Werner Graf, der 45-jährige Fraktionsvorsitzende der Berliner Grünen, ist der Spitzenkandidat seiner Partei für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026. Er tritt im Duo mit Bettina Jarasch an und strebt das Amt des Regierenden Bürgermeisters an. Die Grünen hatten sich als erste Partei bereits mehr als ein Jahr vor der Wahl auf Graf festgelegt.
Werdegang und politische Positionen
Graf wurde 1980 in Neumarkt in der Oberpfalz geboren und zog 2002 erstmals nach Berlin. Nach Aufenthalten in Bremen, Tel Aviv und Istanbul lebt er seit 2010 dauerhaft in der Hauptstadt. Er betont, dass Berlin ihm als schwulem Mann ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht habe. Allerdings sieht er die Stadt an einem Scheidepunkt: „Die Mieten sind schon lange nicht mehr zu stemmen und die Übergriffe auf queere Menschen haben zugenommen“, sagte er im Juli 2025 der Berliner Morgenpost. „Ich will dafür sorgen, dass es wieder besser wird.“
Graf, der einen Bachelor in Politikmanagement der Hochschule Bremen hat, entstammt einem Arbeiterhaushalt und ist der erste Akademiker seiner Familie. Innerhalb der Grünen gehört er dem linken Flügel an, pflegt aber einen ausgleichenden Führungsstil. Er ist per Du mit Kai Wegner (CDU) und Vertretern von Fridays for Future. Seine politischen Schwerpunkte sind Verkehrs-, Klima- und Mietenpolitik, stets mit dem Credo: „Wir dürfen das Soziale nicht vergessen.“
Kritik am Auswahlverfahren
Die Nominierung Grafs stieß parteiintern auf Kritik, insbesondere aus dem realpolitischen Lager. Der Abgeordnete Andreas Otto (Realo) monierte im Juli 2025: „Es gibt in der Partei ein wenig Verwunderung darüber, dass es kein breites Auswahlverfahren gab, sondern der Inner Circle entschieden hat.“ Er hätte sich ein Verfahren gewünscht, bei dem sich Kandidaten in allen zwölf Bezirken vorstellen und dann die Mitglieder entscheiden. Zudem befürchtet Otto, dass Graf zu sehr „Kreuzberg verkörpert“ und das Wahlprogramm stark realpolitisch sein müsse, um Wähler nicht abzuschrecken.
Silke Gebel, ebenfalls dem Realo-Lager zugehörig und zeitweise als mögliche Spitzenkandidatin gehandelt, zeigte sich versöhnlich: „Mir ist wichtig, dass wir ein Team haben, das die Partei breit mobilisieren kann. Und das können Bettina Jarasch und Werner Graf.“
Wahlkampfstrategie und Fehler der Vergangenheit
Graf will im Wahlkampf auf Dialog mit der Stadtgesellschaft setzen. „Berlin ist eine Stadt von unten, in der die Dinge nicht immer wegen, sondern oft auch trotz der Politik funktionieren“, sagt er. Er distanziert sich von früheren Fehlern, etwa der Zuspitzung der Mobilitätswende auf die Friedrichstraße im Wahlkampf 2023 oder seiner Forderung, die Hälfte der Parkplätze abzuschaffen. „So kann man nicht Politik machen. Die Verkehrswende gelingt nur im Miteinander.“
Während Graf als offenes Ohr für Initiativen vor Ort fungieren soll, bringt Co-Spitzenkandidatin Jarasch als Realo-Vertreterin die Perspektive von Unternehmen und Verbänden ein. Gemeinsam wollen die Grünen ein breites Angebot schnüren und als Gegenentwurf zur schwarz-roten Koalition unter Kai Wegner auftreten, dem sie vorwerfen, mit Kürzungspolitik die soziale Infrastruktur zu zerstören.



