Interview mit Thomas Richter: Altersvorsorgedepot und die Zukunft der privaten Vorsorge
Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbands BVI, äußert sich im Interview mit der Finance26 zur aktuellen Entwicklung der privaten Altersvorsorge in Deutschland. Er sieht im neuen Altersvorsorgedepot einen wichtigen Schritt, warnt jedoch vor staatlichen Standardprodukten, die den Wettbewerb verzerren könnten.
Sicherheitsdenken und Kapitalmarktzugang
Richter erklärt, dass das Sicherheitsbedürfnis der Deutschen nicht außergewöhnlich sei, aber oft zu Fehlentscheidungen führe. Er betont: „Entscheidend ist, den Unterschied zwischen echter Sicherheit und Scheinsicherheit sowie die Kosten dafür zu verstehen.“ Die Zahl der Wertpapierdepots sei auf 37 Millionen gestiegen, ein Plus von 14 Millionen seit 2020. Allein in den letzten beiden Jahren kamen 6 Millionen Depots hinzu. Dies zeige ein wachsendes Verständnis für langfristiges Sparen ohne Garantien.
Risiken und Chancen für Anleger
Angesichts geopolitischer Spannungen rät Richter ängstlichen Anlegern, auf die Vergangenheit zu blicken: „Marktphasen mit starken Schwankungen gab es immer wieder, zum Beispiel nach dem Platzen der Dotcom-Blase oder in der Corona-Krise. Anleger konnten jedoch selbst größere Kursverluste mit der Zeit wieder mehr als wett machen.“ Die Aktienmärkte seien trotz Unsicherheiten erstaunlich robust.
Kultureller Wandel bei jungen Anlegern
Richter bestätigt einen kulturellen Wandel, der bereits vor Jahren begann und durch die Corona-Krise verstärkt wurde. Viele Menschen hätten sich intensiver mit privater Altersvorsorge beschäftigt. Das neue Altersvorsorgedepot, das ab 1. Januar 2027 staatliche Förderung für Fondsinvestments bietet, werde diese Entwicklung weiter vorantreiben. Im Vergleich zur Riester-Rente nennt Richter zwei entscheidende Verbesserungen: den Wegfall der Garantiepflicht und das Ende des Zwangs zur lebenslangen Verrentung. „Genau diese Vorgaben haben sich bei der Riester-Rente als Konstruktionsfehler erwiesen. Sie verteuern die Produkte und schmälern die Rendite.“
Kritik am staatlichen Standardprodukt
Trotz der positiven Bewertung des Altersvorsorgedepots äußert Richter deutliche Kritik am geplanten staatlichen Standardprodukt. „Der Staat wird den Wettbewerb verzerren, weil er Vorteile hat, die private Anbieter nicht haben. Das sind zum einen erhebliche Kostenvorteile, wenn das staatliche Produkt von Beamten verwaltet wird, die vom Steuerzahler finanziert werden. Zum anderen wird der Staat einen Vertrauensvorschuss haben. Viele Bürger werden annehmen, dass er im Krisenfall ihre Verluste ausgleicht.“ Diesen Druck könne die Politik kaum ignorieren, da die Sparer auch Wähler seien. „Ein staatliches Angebot im privaten Markt ist daher ein Irrweg – und leider wieder einer der berühmten deutschen Sonderwege.“
Frühstart-Rente und Finanzbildung
Zur geplanten Frühstart-Rente, bei der der Staat für Kinder zwischen 6 und 18 Jahren monatlich 10 Euro einzahlt, zeigt Richter sich ambivalent. Er begrüßt den frühen Beginn der Altersvorsorge, bezweifelt aber den positiven Effekt auf die Finanzbildung: „Die geplante staatliche Auffanglösung für Kinder, deren Eltern kein Produkt auswählen, läuft diesem Ziel zuwider. Wer automatisch in ein staatliches Produkt gelenkt wird, setzt sich kaum mit dem Kapitalmarkt auseinander.“ Er fordert stattdessen eine systematische Verankerung der Finanzbildung in den Lehrplänen bundesweit. „Auch die OECD empfiehlt Deutschland eine nationale Finanzbildungsstrategie. Die Umsetzung ist allerdings schwierig, weil Bildung in Deutschland Ländersache ist.“
Rat für junge Anleger und Ausblick
Richter empfiehlt 20-Jährigen, so früh wie möglich mit einem regelmäßigen Aktienfondssparplan zu beginnen, auch mit kleinen Beträgen. Die lange Anlagedauer, der Zinseszinseffekt und die breite Streuung trügen maßgeblich zum Vermögensaufbau bei. Für eine stärkere Aktienkultur in zehn Jahren nennt er drei Voraussetzungen: die Öffnung des Altersvorsorgedepots für die betriebliche Altersvorsorge, die Einführung der teilweisen Kapitaldeckung in der gesetzlichen Rentenversicherung und einen Mentalitätswandel in Politik und Regulierung. „Die Finanzmarkt- und Wirtschaftsfeindlichkeit in vielen Köpfen behindern eine breitere Verankerung kapitalgedeckter Altersvorsorge in Deutschland. Sie glauben nicht, wie viele Politiker kapitalgedeckte Altersvorsorge als ‚Zocken mit der Rente‘ bezeichnen. Das ist schlimm.“



