Deutschland drohen nach Berechnungen des Handelsblatt Research Institute Klimastrafen von bis zu 38 Milliarden Euro, weil das Land seine CO₂-Obergrenzen bis 2030 voraussichtlich um 255 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente überschreitet. Grundlage ist die aktuelle Projektion des Umweltbundesamts, wonach die Emissionen 2025 im Vergleich zum Vorjahr nur um 0,1 Prozent sanken.
Klimaziele deutlich verfehlt
Das nationale Ziel, die Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber 1990 um 65 Prozent zu senken, wird bei diesem Tempo verfehlt. Auch die EU-Verpflichtungen sind gefährdet. Die Gesamtemissionen beliefen sich 2025 auf 649 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente – nahezu unverändert zum Vorjahr. Schuld sind vor allem die Sektoren Energie, Gebäude und Verkehr.
Energieerzeugung bleibt kohlelastig
Obwohl der Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bei fast 60 Prozent liegt, verursachte die Energieerzeugung 2025 noch 167 Millionen Tonnen Treibhausgase. Kohle- und Erdgaskraftwerke decken 38 Prozent des Stromverbrauchs. Im Gesamtenergieverbrauch machen fossile Quellen immer noch 76 Prozent aus. „Die deutschen Gesamtemissionen aller Sektoren für das Jahr 2025 blieben jedoch im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert“, teilte das Umweltbundesamt mit.
Industrie: Rückgang durch Wirtschaftsflaute
In der Industrie sanken die Emissionen um fünf Prozent, vor allem aufgrund von Produktionsrückgängen in der Eisen- und Stahlbranche. „Es wird deutlich, dass die Fortschritte beim Klimaschutz in der Industrie in den vergangenen Jahren zu großen Teilen auf die schwache Wirtschaftsleistung zurückzuführen sind – nicht auf die Umstellung auf eine emissionsarme Produktion“, sagt Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts.
Gebäude und Verkehr als Sorgenkinder
Das Umweltbundesamt und das Öko-Institut projizieren für Gebäude eine Lücke von 110 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten und für Verkehr von 187 Millionen Tonnen bis 2030. „Gebäude und Verkehr bleiben die Sorgenkinder. Sie werden ihr Emissionsbudget bis 2030 deutlich überschreiten“, sagt Klimaexpertin Hannah Förster vom Öko-Institut. Zwar dominieren Elektroautos bei Neuzulassungen (78 Prozent im Juni), doch ihr Anteil am Gesamtbestand beträgt nur gut vier Prozent. Im Gebäudesektor erfolgt die Wärmeerzeugung noch zu 81 Prozent fossil.
Landwirtschaft und Abfallwirtschaft auf Kurs
„Landwirtschaft und Abfallwirtschaft sind dagegen auf einem guten Weg – bis 2030 unterschreiten sie ihr jeweiliges Emissionsbudget, stoßen also weniger CO₂ aus als geplant“, sagt Förster.
Expertenrat rügt Bundesregierung
Der unabhängige Expertenrat für Klimafragen kritisierte die Bundesregierung: „Der aus den Vorgaben des Bundes-Klimaschutzgesetzes resultierende Handlungsbedarf für die Bundesregierung hat sich aufgrund dieser höheren Zielverfehlungen gegenüber dem Vorjahr damit in der Tendenz noch erhöht“, schrieben die Experten in ihrem Bericht. Das vorgelegte Klimaschutzprogramm bewerten sie als ungenügend.
EEG-Novelle sorgt für Unsicherheit
Entscheidend bleibt der Ausbau der Erneuerbaren, doch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) muss bis Januar 2027 überarbeitet werden, da es gegen EU-Richtlinien verstößt. Der Bundesverband der deutschen Solarwirtschaft meldete zwar einen Zubau von neun Prozent bei Photovoltaik, doch die Branche fürchtet einen Einbruch. „Sollte sich das neue EEG-Gesetz weiter verzögern, drohten massive Schäden und ein Fadenriss bei der Energiewende“, sagte Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbarer Energien.



