Die EU-Kommission hat vorläufige Ermittlungsergebnisse veröffentlicht, die zeigen, dass TikTok Kinder und Jugendliche durch zu niedrige Schutzstandards gefährdet. Die Brüsseler Behörde kritisiert unter anderem, dass Fremde die öffentlichen Benutzerkonten von Minderjährigen einsehen und diese mit missbräuchlichen Absichten kontaktieren könnten. Sollte sich das Ergebnis bestätigen und TikTok keine Änderungen vornehmen, droht der Plattform eine Geldstrafe.
Vorwürfe: Mangelnder Schutz vor Cybermobbing und Missbrauch
Mit mehr als 200 Millionen Nutzern in Europa ist TikTok eine der beliebtesten Plattformen, insbesondere bei jungen Menschen. Doch die Einstellungen des sozialen Netzwerks schützten Kinder und Jugendliche nicht ausreichend vor Cybermobbing, so die EU-Kommission. Veröffentlichte Inhalte könnten von Dritten missbraucht werden, da auch Personen ohne eigenes TikTok-Konto die öffentlichen Profile Minderjähriger sehen können. „Da das, was Minderjährige veröffentlichen, für immer online bleiben und sie bis ins Erwachsenenalter begleiten kann, birgt die Funktion zudem das Risiko potenziell lebenslanger Folgen“, argumentiert die Brüsseler Behörde.
TikTok verteidigt seine Sicherheitsfunktionen
Die Online-Plattform wies die Vorwürfe zurück und verwies auf bestehende Schutzmaßnahmen. „Jugendkonten auf TikTok verfügen bereits ab der Einrichtung des Kontos über mehr als 50 voreingestellte Datenschutz- und Sicherheitsfunktionen, die unter Einbeziehung von Expertinnen und Experten entwickelt wurden“, teilte eine Sprecherin mit. Man gehöre zudem zu den wenigen Plattformen, auf denen jüngere Teenager keine Direktnachrichten nutzen könnten.
Die EU-Kommission fordert jedoch, dass TikTok die Einstellungen anpasst: Inhalte von Kindern und Jugendlichen sollten standardmäßig nur für TikTok-Nutzer sichtbar sein, die die Minderjährigen akzeptiert haben. Zudem verlangt Brüssel, dass TikTok Inhalte von Jugendlichen nicht länger anderen Nutzern empfiehlt, wie es aktuell bei Posts von 16- und 17-Jährigen geschieht.
Hintergrund: Debatte über strengere Altersgrenzen
Die Vorwürfe gegen TikTok könnten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als zusätzliche Argumentationsstütze für mögliche Altersschranken bei Social Media dienen. Nach Empfehlungen von Experten hatte sie betont, dass es ein Mindestalter geben müsse, ab dem Kinder soziale Medien nutzen dürften. Mehrere Mitgliedsländer haben in den vergangenen Monaten nationale Vorschläge für ein Social-Media-Verbot vorgelegt. Die EU-Kommission steht zunehmend unter Druck, will das Thema jedoch EU-weit lösen und spätestens im Herbst eine Lösung präsentieren.
Bisher gibt es kein europaweites Mindestalter explizit für soziale Netzwerke, aber das EU-Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act, DSA) verpflichtet große Online-Plattformen bereits dazu, Kinder und Jugendliche effektiv zu schützen.
Weitere Verfahren der EU-Kommission zum Kinder- und Jugendschutz
Die EU-Kommission hat in den vergangenen vier Monaten mehrere Verfahren gegen Online-Plattformen vorangetrieben:
- Pornoseiten: Ende März wurden Pornhub, Stripchat, XNXX und XVideos vorgeworfen, zu leicht für Jugendliche zugänglich zu sein.
- Snapchat: Seit Ende März laufen Ermittlungen, weil Kinder und Jugendliche unangemessenen Kontaktversuchen durch Erwachsene (Cybergrooming) sowie Werbung für Alkohol und Drogen ausgesetzt sein könnten. Brüssel verlangt zudem die Durchsetzung des selbst festgelegten Mindestalters von 13 Jahren.
- Facebook und Instagram: Seit Ende April fordert die EU-Kommission eine bessere Durchsetzung des Mindestalters von 13 Jahren. Vor zwei Wochen kam der Vorwurf hinzu, beide Plattformen würden eine zu große Suchtgefahr für Kinder und Jugendliche bergen.
EU-Verfahren gegen TikTok auch wegen Suchtrisiken
Die EU-Kommission befürchtet auch bei TikTok, dass Minderjährige süchtig werden könnten. Konkret geht es um suchtfördernde Mechanismen wie stark personalisierte Empfehlungen und das ununterbrochene, automatische Abspielen von Videos. Bereits im Februar hatte die Behörde vorläufige Ermittlungsergebnisse präsentiert und Änderungen von TikTok verlangt.
TikTok hat in beiden Verfahren die Möglichkeit, sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen oder mit entsprechenden Änderungen die Bedenken der EU auszuräumen. Findet sich keine einvernehmliche Lösung, könnte es teuer werden: Die EU-Kommission würde dann formell einen Verstoß feststellen und eine Strafe von bis zu sechs Prozent des jährlichen Konzernumsatzes verhängen. Auch tägliche Strafen wären möglich, um TikTok zum Einlenken zu bewegen.



