Comics erweisen sich zunehmend als Medium, um politische und gesellschaftliche Themen auf eine Weise zu vermitteln, die traditionelle Berichterstattung nicht leisten kann. „Comic kann da glänzen, wo Kameras nicht hinkommen“, betont Jonas Seufert, Journalist und Co-Autor des Buchs „Schattenleben – Menschen ohne Papiere erzählen“. Diese Aussage unterstreicht das Potenzial der sequenziellen Kunst, in Bereiche vorzudringen, die für Fotografen oder Filmemacher unzugänglich sind.
„Al Fazia – das Grauen“: Folter unter dem Assad-Regime
Ein herausragendes Beispiel ist „Al Fazia – das Grauen“ (Carlsen, 128 Seiten, 25 Euro), das der Zeichner Tobi Dahmen zusammen mit dem Syrer Akram Al Saud erarbeitet hat. Das Buch dokumentiert die unmenschlichen Bedingungen in den Foltergefängnissen des Assad-Regimes. Dahmen markierte die Abmessungen einer Vier-Quadratmeter-Zelle in seinem Wohnzimmer, um die Enge nachzuvollziehen, in der 16 Männer monatelang eingepfercht waren. Die Graphic Novel basiert auf persönlichen Gesprächen und verbindet die erschütternden Erlebnisse Al Sauds mit historischen Hintergründen. „Al Fazia“ ist Teil des Projekts „Survivor Centred Visual Narratives“, das Überlebende von Genoziden und Massengewalt in den Mittelpunkt stellt. Dahmen gelingt es, Gewalt darzustellen, ohne voyeuristisch zu wirken, und betont den unbändigen Lebenswillen des Protagonisten.
„Schattenleben“: Menschen ohne Papiere in Deutschland
Ein weiterer wichtiger Titel ist „Schattenleben – Menschen ohne Papiere erzählen“ (Reprodukt, 160 Seiten, 24 Euro) von Jonas Seufert und Lisa Frühbeis. Das Buch schildert die Lebensgeschichten von vier Menschen, die in Deutschland ohne gültige Aufenthaltspapiere leben. Durch die zeichnerische Umsetzung bleibt ihre Privatsphäre geschützt, während die Leser tiefe Einblicke in ihre Schicksale erhalten. Die Protagonisten – Brienne, Dau, Charlotte und Nasir – erzählen von Flucht, Ausbeutung und der ständigen Angst vor Abschiebung. Frühbeis ergänzt die Erzählungen um surrealistische Bildmetaphern, die die emotionalen Zustände visualisieren. Sachkapitel liefern Hintergrundinformationen zu rechtlichen Rahmenbedingungen.
„Der Traum ist aus, Charly P.“: Ein Blick in die linke Szene der 80er
Lisa Neun zeichnet in „Der Traum ist aus, Charly P.“ (Avant, 206 Seiten, 25 Euro) eine fiktive, aber auf realen Erfahrungen basierende Geschichte aus der linksradikalen Bewegung der frühen 80er Jahre. Die Graphic Novel kombiniert Familiendrama, Politthriller und Milieustudie. Hauptfiguren sind Charly und Elke, deren Leben durch die Widersprüche der Zeit geprägt sind. Neuns cartoonhafter Stil und ihre kritische Distanz unterscheiden das Werk von früheren Chroniken dieser Ära.
„Papa Dictator: Machtrausch“: Satire auf autoritäre Herrscher
Michael Beyer alias Mic setzt seine Reihe „Papa Dictator“ mit dem Band „Machtrausch“ (Jaja-Verlag, 148 Seiten, 20 Euro) fort. Die schwarzhumorige Politsatire zeigt einen knuffigen Tyrannen, der sein Land seit zehn Jahren regiert. Auf einer Reise durch sein Reich erkennt er die Diskrepanz zwischen seinem Selbstbild und der Realität. Die Figur erinnert an reale Autoritäre wie Putin oder Trump, bleibt aber auch menschlich und nachdenklich.
Science-Fiction mit politischer Botschaft: „Metropolia“ und „Endangered“
In der Science-Fiction-Reihe „Metropolia“ von Fred Duval und Ingo Römling (Band 2: „Die Außenbezirke“, Splitter, 56 Seiten, 18 Euro) wird das Schicksal von Flüchtlingen an den streng gesicherten Grenzen Berlins im Jahr 2099 thematisiert. Ines Korths „Endangered“ (Schwarzer Turm, 128 Seiten, 15 Euro) erzählt eine queere Science-Fiction-Geschichte über eine junge Frau, die auf einem Alien-Planeten von Abschiebung bedroht wird. Beide Werke wurden kürzlich von einer Jury deutschsprachiger Comic-Kritiker unter die zehn besten Neuerscheinungen des Quartals gewählt.



