Claudia Pechstein ist keine Übergangslösung mehr. Die 54 Jahre alte Eisschnellläuferin steigt offiziell zur Bundestrainerin Allround der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) auf. Wie der Verband mitteilte, übernimmt die fünfmalige Olympiasiegerin den bislang kommissarisch besetzten Posten mit Wirkung vom 1. August.
Die DESG begründete die Personalentscheidung mit Pechsteins außergewöhnlich langjähriger Erfahrung im Eisschnelllauf sowie ihrer beim Deutschen Olympischen Sportbund erworbenen Trainerqualifikation. Pechstein, die nach einer jahrzehntelangen aktiven Laufbahn bereits als Interimstrainerin tätig gewesen war, erhält nun offiziell die sportliche Verantwortung für die Allrounderinnen und Allrounder. Damit endet ein Schwebezustand, der seit dem Abgang der bisherigen Trainer geherrscht hatte.
Neue Trainer aus Kanada und Polen
Möglich wurde Pechsteins Aufstieg durch eine umfassende personelle Neuaufstellung im Verband. Den Posten des Bundesstützpunkttrainers in Inzell übernimmt ab August der Kanadier Mike Hall, der zuvor bereits eng mit Pechstein zusammengearbeitet hatte. Zudem verpflichtete die DESG den Polen Paweł Abratkiewicz als neuen Bundestrainer Sprint. Die Vertragslaufzeiten der beiden Neuverpflichtungen sowie Pechsteins selbst ließ der Verband offen.
Die neuen Funktionen im Überblick:
- Bundestrainerin Allround: Claudia Pechstein
- Bundesstützpunkttrainer Inzell: Mike Hall
- Bundestrainer Sprint: Paweł Abratkiewicz
Die Veränderungen sind eine direkte Reaktion auf die enttäuschenden Olympischen Winterspiele in Mailand. Die bisherigen Bundestrainer Aart van der Wulp aus den Niederlanden und Alexis Contin aus Frankreich waren nach dem Großereignis in ihre Heimatrebände zurückgekehrt. Die DESG hatte daraufhin beide Positionen öffentlich ausgeschrieben.
„Wir wollen zurück an die Weltspitze“
DESG-Präsident Matthias Große, der zugleich Pechsteins Lebensgefährte ist, begründete die Personalien mit klaren sportlichen Zielen. „Wir wollen zurück an die Weltspitze, und wir schaffen dafür jetzt nicht nur die strukturellen, sondern auch die personellen Voraussetzungen“, sagte Große. Mit der Berufung Pechsteins setze der Verband auf Kontinuität und Expertise, so der Präsident weiter.
Die enge private Verbindung zwischen der neuen Bundestrainerin und dem Verbandspräsidenten war in der Vergangenheit immer wieder Thema. Kritiker bemängelten fehlende Distanz, während der Verband auf die fachlichen Qualitäten Pechsteins verweist. Neben ihren fünf olympischen Goldmedaillen hat sie auch als Trainerin beim DOSB ihre Eignung unter Beweis gestellt.
Turbulenzen rund um die DESG
Die Personalentscheidungen fallen in eine unruhige Zeit für den deutschen Eisschnelllauf. Seit den Olympischen Spielen belastet eine geplante Strukturreform das Verbandsklima. Zudem sorgte ein Bericht der ARD-Sportschau zu Beginn der Winterspiele für Aufsehen. Darin wurden angebliche Unregelmäßigkeiten bei der DESG sowie ein belastetes Verhältnis zwischen einigen Athleten und der Verbandsspitze thematisiert.
Im Anschluss an die Spiele eskalierte die Auseinandersetzung weiter. Bei einem Medientermin verhängte die Verbandsführung ein Hausverbot gegen zwei ARD-Journalisten. Dieser Schritt löste im deutschen Sport breite Kritik aus, da er als Angriff auf die Pressefreiheit gewertet wurde. Die DESG-Spitze wies die Vorwürfe stets zurück und sprach von einer notwendigen Schutzmaßnahme.
Eine Karriere mit Höhen und Tiefen
Claudia Pechstein blickt auf eine der längsten und erfolgreichsten Karrieren im Eisschnelllauf zurück. Neben ihren fünf Olympiasiegen gewann sie zahlreiche Welt- und Europameistertitel. Doch ihre Laufbahn war auch von Kontroversen begleitet, insbesondere im Zusammenhang mit einer Dopingsperre im Jahr 2009, die sie über Jahre hinweg juristisch bekämpfte. Diese Erfahrungen dürften ihr in der neuen Rolle zugutekommen, wenn es darum geht, junge Athleten auf schwierige Phasen vorzubereiten.
Die Erwartungen an die neue Bundestrainerin sind hoch. Mit dem Bundestützpunkt Inzell, der traditionell als Herz des deutschen Eisschnelllaufs gilt, und einem erneuerten Trainerteam will die DESG den Anschluss an die internationale Spitze schaffen. Ob die Maßnahmen greifen, wird sich bei den kommenden Weltcups und Meisterschaften zeigen. Doch schon jetzt ist klar: Claudia Pechstein steht für einen Neuanfang mit einer starken Persönlichkeit an der Spitze.



