In der spanischen Exklave Ceuta ist nach den Tagen des Massenansturms eine angespannte Ruhe eingekehrt. Nachdem in kurzer Zeit Zehntausende Migrantinnen und Migranten aus Marokko die Grenze überwunden hatten, normalisiert sich das Leben in der Stadt langsam wieder. Doch die politischen Nachwirkungen sind in der Europäischen Union deutlich zu spüren. Der Streit über den Schutz der Außengrenzen hat sich verschärft, und mehrere Regierungen verlangen von der EU-Kommission ein härteres Vorgehen.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) machte den Brüsseler Behörden in der „Bild am Sonntag“ klare Vorgaben. „Ich erwarte daher, dass die EU-Kommission dem Schutz der Außengrenzen absolute Priorität einräumt, um das Schengen-System offener EU-Binnengrenzen nicht weiter zu gefährden“, sagte Wadephul. Die Ereignisse an der nordafrikanischen Küste hätten die „Anfälligkeit Europas“ offengelegt und seien ein „absoluter Stresstest“ gewesen, „den wir bestanden haben“. Zugleich warb der CDU-Politiker für eine engere Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Transitländern. „Um illegale Migration zu kontrollieren, brauchen wir Partner außerhalb Europas, wie in diesem Fall Marokko“, sagte er. Spanien und Marokko hätten die Krise gemeinsam schnell gelöst, was er ausdrücklich begrüße.
EU-Innenminister beraten über Konsequenzen
Am Dienstag wollen die EU-Innenminister in einer Videokonferenz über die Krise beraten. Das Treffen geht auf ein Verlangen von 22 der 27 EU-Staats- und Regierungschefs zurück. In einem gemeinsamen Brief hatten sie vor unkontrollierten Grenzübertritten und der Instrumentalisierung von Migration gewarnt. Zu den Unterzeichnern gehören neben Bundeskanzler Friedrich Merz auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Ihre Regierung hatte das Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr gegenüber Spanien vorübergehend ausgesetzt – ein Schritt, der in Madrid auf Unverständnis stieß.
Der Druck auf Brüssel wächst damit von mehreren Seiten. Die Bundesregierung dringt ebenso wie andere Mitgliedstaaten darauf, dass der Schutz der EU-Außengrenzen nicht länger nur als nationale Aufgabe verstanden wird. Die Ereignisse von Ceuta hätten gezeigt, wie schnell die Grenzen eines Mitgliedstaats überfordert werden können, wenn Tausende Menschen innerhalb weniger Stunden versuchen, auf EU-Territorium zu gelangen.
Spanien kritisiert mangelnde Solidarität
Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez wehrte sich unterdessen gegen die Kritik aus mehreren EU-Staaten. In einem Brief an die EU-Spitze beklagte er, dass die Reaktion einiger Regierungen von „Vorurteilen, Falschmeldungen, Unwissenheit oder politischen Interessen“ getrieben sei. Sánchez wies darauf hin, dass Ceuta nicht zum Schengen-Raum gehört. Migrantinnen und Migranten, die sich dort aufhalten, könnten nicht ohne Weiteres in andere EU-Staaten weiterreisen. Die Exklave ist vollständig von Marokko und dem Mittelmeer umschlossen und nur über eine schmale Landgrenze mit dem afrikanischen Festland verbunden.
Der für Inneres und Migration zuständige EU-Kommissar Magnus Brunner versicherte Spanien derweil die Unterstützung der EU. „Wenn unsere Außengrenzen bedroht sind, muss die europäische Antwort entschlossen, schnell und geeint sein. Solidarität ist der Schlüssel“, schrieb Brunner auf der Plattform X. Auch der neue britische Premierminister Andy Burnham bot Spanien Hilfe an, obwohl das Vereinigte Königreich nicht Mitglied des Schengen-Raums ist. Laut der britischen Nachrichtenagentur PA sagte Burnham, er habe mit Sánchez gesprochen und werde „jede mögliche Hilfe leisten“.
Lage in Ceuta normalisiert sich
In Ceuta selbst ist die Lage nach Angaben der spanischen Regierung weitgehend zur Normalität zurückgekehrt. Fast alle der 50.000 bis 60.000 Menschen, die innerhalb kurzer Zeit von Marokko in die abgeschottete Exklave gelangt waren, haben die Stadt demnach wieder verlassen. Die Rückkehr erfolgte freiwillig, nachdem sich für die Migrantinnen und Migranten kaum Aussichten auf eine Weiterreise ergeben hatten. Nicht zuletzt mangelte es in der Stadt an Unterkünften und Versorgung. Ceuta hat weniger als 85.000 Einwohner und ist flächenmäßig kleiner als der Frankfurter Flughafen – ein Zustrom von mehr als der Hälfte der Bevölkerung innerhalb von Stunden war nicht zu bewältigen.
Bei dem Versuch, nach Ceuta zu gelangen, sind nach spanischen Angaben mindestens 67 Menschen ums Leben gekommen. Zwischen der Küste Marokkos und dem Ceuta-Strand Tarajal installiert die spanische Zivilgarde inzwischen eine rund 500 Meter lange schwimmende Barriere. Sie soll gemeinsam mit Bojen der spanischen Marine die Kontrolle und Überwachung der Küste verbessern und weitere derartige Anstürme verhindern.



