Mit angepassten Zielen kehrt Florian Wellbrock an diesem Dienstag an den Ort seiner größten sportlichen Enttäuschung zurück. Der 28-jährige Magdeburger startet bei den Europameisterschaften im Freiwasserschwimmen in der Seine und strebt über zehn Kilometer zunächst eine Platzierung unter den ersten zehn an. Trotz seines Status als vierfacher Weltmeister gilt er nicht als Topfavorit – die Vorbereitung verlief alles andere als optimal.
Infekte bremsten Wellbrock in der Vorbereitung
„Ich war wegen Infekten leider dreimal für jeweils eine Woche raus aus dem Wasser und musste pausieren“, sagte der Athlet der Deutschen Presse-Agentur. In einer Sportart, die auf Ausdauer und exakt abgestimmtes Training angewiesen ist, sind solche Ausfälle besonders gravierend. In seiner Magdeburger Trainingsgruppe um Olympiasieger Lukas Märtens, Freiwasser-Silbergewinner Oliver Klemet und 800-Meter-Europarekordler Johannes Liebmann schwamm Wellbrock teilweise nur hinterher: „Das war schon ungewohnt für mich.“
Die Ausfälle sind auch deshalb bitter, weil Wellbrock im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft in Singapur ein grandioses Comeback gefeiert hatte. Viermal Gold im Meer – das machte ihn zum designierten Favoriten für die EM. Doch durch den Trainingsrückstand ist nun vieles offen. „Ich möchte auf jeden Fall in die Top Ten schwimmen“, gibt Wellbrock als Ziel für das erste Rennen über zehn Kilometer aus (Dienstag, 10.00 Uhr, ZDF-Livestream). „Bei den Rennen danach müssen wir gucken, wie gut ich durchkomme und wie der Körper das wegsteckt.“
Lea Boy sagt Paris-Reise ab
Während Wellbrock trotz aller Widrigkeiten Vorfreude verspürt, geht es seiner Teamkollegin Lea Boy deutlich schlechter. Die 26-Jährige, die im Freiwasser-Weltcup dieses Jahr bereits auf dem Podest stand und als Medaillenkandidatin galt, hat ihre Paris-Reise komplett abgesagt. Grund ist ein Magen-Darm-Infekt, den sie sich vor gut einem Monat beim Weltcup im portugiesischen Setúbal eingefangen hatte. „Nach dem Weltcup in Portugal bin ich einfach zu lange ausgefallen, nun fehlt mir dadurch die Substanz für ein Topergebnis. Und für einen Platz außerhalb der Top Ten muss ich dort nicht hinfahren“, sagte sie gegenüber germanaquatics.de.
Die gesundheitlichen Probleme nach dem Rennen im Atlantik waren kein Einzelfall: Zahlreiche Athletinnen und Athleten klagten über Beschwerden, einige mussten sogar in die Notaufnahme. Als wahrscheinliche Ursache gilt die dortige Wasserqualität – ein Dauerbrenner im Freiwassersport. Auch bei den Olympischen Spielen in Paris vor zwei Jahren hatte die deutsche Schwimmerin Leonie Beck nach dem Rennen in der Seine unter Erbrechen gelitten.
Wellbrock kritisiert Messverfahren und setzt auf Impfungen
Vor seiner Rückkehr in den Fluss hat Wellbrock sich nach eigenen Angaben umfassend vorbereitet – inklusive medizinischem Schutz. „Wir haben vom Verband Impfungen empfohlen bekommen, die man vor der EM machen soll“, erklärte er. „Da ist zum Beispiel Hepatitis A dabei und andere Dinge, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Damit muss man sich leider beschäftigen vor den Freiwasserrennen.“
Problematisch sieht der 28-Jährige jedoch das Messverfahren, mit dem die Wasserqualität überprüft wird. „48 Stunden vor Rennstart werden Wasserwerte erhoben. Die gehen ins Labor und dann kriegt man die Freigabe oder nicht“, kritisierte er. „Beim Weltcup in Portugal habe ich zum Beispiel gehört, dass die Tanker, die dort ankern, da vor der Fahrt aufs Meer ihre Toilette entleeren. Wenn die Wasserwerte dann schon gemessen worden sind, bringt das natürlich nichts.“
In der Seine sind Tanker zwar kein Thema, und dennoch gibt es einen Grund zur Hoffnung. Eine Bekannte von Wellbrock sei in dem Abschnitt geschwommen, in dem nun die Rennen stattfinden, und auch Tage danach ging es ihr laut Wellbrock weiterhin gut. Das mache Mut, so der Schwimmer.
Blick nach Los Angeles
Anders als seine Teamkollegen Klemet, Liebmann und Isabel Gose wird Wellbrock bei der EM nicht im Becken an den Start gehen. Stattdessen fliegt er direkt nach seinen Freiwasser-Wettkämpfen weiter nach Los Angeles, wo er an einem Wettkampf teilnehmen will – als wichtigen Test für die Olympischen Spiele 2028 in der kalifornischen Stadt. „Das ist eine große Chance, die ich mir nicht entgehen lassen will“, sagte er.



