Die Debatte über eine Rückkehr zur Wehrpflicht nimmt Fahrt auf. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat in Berlin ein Modell vorgestellt, das alle jungen Männer zur Auskunft über ihre Bereitschaft zur Teilnahme verpflichtet. Frauen sollen freiwillig bleiben. Ziel ist es, die Bundeswehr bis 2031 auf 203.000 aktive Soldatinnen und Soldaten zu bringen. Derzeit zählt die Armee rund 181.000 Angehörige – zu wenig, um den NATO-Verpflichtungen Deutschlands gerecht zu werden.
Das neue Wehrdienstmodell im Detail
Das von Pistorius präsentierte Konzept orientiert sich am schwedischen Vorbild. Alle Männer eines Jahrgangs sollen künftig einen Fragebogen erhalten, in dem sie Angaben zu ihrer körperlichen Verfassung, ihren Fähigkeiten und ihrer Motivation machen. Auf dieser Grundlage wird eine Auswahl getroffen, wer zum Wehrdienst einberufen wird. Die Dienstzeit soll zwölf Monate betragen, eine Verlängerung auf bis zu 23 Monate ist möglich. Zudem können sich auch weiterhin Frauen verpflichten.
Der Minister betonte, dass es sich nicht um eine Rückkehr zur alten Wehrpflicht handle, sondern um eine „neue Art des Dienstes für unser Land“. Pistorius sagte: „Wir müssen wehrhaft werden, bevor es zu spät ist. Die Sicherheitslage in Europa hat sich grundlegend verändert.“ Laut Umfragen unterstützen rund 70 Prozent der Deutschen eine Wiedereinführung einer Wehrpflicht. Die Bundeswehr hat derzeit jedoch mit erheblichen Personallücken zu kämpfen: Allein im vergangenen Jahr schieden mehr als 16.000 Soldaten aus, während nur etwa 6.000 neue eingestellt werden konnten.
Reaktionen aus Politik und Gesellschaft
Die Reaktionen auf den Vorstoß fallen unterschiedlich aus. Während der Koalitionspartner SPD den Plan grundsätzlich begrüßt, üben FDP und Grüne Kritik. Sie bemängeln die Kosten und den bürokratischen Aufwand. Die Unionsfraktion fordert eine vollständige Wiedereinführung der Wehrpflicht für Männer und Frauen. „Ein reiner Fragebogen löst das Problem nicht“, sagte der CDU-Verteidigungspolitiker Johann Wadephul. Jugendorganisationen wie die Jusos und die Grüne Jugend zeigen sich dagegen skeptisch und verweisen auf das Recht auf Gewissensfreiheit.
Auch die jungen Menschen sprechen sich gespalten aus. Viele verbinden den Sicherheitsbegriff nicht nur mit militärischer Verteidigung, sondern auch mit Klimaschutz – ein Thema, das regelmäßig zu Schulstreiks wie den „Fridays for Future“ führt. Die neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen, etwa durch russische Aggression in der Ukraine, den Einsatz von Drohnen in modernen Kriegen und die Spannungen im Nahen Osten, verändern die Diskussion jedoch spürbar.
Hintergrund: NATO und die Bedrohung aus Russland
Die russische Invasion in die Ukraine im Februar 2022 gilt als Auslöser der Zeitenwende. Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte damals ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr an. Dennoch bleibt die Truppe weit hinter den Erwartungen zurück. Die NATO benötigt von Deutschland im Ernstfall 35.000 Soldaten für die schnelle Eingreiftruppe. Ohne eine ausreichende Personalreserve ist dieses Versprechen kaum zu halten. Pistorius verwies außerdem auf die Bedrohung durch Moskaus Raketenpotenzial und die Notwendigkeit eines erweiterten Luftverteidigungssystems.
Im Gespräch ist der Kauf des israelischen Raketenabwehrsystems Arrow-3. Dieses soll bereits ab 2025 in Deutschland stationiert werden und Schutz vor Angriffen aus großer Höhe bieten. Die Bundeswehr hat in dieser Woche bereits eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet. Kritiker warnen jedoch vor hohen Kosten und der Abhängigkeit von israelischer Technologie. Zugleich verschärfen die anhaltenden Konflikte im Iran und in anderen Regionen die Sicherheitslage weiter.
Sozialverträglichkeit und Zukunft der Wehrpflicht
Ein zentraler Streitpunkt ist die Frage der Sozialverträglichkeit. Der geplante Fragebogen greift tief in die Privatsphäre der Jugendlichen ein. Datenschützer haben bereits rechtliche Bedenken angemeldet. Das Bundesverfassungsgericht hatte die Musterung für Wehrpflichtige 2007 als verfassungswidrig eingestuft. Eine Neuregelung müsste daher sorgfältig abgewogen werden.
Die Bundesregierung plant, das Gesetz noch in diesem Jahr auf den Weg zu bringen, doch der Zeitplan ist ehrgeizig. Sollte das Vorhaben scheitern, steht Deutschland vor einem strategischen Problem: Ohne ausreichend Personal bleibt die Verteidigungsfähigkeit auf der Strecke – genau zu einer Zeit, in der die Welt unsicherer geworden ist.



