Ukraine-Krieg: Kyjiw warnt vor Oreschnik-Rakete, USA reduzieren Nato-Präsenz
Ukraine: Oreschnik-Warnung, USA kürzen Nato-Truppen

Die ukrainische Luftwaffe hat die Bevölkerung vor einem erneuten Einsatz der russischen ballistischen Mittelstreckenrakete Oreschnik gewarnt. Innerhalb von 24 Stunden gebe es eine hohe Wahrscheinlichkeit für den Start einer solchen Rakete vom Testgelände Kapustin Jar im russischen Gebiet Astrachan, teilte die Luftwaffe in sozialen Netzwerken mit. Luftalarme sollten ernst genommen werden, hieß es. Auch Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte vor neuen russischen Luftangriffen. „Anstelle von Frieden wählen sie Raketen“, sagte er in einer Videoansprache. Moskau habe keine anderen Karten.

Russland hat die experimentelle Rakete nach übereinstimmenden russischen und ukrainischen Berichten seit 2024 bereits dreimal gegen die Ukraine eingesetzt. Bei den demonstrativen Einsätzen auf Ziele in Dnipro, im westukrainischen Gebiet Lwiw und auf Bila Zerkwa bei Kiew habe die Rakete aber keine realen Gefechtsköpfe getragen. Mit einer geschätzten Reichweite bis zu 6000 Kilometern kann die atomwaffenfähige Oreschnik mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit selbst Ziele in Westeuropa innerhalb von Minuten erreichen. Kyjiw verfügt über kein Mittel zur Abwehr dieser Waffe.

USA wollen Jets und Kriegsschiffe für Nato-Einsätze reduzieren

Die USA planen einem Zeitungsbericht zufolge, die Zahl der Flugzeuge und Kriegsschiffe, die sie für Nato-Einsätze in Europa zur Verfügung stellen, um ein Drittel zu reduzieren. Dies berichtet die „New York Times“ unter Berufung auf zwei hochrangige europäische Insider. Die Nato und das US-Verteidigungsministerium reagieren zunächst nicht auf Anfragen zur Stellungnahme. Der US-Plan sieht dem Bericht zufolge vor, die Zahl der F-16- und F-15E-Kampfflugzeuge von rund 150 auf 100 zu reduzieren, die Zahl der Seeaufklärungsflugzeuge von 26 auf 15 zu senken und alle acht Luftbetankungsflugzeuge abzuziehen, die Europa bisher zur Verfügung standen. Damit würde die Fähigkeit der Nato für Angriffe auf weiter entfernte Ziele und Überwachungsaufgaben eingeschränkt.

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Ukrainischer Gouverneur ruft Zivilisten zur Flucht aus besetzten Gebieten auf

Die Ukraine verstärkt ihre Luftangriffe in den von Russland besetzten Teilen des Landes. Vor diesem Hintergrund hat der Militärgouverneur des südostukrainischen Gebietes Saporischschja seine Landsleute im russisch besetzten Teil der Region zur Flucht aufgerufen. Die Risiken für Zivilisten stiegen, sagte Iwan Fedorow in einer Ansprache auf Telegram. Dafür nannte er zwei Gründe: Die ukrainischen Streitkräfte griffen in den Regionen Saporischschja und Cherson gezielt die militärische Infrastruktur der Besatzer und Versorgungswege der russischen Armee an. Die russische Armee setze mehr Kräfte ein, um die eigenen Objekte zu schützen. „Ebendeswegen rufe ich alle dazu auf, die Entscheidung zur Ausreise nicht zu verschieben“, sagte der Gouverneur. Er veröffentlichte Kontakte von Hilfsorganisationen und staatlichen Stellen, die Ukrainern bei der Ausreise aus den besetzten Gebieten helfen können.

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742 ukrainische Religionsstätten durch Krieg beschädigt

In den ersten vier Jahren des russischen Krieges gegen die Ukraine sind mindestens 742 Kirchen und andere Religionsstätten zerstört oder beschädigt worden. Das geht aus einer neuen Statistik hervor, die von der ukrainischen NGO „Arbeitskreis für die wissenschaftliche Untersuchung von Religionen“ veröffentlicht wurde. Zwischen dem 2. Februar 2025 und dem 2. Februar 2026 fielen demnach 99 Sakralbauten dem Krieg zum Opfer. Das waren den Angaben zufolge etwas mehr als im dritten Kriegsjahr, als 93 Religionsstätten beschädigt oder zerstört worden seien. Laut der „Religion on Fire“ genannten Statistik wurden 70 der 742 registrierten Bauwerke ganz zerstört und 119 schwer beschädigt. 186 waren mittelschwer und 295 gering betroffen. Zu 72 Bauwerken lagen keine Informationen über das Ausmaß der Schäden vor. Ein Großteil von ihnen liege in der Nähe der Frontlinie oder in den von Russland besetzten Gebieten, hieß es. Erst nach Beendigung der Kampfhandlungen und der Besetzung sei dort eine genaue Dokumentation der Schäden möglich. Dem seit Februar 2022 andauernden Angriff der russischen Armee fielen den Angaben zufolge hauptsächlich Sakralbauten der ukrainisch-orthodoxen Kirche (UOK) zum Opfer. Diese Kirche sagte sich drei Monate nach dem russischen Überfall auf die Ukraine vom Moskauer Patriarchat los. 395 der mehr als 11.000 UOK-Sakralbauten wurden laut der Statistik beschädigt oder zerstört. Also gehören 53 Prozent der 742 beschädigten oder zerstörten Religionsstätten der UOK.

Weitere Entwicklungen im Überblick

Die Ukraine und Russland haben sich in der Nacht zum Freitag erneut gegenseitig mit Drohnenangriffen überzogen. Dabei gab es Behördenangaben zufolge Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Die Ukraine nahm auch wieder Industrieanlagen tief in Russland ins Visier. So wurden in der für Russlands ölverarbeitende Industrie wichtigen Region Tatarstan weit von der Ukraine entfernt drei Menschen verletzt, als eine Drohne ein Wohnhaus traf, wie die örtlichen Behörden mitteilten. In der dort gelegenen Stadt Nischnekamsk seien wegen der Drohnengefahr öffentliche Feiertagsveranstaltungen für Freitag abgesagt worden. Auch wurde demnach die Stadt Togliatti an der Wolga, Sitz des größten russischen Autobauers Awtowas, mit Drohnen attackiert. In der russischen Grenzregion Brjansk kamen den Angaben zufolge bei ukrainischen Drohnenangriffen zwei Menschen ums Leben, zehn weitere wurden verletzt.

Das russische Militär beschoss unter anderem Bahnhöfe, Signalanlagen und Umspannwerke in der Ukraine. Dabei wurde in der nördlichen Region Sumy den Angaben zufolge wurde ein Bahnmitarbeiter getötet und ein weiterer verletzt. In der südlichen Stadt Mykolajiw seien vier Menschen verletzt und 14 Gebäude beschädigt worden. Das ukrainische Militär teilte mit, Russland habe seit Donnerstagabend mit 117 Drohnen angegriffen, von denen die Luftabwehr 102 abgefangen habe. Russland schoss nach Angaben des Verteidigungsministeriums in der Nacht 231 ukrainische Drohnen ab. Die Ukraine hat zuletzt ihre weitreichenden Drohnenangriffe auf russische Ölanlagen intensiviert, was unter anderem auf der annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim zu Treibstoffengpässen führte. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte die Angaben beider Seiten zunächst nicht unabhängig überprüfen. Beide Länder weisen den Vorwurf zurück, gezielt Zivilisten ins Visier zu nehmen.

Die Ukraine will von ihren europäischen Partnern zusätzliche 20 Milliarden US-Dollar erhalten, um ihre Position auf dem Schlachtfeld gegenüber Russland zu stärken. Das berichtet Politico unter Berufung auf einen hochrangigen Vertreter des ukrainischen Verteidigungsministeriums. Dem Bericht zufolge soll die Forderung am 18. Juni bei der nächsten Sitzung der Ukraine-Kontaktgruppe vorgestellt werden. Auch bei Gesprächen mit Vertretern aus Norwegen, Schweden, Deutschland und Kanada sei das Thema bereits angesprochen worden. Nach Angaben des Politico-Gesprächspartners sollen die Partnerländer jeweils zwischen zwei und sechs Milliarden Dollar bereitstellen. Dabei könne es sich sowohl um Zuschüsse als auch um Kredite handeln. Die zusätzlichen Mittel sollen unter anderem in die Luftverteidigung, Drohnen, Munition, elektronische Kampfführung, weitreichende Waffensysteme sowie direkte Aufträge für ukrainische Rüstungsunternehmen fließen. „Alle sehen, dass Russland brennt. Und wir wollen, dass es noch stärker brennt. Dafür brauchen wir Finanzierung“, zitierte Politico den ukrainischen Regierungsvertreter.

Die Verhandlungen zwischen der Ukraine, den USA und Russland sind laut dem ehemaligen US-Sondergesandten Keith Kellogg faktisch ausgesetzt. Grund dafür sei die Eskalation im Konflikt mit dem Iran. Im Interview mit dem ukrainischen Sender „Suspilne“ erklärte Kellogg, dass Steve Witkoff und Jared Kushner derzeit nicht nur mit dem Ukraine-Dossier befasst seien, sondern auch an Verhandlungen im Nahen Osten arbeiteten. „Man kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Deshalb sind die Gespräche faktisch auf Eis gelegt. Das ist nicht unbedingt schlecht – im Gegenteil“, sagte Kellogg. Nach seiner Einschätzung gibt die Pause der Ukraine die Möglichkeit, ihre Position eigenständig zu stärken. „Die Ukraine muss ihre Arbeit selbst erledigen, während die USA auf den Iran fokussiert sind. Und die Ukraine macht ihre Sache gegen Russland gut“, erklärte er. Kellogg bezeichnete zudem Wolodymir Selenskyjs jüngsten Brief an Russlands Präsident Wladimir Putin als positiven Schritt für einen möglichen Dialog.

Die Ukraine will die besetzte Krim von den russischen Nachschubwegen abschneiden. Das sagte der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte Robert Browdi („Madjar“) in einem Interview mit Reuters. Laut ihm haben die verstärkten Angriffe auf die russische Logistik bereits spürbare Auswirkungen. Der Verkehr auf der wichtigen Versorgungsroute R-280 zwischen Rostow am Don und der Krim sei innerhalb eines Monats um 71 Prozent zurückgegangen. Browdi zufolge könnte die Strecke bereits innerhalb eines Monats vollständig unter ukrainische Feuerkontrolle geraten. Dadurch würden die Versorgungsmöglichkeiten der russischen Truppen weiter eingeschränkt. „Wir werden die Krim in naher Zukunft isolieren“, sagte der Kommandeur. Der Berater des ukrainischen Präsidentenamtes, Mychajlo Podoljak, erklärte gegenüber dem Sender 24 Kanal, die Ukraine greife ausschließlich militärische Logistik- und Infrastrukturziele an, über die die russische Armee auf der besetzten Halbinsel versorgt werde. Anders als Russland richte die Ukraine ihre Angriffe nicht gegen die Zivilbevölkerung, sondern gegen Infrastruktur, die für die Kriegsführung genutzt werde. In der von Russland besetzten Krim ist die Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln deutlich gestiegen. Nach Angaben von Denys Tschystikow, dem stellvertretenden Vertreter des ukrainischen Präsidenten in der Autonomen Republik Krim, werden in Geschäften bereits Engpässe bei Salz, Zucker, einigen Getreidesorten und Mehl verzeichnet. In einem Interview mit Espreso erklärte Tschystikow, dass Einzelhandelsketten bereits angewiesen worden seien, den Verkauf bestimmter Produkte pro Kunde zu begrenzen. Die Waren würden zwar weiterhin auf die Halbinsel geliefert, die Preise seien jedoch deutlich gestiegen. Als Gründe nannte Tschystikow erhöhte Logistikrisiken sowie höhere Treibstoffkosten. Nach seinen Angaben verlangen Lieferanten, die Waren über den sogenannten Landkorridor auf die besetzte Halbinsel bringen, inzwischen deutlich höhere Transportaufschläge. Dadurch seien viele Produkte auf der Krim inzwischen teurer als in Russland selbst.

Die Ukraine gehört „in der längeren Perspektive zur EU“, sagt Kanzler Friedrich Merz in einer Regierungserklärung im Bundestag. Die Ukraine habe bemerkenswerte Reformfortschritte geschafft, weshalb er eine assoziierte Mitgliedschaft vorgeschlagen habe. Das würde eine reguläre Teilnahme der Ukraine an den EU-Spitzentreffen ermöglichen. „Ein ukrainischer Kommissar, noch ohne Portfolio und Stimmrecht, wäre Kiews Gesicht in Brüssel“, sagt Merz. Er schlage zudem vor, dass ukrainische Abgeordnete ohne Stimmrecht an den Beratungen des Europäischen Parlaments teilnehmen könnten. Der Kanzler betont, dass eine Vollmitgliedschaft strikt von der Erfüllung der Aufnahmebedingungen abhänge. Auch werde man die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland so lange unterstützen, wie nötig. Das Ziel bleibe ein gerechter und dauerhafter Frieden, „der auch unsere Sicherheitsinteressen berücksichtigt“, sagte er. „Wir haben das gestern getan, wir tun das heute und wir tun das morgen, solange wie es notwendig ist.“