80-Milliarden-Dollar-Mauer: Indonesien kämpft gegen den Klimawandel
80-Milliarden-Mauer: Indonesien gegen Klimawandel

Ein Wettlauf mit der Zeit und dem Meer: Vor der Nordküste der Insel Java, wo über 30 Millionen Menschen leben und etwa 60 Prozent der Industrieproduktion Indonesiens ansässig sind, steigt der Meeresspiegel an, während das Land selbst absinkt. Als Reaktion auf diese Notlage hat die indonesische Regierung unter Präsident Prabowo Subianto ein Infrastrukturvorhaben von beispiellosem Ausmaß gestartet: eine rund 500 Kilometer lange Schutzwand an Javas Nordküste – die sogenannte „Giant Sea Wall“.

Ein System gegen die Fluten

Das Projekt ist weit mehr als ein einfaches Bauwerk gegen die Folgen des Klimawandels. Das Konzept sieht ein differenziertes System vor, bestehend aus vorgelagerten Barrieren, verstärkten Deichen und künstlichen Lagunen, das die Wassermassen kontrollieren und Überflutungen verhindern soll. Die geplante Anlage zieht sich von der Provinz Banten im Westen bis nach Gresik in Ostjava und ist eingebettet in das National Capital Integrated Coastal Development (NCICD)-Programm – ein übergreifender Plan, der bauliche Maßnahmen mit Küsten- und Stadtentwicklung verbindet.

80 Milliarden US-Dollar für die Mega-Mauer

Die erforderlichen Mittel sind beachtlich: Fachleute rechnen mit etwa 80 Milliarden US-Dollar. Doch angesichts von Prabowos kostspieligen Wahlversprechen hat der indonesische Haushalt nur sehr begrenzten Spielraum. Die Regierung will ein milliardenschweres Programm für kostenlose Schulmahlzeiten auflegen und leistet sich parallel dazu ein zweites Prestigeprojekt: den Bau der neuen Hauptstadt Nusantara. Neben öffentlichen Geldern soll die Giga-Mauer deswegen auch über private Kapitalgeber finanziert werden. Laut der „Indonesia Business Post“ haben China und Japan bereits Interesse bekundet, dazu kommen die Vereinigten Arabischen Emirate als potenzielle Partner. Ob sie letztlich tatsächlich beisteuern, bleibt abzuwarten. Ausländische Investoren ziehen sich derzeit massiv zurück, nachdem ein mutmaßlich politisch motivierter Gerichtsprozess gegen einen prominenten Wirtschaftsführer das Vertrauen in die Rechtssicherheit des Landes tief erschüttert hat.

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Bollwerke von historischem Ausmaß

Um die „Giant Sea Wall“ zu erfassen, lohnt sich ein Rückblick: Schon seit Mitte der 1990er Jahre kursiert die Vision einer Schutzanlage für die Jakarta-Bucht. Daraus entstand das sogenannte „Great Garuda“-Projekt: ein etwa 40 Kilometer langer Damm, 17 künstliche Inseln und ausgedehnte Stadtentwicklungspläne. Diese älteren Entwürfe flossen später in das NCICD-Programm ein. Das heutige Großprojekt wendet dieses Konzept nun auf die gesamte Nordküste Javas an, über 500 Kilometer, unterteilt in mehrere Einzelabschnitte. Jakartas Schutzwall ist nur einer davon.

Wissenschaftler zweifeln an Projekt

Doch es gibt etliche Skeptiker. „Die entscheidende Frage ist nicht ‚Mauer oder keine Mauer’, sondern vielmehr, ob es überhaupt möglich ist, eine derart immense Schutzwand so zu errichten, dass sie auch tatsächlich funktioniert“, schreiben Zane Goebel, Zonia Roitman und Udiana Dewi – Wissenschaftler der Universitäten Queensland und Sydney – in einer kritischen Analyse zum Thema. Bei ihrer Feldarbeit in drei Dörfern der zentraljavanischen Region Kendal fanden die Forschenden heraus, was passiert, wenn Schutzanlagen entstehen, ohne die Grundprobleme zu beheben: Erhöhte Straßenzüge und lokale Mauern lenkten das Wasser in tiefergelegene Wohnhäuser in der Nähe um. Salzwasser gelangte auf ehemals fruchtbares Agrarland. Staatliche Hilfen zeigten dabei nur begrenzte Wirkung. Ärmere Haushalte lehnten die Unterstützung ab, sobald sie von ihrer Eigenbeteiligung erfuhren. „Wenn man nicht gleichzeitig die Ursachen des Landabsinkens behebt, verlagert man Probleme nur und verstärkt bestehende Ungleichgewichte“, fassen die Wissenschaftler zusammen.

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Ein Projekt unter Druck

Die Wissenschaftler lehnen das Projekt nicht grundsätzlich ab – sehen es aber als unvollständig, solange zentrale Strukturprobleme nicht angegangen werden. Falls es gelänge, die Grundwasserförderung in den Griff zu bekommen, die Flüsse instand zu setzen und die Küsteninfrastruktur zusammen mit Anwohnerinnen und Anwohnern aufzubauen, „könnte Javas gigantische Schutzwand ein sinnvoller Baustein eines größeren Anpassungskonzepts sein“, schreiben sie. Doch: „Ohne diese Voraussetzungen läuft sie Gefahr, ein kostspieliger Fehlgriff zu werden.“ Bislang haben Verzögerungen, finanzielle Engpässe und zersplitterte Zuständigkeiten zwischen verschiedenen Ministerien das Vorhaben immer wieder gebremst. Dass der anvisierte Baubeginn im September 2026 tatsächlich stattfindet, ist gegenwärtig fraglich. Denn auch die wirtschaftlichen Vorzeichen für das Megaprojekt könnten kaum schlechter sein: Die Landeswährung Rupiah ist auf ein historisches Tief gestürzt und der Aktienmarkt verzeichnete den stärksten Einbruch seit der Asienkrise 1998. Java kämpft damit an zwei Fronten gleichzeitig: gegen einen Boden, der sinkt, und gegen ein Vertrauen, das schwindet.