Die nordrhein-westfälische Antisemitismusbeauftragte Sylvia Löhrmann hat angesichts eines neuen Höchststands antisemitischer Straftaten eindringlich davor gewarnt, Judenhass als gesellschaftliche Normalität zu akzeptieren. „Antisemitismus in Deutschland und auch in Nordrhein-Westfalen hat so etwas wie eine alltagsprägende Dimension erreicht“, erklärte Löhrmann bei der Vorstellung des aktuellen Antisemitismusberichts für das bevölkerungsreichste Bundesland.
Alltagsrealität für Jüdinnen und Juden
Löhrmann schilderte konkrete Beispiele: Jüdinnen und Juden erlebten, dass ihre Wohnungen oder Häuser beschmiert oder Fensterscheiben eingeschlagen würden. Menschen, die aus der Synagoge kämen und ein Taxi bestellten, würden manchmal nicht von Fahrern mitgenommen. Besonders schlimm sei es jedoch, wenn jüdische Kinder „systematisch lügen, um nicht angemacht zu werden“. Laut einem Lagebericht des Zentralrats der Juden in Deutschland sei die Solidarität und Anteilnahme mit der jüdischen Bevölkerung zurückgegangen, so Löhrmann. „Die Mehrheitsgesellschaft ist nicht mehr so solidarisch, wie sie das vielleicht früher einmal war. Das ist ein alarmierender Zustand. Wir dürfen das nicht als Normalität akzeptieren. Judenhass darf nicht zur Normalität werden.“
Höchststand bei antisemitischen Vorfällen
Die Zahl der antisemitischen Straftaten in NRW stieg laut Verfassungsschutzbericht 2025 um 13 Prozent auf 790. Zugleich dokumentierte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS NRW) für 2025 einen neuen Höchststand bei Vorfällen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze. Im Vergleich zu 2024 stieg die Zahl der gemeldeten Vorfälle um 17 Prozent auf 1.102 – statistisch betrachtet 21 pro Woche. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sei Judenhass zu einer „normalisierten Realität“ geworden, hatte RIAS unter Berufung auf Forschungsergebnisse berichtet.
Antisemitismus bereits an Grundschulen
Löhrmann lobte zahlreiche Projekte und Begegnungsformate mit jüdischem Leben und jüdischer Geschichte in größeren Städten und auch kleinen Gemeinden. Wichtig sei es, immer wieder neue Zielgruppen zu erschließen. Im Schulbereich sei die Zahl der Gedenkstättenfahrten etwa in ehemalige Konzentrationslager gestiegen. Es sei aber auch festzustellen, dass Antisemitismus und auch Gewalt schon an Grundschulen zunähmen. „Das sind Anfänge von aggressiver Ausgrenzung.“
Es sei natürlich völlig richtig, wenn Schulgruppen das Vernichtungslager Auschwitz besuchten, sagte Löhrmann. Es sei aber genauso gut, wenn Jugendliche auch in ihrem nahen Umfeld, ob in der Eifel, in Solingen oder Warendorf forschten, was dort passiert sei. „Weil dann klar wird, der Holocaust, der hat nicht da im Osten ganz weit weg in Auschwitz stattgefunden, sondern der hat hier stattgefunden. Und hier hat das angefangen.“
Alle Formen des Antisemitismus bekämpfen
Löhrmann betonte, dass rechtsextreme, linksextreme, islamistische, religiöse bis in die Mitte der Gesellschaft hineinwirkende antisemitische Einstellungen gleichermaßen bekämpft werden müssten. Antisemitismus nur bei den jeweils anderen zu verorten, trage nicht zur Lösung bei. „Damit versucht man, das von sich wegzuschieben.“ Kritik am Staat Israel sei das eine. Aber Israel das Existenzrecht abzusprechen und zu leugnen, dass Israel eine multikulturelle Gesellschaft sei, sei Teil des Problems. „Und dass in einigen linken Kreisen der Hamas-Terror und der Anschlag vom 7. Oktober als Teil einer Befreiung gesehen wird, das ist für mich absolut unvorstellbar.“



