritt von Regierungschefin Julija Swyrydenko zu. Damit galt nach ukrainischem Verfahren automatisch das gesamte Ministerkabinett als entlassen. Auch im Verteidigungsministerium zeichnet sich ein Wechsel ab. Der bisherige Ressortchef Mychajlo Fedorow deutete am Mittwoch in einem Telegram-Beitrag an, dass Selenskyj ihn nach nur rund sechs Monaten nicht erneut nominieren werde. Als möglicher Nachfolger wird in ukrainischen Medien der derzeitige Innenminister Ihor Klymenko gehandelt.
Hintergründe der Rochaden
Hintergrund für den erwarteten Wechsel in dem Ressort soll den Berichten nach ein Konflikt Fedorows mit Armeechef Olexander Syrskyj sein. Zudem habe der erst 35 Jahre alte Minister die Probleme mit der Zwangsmobilisierung von Wehrpflichtigen nicht lösen können. Letzter Auslöser der jüngsten Rochade sollen nach unbestätigten Berichten das Ausscheiden der ukrainischen Botschafterin in den USA, Olha Stefanischyna, aus dem diplomatischen Dienst sein. Anlass sollen wiederum Korruptionsermittlungen wegen eines Immobilienkaufs im ersten Kriegsjahr in ihrer Zeit als Ministerin für EU- und Natointegration sein. Stefanischyna hatte den Botschafterposten erst im August 2025 angetreten. An ihrer Stelle soll den Berichten zufolge Swyrydenko Botschafterin in Washington werden.
Bereits dritter Regierungswechsel seit Kriegsbeginn
Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 wäre es bereits der dritte Wechsel im Amt des Regierungschefs und der vierte Austausch im Verteidigungsministerium. Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren mit westlicher Hilfe gegen den Angriffskrieg.
Russland setzt Angriffe auf Kyjiw fort
Unterdessen setzt Russland seine Angriffe auf die Hauptstadt fort. In der Nacht feuerten russische Streitkräfte nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe in zwei Wellen mindestens acht ballistische Raketen auf Kyjiw und die Umgebung. Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete bei Telegram von Einschlägen in zwei Stadtteilen: In einem Lager im Westen der Stadt und in einem unbewohnten Haus im Osten seien Brände ausgebrochen. Bei neuen nächtlichen russischen Angriffen auf Kyjiw sind nach ukrainischen Angaben mindestens zwei Menschen getötet worden. Fünf weitere Menschen seien bei der jüngsten russischen Attacke auf die ukrainische Hauptstadt zudem verletzt worden, darunter ein Kind, teilten ukrainische Rettungsdienste am Donnerstag mit. Ballistische Raketen gelten wegen ihrer hohen Geschwindigkeit als besonders schwer abzufangen. Während die ukrainische Flugabwehr bei Drohnen und Marschflugkörpern häufig erfolgreich ist, bleibt sie bei ballistischen Systemen deutlich verwundbarer. Mehrere europäische Staaten hatten zuletzt angekündigt, gemeinsam mit der Ukraine ein neues Abwehrsystem gegen diese Bedrohung zu entwickeln.



