Streitgespräch am Käthe-Kollwitz-Gymnasium: Junge Menschen ringen mit Widersprüchen
Das reale Leben ist oft viel spannender, als der erste Anschein vermuten lässt. Dies zeigte ein Streitgespräch von Schülerinnen und Schülern des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums in Berlin mit Jan Stöß, Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, und Ulrich Klotzek, Kriegsdienstverweigerer und Friedensaktivist, über Wehrdienst und Wehrpflicht. Die Debatte verlief anders, als der Einladungstext vermuten ließ. „Niemand hat Bock auf Kaserne“, hieß es darin. Viele Schüler treibe die „Sorge vor Zwang und Schießbefehl“ um. Die Schüler eines Großstadt-Gymnasiums haben eine kritischere Distanz zum Wehrdienst als Jugendliche generell in Deutschland.
Doch tatsächlich entwickelte sich ein eindrucksvolles Gespräch über die Widersprüche, mit denen die junge Generation ringt: Ihre Freiheit ist ihnen viel wert. Sie wollen, dass sie geschützt und verteidigt wird. Nur: Wer tut es und unter welchen Bedingungen?
Nur 3,7 Prozent wollen freiwillig dienen
Im Dezember hat der Bundestag das Gesetz über den neuen Wehrdienst verabschiedet. Junge Männer ab Jahrgang 2008 erhalten nach ihrem 18. Geburtstag einen Fragebogen zur Wehrerfassung. Den müssen sie ausfüllen, junge Frauen nicht. Der Wehrdienst bleibt für beide Geschlechter zunächst freiwillig. Wenn sich jedoch nicht genug Freiwillige melden, damit die Bundeswehr ihre Aufwuchsziele erreicht, droht die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die 2011 ausgesetzt worden war.
Zur Vorbereitung hat die AG „Jugend debattiert“ des Gymnasiums eine Umfrage in der Jahrgangsstufe gemacht. Von 136 Befragten würden 3,7 Prozent freiwillig dienen, 22,8 Prozent nur dann, wenn es Pflicht wäre. 65,4 Prozent würden verweigern, 8,1 Prozent sind unsicher.
Maite, Schülerin am Käthe-Kollwitz-Gymnasium: „Ein paar Monate Wehrdienst sind kein allzu gravierender Eingriff in mein Leben.“
Wären diese Zahlen repräsentativ für ganz Deutschland, kann es allein mit Freiwilligen nicht gehen. Doch die „Null Bock“-These stimmt so nicht. Anderswo ist die Bereitschaft größer als an diesem Berliner Innenstadt-Gymnasium. Nach dem Rücklauf der ersten Fragebögen bundesweit kann sich ein Viertel der Erfassten vorstellen, bei der Bundeswehr zu dienen, berichtet Verteidigungsstaatssekretär Stöß. Wenn sich das verstetigt, kommt die Wehrpflicht nicht.
Auch dieser Widerspruch ist den Schülerinnen und Schülern bewusst. Nur 16,4 Prozent glauben, dass es mit Freiwilligen klappt. 40,3 Prozent meinen, dass es nur mit Wehrpflicht geht. Die Übrigen sagen, sie können es nicht einschätzen. 69 Prozent halten es für eher oder sehr wahrscheinlich, dass eine Zwangsrekrutierung kommt.
Auf dem Podium argumentiert Schülerin Maite für den Wehrdienst. Russland führe Krieg in der Ukraine, auf den Beistand der USA könne sich Deutschland immer weniger verlassen. Sie habe zwar auch „keinen Bock auf Kaserne“, aber „Lust auf eine Zukunft, in der ich frei leben kann“. In der Abwägung sind für sie „ein paar Monate Wehrdienst kein allzu gravierender Eingriff in mein Leben“. Sie wäre bereit, die Demokratie zu verteidigen.
Nuri, Schüler am Käthe-Kollwitz-Gymnasium: „Warum sollen wir für dieses Land kämpfen, das die Belange der Jugendlichen so vernachlässigt?“
Schüler Nuri sieht die Bedrohung durch Russland ebenfalls. Aber er ist „gegen den Zwang“, gegen Musterung und Wehrpflicht. Und fragt: „Warum sollen wir für dieses Land kämpfen, das die Belange der Jugendlichen so vernachlässigt?“ In der nicht klimatisierten Aula im Dachgeschoss ist es dank der Junisonne inzwischen ziemlich warm geworden. Friedensaktivist Ulrich Klotzek betont das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung.
Auch da hält die schulinterne Umfrage eine Überraschung bereit. Ein Zehntel betrachtet Wehrdienstverweigerung als „grundsätzlich unmoralisch“ oder „unverantwortlich“. 19,3 Prozent machen es davon abhängig, ob man in einer Diktatur lebe. Gut 71 Prozent meinen, Wehrdienstverweigerung sei „immer moralisch vertretbar“.
Wer ist überlegen: Russland oder die Nato?
Verteidigungsstaatssekretär Stöß betont: „Pazifismus funktioniert nur, wenn alle Pazifisten sind.“ Und widerspricht energisch, als Klotzek sagt, die Gefahr eines russischen Angriffs werde übertrieben und die Nato sei Russland haushoch überlegen. Nach anderthalb Stunden Streitgespräch bleibt der Eindruck: Die Schülerinnen und Schüler des Berliner Käthe-Kollwitz-Gymnasiums haben eine kritischere Distanz zu Wehrdienst und Wehrpflicht als junge Menschen generell in Deutschland. Laut Bevölkerungsstudie halten 42 Prozent der 16- bis 29-Jährigen die Wiedereinführung eines Wehrdienstes für junge Menschen für notwendig. 30 Prozent lehnen sie ab. Ein Viertel ist unentschlossen.
Könnte das mit den generellen Unterschieden in der politischen Einstellung zwischen Großstadt versus Kleinstadt und Dorf zu tun haben? Wäre das Meinungsbild an einer Real- oder Berufsschule in Kleinstädten wie Warburg oder Grafenwöhr, wo das Militär zum Alltag gehört, ein anderes? Darauf hat Timo Graf, Leiter der jährlichen Bevölkerungsbefragung zur Verteidigungspolitik, keine definitive Antwort. Nach den bisherigen Studien ist die Einstellung zu Bundeswehr und Wehrdienst nicht abhängig vom Bildungsgrad der Befragten. Ob es einen Stadt-Land-Unterschied gibt, wurde bisher nicht untersucht.
Schüleraustausch in Deutschland und mit Osteuropa
Auch dies klang im Streitgespräch mehrfach an: Die Schülerinnen und Schüler des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums wissen, dass Gleichaltrige anderswo in Deutschland und Europa anders über den Wehrdienst denken. Sie haben Mitschülerinnen wie Olena aus der Ukraine, die sich seit mehr als vier Jahren gegen den Angriff Russlands wehrt. Da eröffnen sich zwei Wege, wie sie ihre Meinungsbildung zum Wehrdienst durch den Austausch mit andersdenkenden Jugendlichen ausbauen können: durch den Kontakt zu Gleichaltrigen aus anderen Milieus in Deutschland. Und zu Jugendlichen aus Ländern, die näher an Russland liegen und wegen der Bedrohung die Wehrpflicht längst wieder eingeführt haben, wie in den Baltischen Staaten. Es gibt Jugendwerke und Programme, die das finanziell unterstützen.



