Klopp als Bundestrainer: DFB setzt auf Heilsbringer statt auf Reformen
Klopp als Bundestrainer: DFB setzt auf Heilsbringer

Jürgen Klopp ist der neue Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Die Entscheidung, den 59-Jährigen zu verpflichten, ist gleichermaßen nachvollziehbar wie richtig. Doch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) droht, erneut den Fehler zu machen, strukturelle Probleme mit einer Personalentscheidung lösen zu wollen. Das schreibt Charlotte Bruch in einem Kommentar.

Klopp als letzter Hoffnungsträger

Deutschland und seine Heilsbringer: Als Friedrich Merz im Mai vor einem Jahr zum Bundeskanzler gewählt wurde, sollte er ein reformunfähiges und in vielen Bereichen kriselndes Land wieder nach vorn bringen. Er war nicht die beliebteste, sondern nur die naheliegendste Wahl. Heute ist es Jürgen Klopp, der dem deutschen Fußball aus der Patsche helfen soll. Er ist tatsächlich die einzige Wahl – zumindest für den DFB. Anders als Merz ist Klopp immer noch einer der beliebtesten Deutschen. Das strukturelle Problem bleibt allerdings dasselbe: Der DFB denkt in Heilsbringern, nicht in Reformen.

Aus einer flapsigen Bemerkung in seiner Rolle als TV-Experte beim deutschen WM-Auftaktspiel gegen Curaçao – dass nicht er, sondern Julian Nagelsmann „noch“ die Aufstellung mache – wurde fast eine kleine Staatsaffäre. Rund einen Monat später ist daraus Realität geworden: Jürgen Klopp nimmt künftig die Aufstellungen des Nationalteams vor, er ist ab sofort neuer Bundestrainer.

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Lange erwartete Entscheidung

Dass es so weit kommen würde, war seit Jahren absehbar. Klopp schwebte als Schatten-Bundestrainer über dem Amt, schon als noch andere auf der Bank saßen. Die Entscheidung für den 59-Jährigen ist nachvollziehbar und richtig. Er wird mit seiner klaren Spielidee, dynamischem und aggressivem Fußball neuen Schwung ins Nationalteam bringen. Seine Anstellung ließ sich der DFB dabei wieder einiges kosten. Es ist mittlerweile eine unrühmliche Tradition, dass sich Präsident Bernd Neuendorf und Co. von Bundestrainern teuer trennen und vermeintlich große Nachfolger noch teurer einkaufen.

So groß war der neue Name allerdings noch nie. Weder Joachim Löw noch Hansi Flick, und schon gar nicht Julian Nagelsmann waren Weltstars, als sie das Amt übernahmen. Klopp ist bereits jetzt einer der erfolgreichsten deutschen Trainer der Geschichte. Er hat die kriselnden Dortmunder zur Weltklasse geformt, ebenso wie er dem FC Liverpool zurück zu Ruhm und Ehre verholfen hat. Wenn einer angeschlagene Spitzenteams wieder an sich selbst glauben lassen kann, dann ist es Jürgen Klopp.

Die Last des Amtes

Kaum ein Amt im deutschen Sport ist so überfrachtet wie das des Bundestrainers. Er soll Taktiker sein, Motivator, Krisenmanager und Projektionsfläche für ein ganzes Fußballland. Oftmals gilt der Zustand des deutschen Fußballs als zuverlässiger Indikator für die Gesamtstimmung der Nation, die sich durch ihn sogar beeinflussen lässt. Während eines Turniers gilt der Bundestrainer vielen als die wichtigste Person im Land – vielleicht sogar vor dem Bundeskanzler.

Nun ist Julian Nagelsmann, ähnlich wie Friedrich Merz, kommunikativ in so manches Fettnäpfchen getreten, überzeugt von der eigenen Unfehlbarkeit. Immerhin ist Merz noch im Amt, als Retter gilt er aber schon lange nicht mehr. Klopp ist in diesem Punkt das komplette Gegenteil. Er ist mit seiner Eloquenz und Rhetorik der geborene Kommunikator. Es gibt keinen Spieler, der im Nachhinein schlecht über Klopp gesprochen hätte.

Sympathieträger mit Makel

Der neue Bundestrainer ist ein Sympathieträger und Kumpeltyp. Er scheint in der Lage, ein ganzes Land zu emotionalisieren. Fußballfans können sich mit ihm identifizieren. Daran ändern weder der ihm anhaftende Red-Bull-Makel noch die zahlreichen Werbedeals der vergangenen Jahre etwas.

Angesichts dieser One-Man-Show besteht allerdings die Sorge, dass die eigentlichen Probleme des deutschen Fußballs in den Hintergrund rücken. Dabei sind sie viel größer als das Amt des Bundestrainers. Mit dem hochklassigen und mitreißenden Fußball, der auf vielen Plätzen dieser WM in Nordamerika gespielt wurde, konnte die deutsche Nationalmannschaft kaum mithalten. Aus sportlicher Sicht hinkt man viel weiter hinterher als das nach den beiden Turnieren 2018 und 2022 der Fall war.

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Reformen statt Heilsbringer

Es braucht nun radikale Reformen, weniger strukturelle Orientierungslosigkeit und eine deutlich klarere fußballerische Ausrichtung. Im Nachwuchs – ein zentraler Kritikpunkt der vergangenen Jahre – sind Veränderungen durch Hannes Wolf bereits angestoßen. Dass Klopp trotz des im Verband riesigen internen Gegenwindes die Ideen teilt, die Wolf vor etwa drei Jahren implementiert hat, ist ein gutes Zeichen. Ebenso wie seine Aussage, dass man „jetzt Dinge grundlegend verändern“ müsse.

Es macht Hoffnung, dass er den Posten des Bundestrainers als einen begreift, auf dem man nicht nur Spiele coacht und an der Seitenlinie für gute Stimmung sorgt, sondern wegweisende Maßnahmen einleitet, die darüber hinausgehen.

Der DFB hat also seinen Wunschtrainer – heiß ersehnt, teuer erkauft. Die Frage ist, ob er Klopp nun die nötigen Befugnisse einräumt. Und statt in Heilsbringern zu denken, endlich anfängt, Probleme strukturell zu lösen. Denn weder Regierungen noch Fußballverbände lassen sich dauerhaft allein durch Charisma und flotte Sprüche führen.