Lange waren die antiken Schriften aus Herculaneum unlesbar – nun gelingt Forschern mit modernster Technologie der Durchbruch. Künstliche Intelligenz und Röntgentechnik entschlüsseln die verkohlten Papyrusrollen, die beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. konserviert wurden. „Seit fast zwei Jahrtausenden sind viele dieser Texte zwar physisch erhalten geblieben, aber intellektuell unzugänglich“, sagte Brent Seales, Wissenschaftler an der University of Kentucky.
Vulkanausbruch bewahrte die Schriften
Als der Vesuv ausbrach, begrub die Asche nicht nur Pompeji, sondern auch die Nachbarstadt Herculaneum samt einer Villa und ihrer Bibliothek unter Lava und Schlamm. Durch die Hitze verbrannten die Papyrusrollen, doch die vulkanische Masse konservierte sie über Jahrtausende. Heute ähneln die Rollen verbrannten Holzästen, die Blätter sind verklebt und erinnern an Jahresringe eines Baumes. Händisch trennbar sind die Seiten nicht.
Eine der untersuchten Rollen trägt die Bezeichnung „PHerc 1667“. Sie ist heute nur noch halb so groß wie eine typische Herculaneum-Papyrusrolle: acht Zentimeter lang, zwei Zentimeter im Durchmesser. Die Schriftrolle stammt aus dem späten dritten oder zweiten Jahrhundert v. Chr.
Frühere Entrollungsversuche scheiterten
In den 1980er Jahren versuchten Wissenschaftler, die Schriftrolle zu entrollen, beschädigten dabei jedoch die verkohlte Schrift. Die Lesbarkeit des rund 2000 Jahre alten Textes bewerteten sie damals mit Null. Heute setzt das Team um Brent Seales auf eine Kombination aus Röntgen-Computertomographie und künstlicher Intelligenz. Ein roter Laser scannt die verbrannten Papyrusrollen, um die Tinte sichtbar zu machen.
Die neue Methode ermöglicht es, die Schrift digital zu entziffern, ohne die fragilen Rollen physisch zu berühren. Die Forscher hoffen, auf diese Weise nicht nur einzelne Wörter, sondern ganze Texte aus der Antike lesbar zu machen. „Die Stimmen der Autoren schwiegen seit 2000 Jahren – nun beginnen sie zu sprechen“, so Seales.
Bedeutung für die Altertumswissenschaft
Die Entzifferung der Herculaneum-Rollen könnte das Verständnis der antiken Philosophie, Literatur und Geschichte revolutionieren. Die Bibliothek der Villa gehörte vermutlich dem Schwiegervater von Julius Cäsar, Lucius Calpurnius Piso Caesoninus. Viele der Werke stammen aus der epikureischen Schule und sind anderswo nicht überliefert.
Die Technologie von Seales und seinem Team wird bereits auf weitere Rollen angewandt. Ziel ist es, die gesamte Bibliothek von Herculaneum digital zu rekonstruieren. Die Ergebnisse versprechen neue Einblicke in das Denken der Antike.



