Die geplante Abschaffung der "Rente mit 63" trifft Ostdeutsche besonders hart: Im Jahr 2024 nutzten 27,4 Prozent der Neurentner in Ostdeutschland die abschlagsfreie Frührente nach 45 Beitragsjahren, während es im Westen nur 23,5 Prozent waren. Das geht aus den aktuellsten Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) hervor. Grund dafür sind die besonderen Erwerbsbiografien, die viele Ostdeutsche aus DDR-Zeiten mitbringen.
Warum Ostdeutsche häufiger 45 Beitragsjahre erreichen
Die Rente ist die Bilanz des gesamten Arbeitslebens. Wer lange und regelmäßig eingezahlt hat, kann mit höheren Ansprüchen rechnen. In Ostdeutschland sind die Erwerbsbiografien noch immer stark von den Bedingungen der DDR geprägt. Zwei gegensätzliche Entwicklungen wirken sich dabei auf die Rente aus: Einerseits führten Massenarbeitslosigkeit und der Trend zu Teilzeit nach dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft dazu, dass Ost-Renten im Schnitt niedriger sind als im Westen. Andererseits sorgten der frühere Arbeitsbeginn in der DDR und die stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen dafür, dass viele Ostdeutsche fast lückenlose Vollzeit-Erwerbsbiografien aufweisen.
Dadurch erreichen Ostdeutsche deutlich häufiger die 45 Beitragsjahre, die für den vorzeitigen abschlagsfreien Renteneintritt nötig sind. Die drei ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten lehnen die Abschaffung der "Rente mit 63" deshalb ab. Sie argumentieren, dass eine solche Reform die Menschen mit ostdeutschen Erwerbsbiografien besonders hart treffen würde.
Zahlen und Fakten zur "Rente mit 63"
Im Jahr 2024 gingen bundesweit rund 1,1 Millionen Menschen in Rente. Davon konnten knapp 270.000 (24,2 Prozent) die abschlagsfreie Frührente nach 45 Beitragsjahren nutzen. Im Osten lag der Anteil mit 27,4 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, im Westen mit 23,5 Prozent darunter. Das zeigt die jährlich aktualisierten Zeitreihen der DRV.
Der Anteil der Ostdeutschen, die von der abschlagsfreien Frührente profitieren, geht allerdings seit Jahren zurück: 2019 waren es noch 34,4 Prozent, 2022 noch 29,8 Prozent. Diese Entwicklung spiegelt die allmähliche Angleichung der Erwerbsbiografien zwischen Ost und West wider.
Wer profitiert am meisten?
Wer nach 45 Beitragsjahren vorzeitig in Rente geht, erhält deutlich mehr Geld als der Durchschnitt: 1630 Euro monatlich betrug die Durchschnittsrente für Neurentner mit 45 Beitragsjahren im Jahr 2024, während die allgemeine Durchschnittsrente bei 1137 Euro lag. Diese Tendenz zeigt sich in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen.
Bundesweit profitieren Männer viel stärker von der "Rente mit 63" als Frauen, weil Männer häufiger lückenlose Erwerbsbiografien vorweisen können. Der Geschlechterunterschied ist sogar ausgeprägter als der Ost-West-Unterschied: Von den Männern, die 2024 in Rente gingen, nutzten 28,1 Prozent die abschlagsfreie Frührente, bei den Frauen waren es nur 20,8 Prozent. Am stärksten profitierten Männer in Ostdeutschland (30,3 Prozent), am wenigsten Frauen in Westdeutschland (19,8 Prozent).
Die gesetzliche Rente ist im Osten wichtiger
Die gesetzliche Rente spielt im Osten eine viel größere Rolle als im Westen, weshalb Ostdeutsche von der geplanten Reform stärker betroffen sind. Laut dem Alterssicherungsbericht der Bundesregierung von 2024 stammen im Osten 90 Prozent aller Alterssicherungsleistungen aus der gesetzlichen Rente, im Westen nur 64 Prozent. Im Osten beziehen 74 Prozent der Menschen ab 65 Jahren ihre eigene Alterssicherung ausschließlich aus der gesetzlichen Rentenversicherung, im Westen nur 47 Prozent. Dort sind Betriebsrenten, Beamtenversorgung und andere Systeme wichtiger.
Wer sind die Bezieher der "Rente mit 63"?
Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge profitieren vor allem Bezieher mittlerer Einkommen: 2021 konnten 36 Prozent im mittleren Einkommensfünftel vorzeitig abschlagsfrei in Rente gehen, aber nur fünf Prozent im untersten Einkommensfünftel. In der Debatte geht es oft um stark belastete Beschäftigte wie Krankenschwestern oder Bauarbeiter, die laut DIW oft gar nicht auf 45 Versicherungsjahre kommen. Profiteure seien eher Menschen wie Bankangestellte oder Führungskräfte im öffentlichen Dienst.
Von denjenigen, die abschlagsfrei in Rente gehen können, waren laut DIW weniger als ein Drittel während des Berufslebens im Durchschnitt sehr hoch belastet, etwa durch körperliche Anstrengung oder psychosoziale Belastungen wie Stress. Fast 40 Prozent waren dagegen leicht bis mäßig belastet.



